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Neue Medikamente : Hoffnung auf Krebsheilung für 400.000 Euro

  • -Aktualisiert am

Seit vielen Jahren krebsfrei dank des neuen Verfahrens: Emily Whitehead Bild: T.J. Kirkpatrick/Redux/laif

Neue Therapien stehen in Europa vor der Zulassung. Sie versprechen vollständige Heilung. Was wäre der Preis für den Sieg über den Krebs?

          3 Min.

          Für manche Patienten sind sie die letzte Hoffnung, Ärzte halten sie für einen Meilenstein in der Krebstherapie: manipulierte körpereigene Zellen, die den Krebs bekämpfen. Statt Operieren, Bestrahlen oder Chemiekeule kommt jetzt CAR-T. In Amerika sind zwei Präparate nach dem Verfahren seit einem Jahr im Einsatz. In Europa wird die Zulassung der auf den einzelnen Patienten zugeschnittenen Therapie mit „lebendem Medikament“ im September erwartet, die Europäische Arzneimittelbehörde hat das im Juni empfohlen.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Die Erwartungen sind gewaltig. Sie reichen bis zum Heilsversprechen, dass der Blut- und Lymphdrüsenkrebs bei bisher Todgeweihten völlig verschwindet. Kronzeugin dafür ist Emily Whitehead. Bei der jungen Amerikanerin, die die Ärzte fast aufgegeben hatten, sei der Blutkrebs nach der Behandlung nicht mehr nachweisbar. Auf Fotos posiert die Teenagerin lachend mit dem Schild „6 Jahre krebsfrei“.

          Doch die Risiken durch Begleiterscheinungen der Therapie sind beträchtlich und, wie das „Deutsche Ärzteblatt“ schreibt, „in manchen Fällen sogar tödlich“. Deshalb soll die Therapie streng reglementiert werden. Vorgespräche zwischen Herstellern, Krankenkassen und Gesundheitsministerium dazu haben stattgefunden. Einstweilen bleibt die Therapie Patienten vorbehalten, bei denen andere Prozeduren nicht angeschlagen haben.

          Strenge Regeln und hohe Preise

          Josef Hecken, der Chef des Gemeinsamen Bundesausschusses, der über die Kostenerstattung durch die Kassen entscheidet, nennt weitere Bedingungen. Dazu gehört eine Behandlung nur „in ausgewählten, spezialisierten Zentren, um den hohen Risikoprofilen Rechnung zu tragen und einen qualitativ hochwertigen sowie indikationsgerechten Einsatz zu gewährleisten“. Ferner verlangt er eine lückenlose Kontrolle des Behandlungsfortschritts in Patientenregistern. So gewinne man mehr Informationen über den Verlauf. Bisher ist die Datenlage eher dünn.

          Gewaltig sind nicht zuletzt die Kosten. Zwar wollen sich die Hersteller Gilead und Novartis zu den Preisen, die sie in Deutschland aufrufen wollen, nicht äußern. Doch die Preise in Amerika sind bekannt. Dort verlangt Gilead für „Yescarta“, eine Therapie zur Bekämpfung von B-Zell-Lymphomen, 373.000 Dollar. Novartis ruft für sein Leukämie-Präparat CTL019, „Kymriah“, 475.000 Dollar, gut 400.000 Euro, auf.

          Der Preis ergebe sich aus dem hohen Wert, den die Therapie für Patienten, Kliniken, Gesundheitssysteme und die ganze Gesellschaft liefere, heißt es bei Novartis. „Die einmalige Behandlung kann bei Patienten mit lebensbedrohlichen Blutkrebserkrankungen, bei denen bisher alle Therapien versagt haben, dazu führen, dass keine Krebszellen mehr nachweisbar sind und damit eine reelle Überlebenschance für diese Patienten gegeben ist.“ Der Therapieerfolg könne viele Jahre anhalten und hohe Behandlungskosten wie Stammzelltransplantationen vermeiden, die in Deutschland bei bis zu mehreren hunderttausend Euro liegen können.

          Gilead verweist für „Yescarta“ auf eine Studie, nach der bei der Hälfte der Patienten, die einmal eine Infusion mit den gentechnisch veränderten Zellen erhalten hatten, der Lymphdrüsenkrebs später nicht mehr nachweisbar war.

          Kosten könnten sinken

          Schon das Produktionsverfahren für die neuen Arzneien sei extrem aufwendig, sagt Thomas Taapken, Vorstand der Medigene AG. Sein Unternehmen befasst sich mit dieser Art „personalisierter Medizin“. Körperzellen müssen entnommen, in einem aufwendigen technischen Verfahren „umprogrammiert“ werden, dann wieder in die Klinik gebracht und dem Patienten mit einer Infusionslösung verabreicht werden. Auf Dauer erhofft sich Taapken Kostenersparnisse durch technischen Fortschritt und Automation.

          Die Krankenkassen verfolgen das Thema aufmerksam, nicht nur, aber auch wegen der potentiell hohen Kosten. Noch ist die Zahl der Patienten, die mit den neuartigen Verfahren behandelt werden könnten, klein. Bei diesem Lymphdrüsenkrebs schätzt Gilead die Zahl der jährlich in Deutschland zu Behandelnden auf 800. Von Novartis’ neuer Blutkrebs-Therapie könnten hierzulande etwa 150 junge Menschen im Jahr profitieren.

          Alternative: Bezahlung je nach Behandlungserfolg

          Doch sollten die Erfolge durchschlagend und die Nebenwirkungen beherrschbar sein, dürften solche Therapien auch in früheren Behandlungsstadien eingesetzt werden. Das würde die Zahl der Behandlungen stark ausweiten. Auch werden viele neue Therapien auf Basis „umprogrammierter“ körpereigener Zellen entwickelt. Mit mehr Fällen und mehr Krankheitsbildern könnte ein Kostenschub auf die Kassen zukommen – auf der anderen Seite könnten sie viel Geld für weniger taugliche Behandlungen sparen. Solch eine – reine finanzielle – Rechnung birgt derzeit viele Unbekannten.

          Novartis hat vor dem Hintergrund in Amerika bereits angeboten, die Bezahlung am Behandlungserfolg auszurichten: „Pay for performance“. Die Frage, ob der Konzern darauf auch in Deutschland setzt, blieb unbeantwortet. Der Spitzenverband der Kassen erklärte, man warte ab, ob solche Modelle von den Unternehmen auch für den deutschen Markt erwogen würden „und wie sie im System der gesetzlichen Krankenversicherung ausgestaltet werden könnten“.

          Eile ist geboten

          Denn hier liegen Tücken im System. Wie und wann misst wer den Therapieerfolg? Die individualisierte Erstattung sei „keine universelle Systemalternative für die Zukunft, sondern könnte eher eine interessante Ergänzung zum heutigen Preissystem sein“, sagte die Hauptgeschäftsführerin des Verbands forschender Arzneimittelhersteller, Birgit Fischer. Personalisierte Zelltherapien wie die nun vor der Zulassung stehenden für bestimmte Untergruppen der Leukämien und Lymphome seien dafür jedoch geeignet. Solche Verträge müssten dann zwischen einzelnen Kassen und Herstellern geschlossen werden.

          Einstweilen aber müssen die Kliniken, die ihre Patienten nach den neuen Verfahren behandeln wollen, die Kostenübernahme durch die Kasse vorab beantragen. So lange, bis die in die Fallpauschalen der Kliniken aufgenommen seien, könne man nicht warten, sagte einer, der mit dem Verfahren vertraut ist. „So lange würden die Patienten nicht überleben.“

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