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Moral in der Krise : Der Corona-Profiteur

Der Unternehmer Jaffer Ali verdient derzeit kräftig in der Corona-Krise. Wie viel Gewinn ist aber anständig? Bild: Pulse.tv

Jaffer Alis Unternehmen in Chicago gedeiht mit Atemschutzmasken, Seife und Trockenfleisch. Für Leute, die ihn mit dem Vorwurf der Wucherei konfrontieren, hat er nur Verachtung übrig. Er findet: In der Krise herrschen andere Regeln, andere Risiken und zwangsläufig andere Preise.

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          Jede Krise bringt ihre Schurken hervor, ihre Entrepreneure, ihre Opfer und ihre Persönlichkeiten, die wohlfeile Moral produzieren. Über Jaffer Ali, den Unternehmer aus Chicago, ist das öffentliche Urteil noch nicht gesprochen, in welche Kategorie er gehört. Amerikas Staatsanwälte werden aktuell überschwemmt mit Anzeigen. Der Vorwurf lautet, Händler verlangten Wucherpreise für rare Artikel wie Desinfektionsmittel, Atemschutzmasken oder Handschuhe. Die Empörung über Leute, die aus der Not anderer Profit schlagen, hat längst die Politik erreicht. Demokraten haben am Mittwoch ein Gesetz ins Repräsentantenhaus eingebracht, dass den Preistreibern den Garaus machen soll.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Ali ist ein 63 Jahre alter Mann aus Chicago, der in seinem Leben acht oder neun Firmen gegründet hat. Er ist Unternehmer in fünfter Generation. Sein Vater, ein Einwanderer aus dem Mittleren Osten, handelte unter anderem mit Sägeblättern aus Schweden. Jaffer Ali ist nun wild entschlossen, diese schwere Krise für Geschäfte zu nutzen. Gewöhnlich verkauft er über seine schnell wachsende Internet-Handelsplattform PulseTV ein Sortiment, das von Taschenlampen, Handschuhen über Socken mit Weihnachtsmotiven bis hin zu besonderen Schuheinlagen, Massagegeräten und Kopfhörern reicht. Die Auslage erinnert in ihrer Zusammenstellung an das Nebensortiment des Kaffeerösters Tchibo und die bunte Warenwelt des Verkaufsfernsehens.

          Knoblauchpulver angepriesen

          Seit wenigen Wochen hat die Firma die verschiedenen Abteilungen in der Verkaufsplattform um die Warenrubrik Virenschutz ergänzt: Hier wird ein Handreiniger auf Alkoholbasis unter dem Namen „Purifize“ feilgeboten. Weitere Verkaufsschlager sind Seifen, die Mitglieder der Amish-Religionsgemeinschaft handgefertigt haben. Ein Knoblauchpulver, das die Widerstandskraft des Körpers stärken soll, wird angepriesen und ein Erste-Hilfe-Koffer. Ganz kurz gab es auch die hochbegehrten Atemschutzmasken und Latex-Handschuhe. Das Geschäft brummt.

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          Am Telefon klingt Jaffer Ali freundlich, souverän, nicht besonders gestresst und nicht weiter beunruhigt. Er ist einer dieser Händler, die ins Visier der Staatsanwälte geraten sind. Der konkrete Anlass: Auf seiner Online-Shopping-Website PulseTV verkauft Jaffer Ali den Handreiniger Purifize für 10 Dollar den Viertelliter. Purell, das in ganz Amerika bekannte Produkt des Marktführers, kostet knapp 6 Dollar.

          Purell allerdings hat einen Haken. Auf den einschlägigen Handelsplattformen Amazon, Target oder Walmart heißt es, Krankenhäuser hätten Priorität bei der Belieferung, man stelle sich besser auf längere Lieferfristen ein. Jaffer Alis Desinfizierer dagegen kommt zuverlässig wenige Tage nach der Bestellung.

          In der Krise zeigt sich der Unternehmer. Jaffer Ali bekam am Samstag den 7.März den Anruf von seinem Geschäftspartner und Cousin. Er kenne aus der Nachbarschaft einen Mann, der Reinigungsmittel für die Industrie herstelle. Vielleicht könne er auch einen Handreiniger auf Alkoholbasis herstellen. Ali war Feuer und Flamme. Am Montag wurde der Fabrikant gewonnen, fünf Tage später konnte Jaffer Ali die erste Palette mit dem Material in Empfang nehmen. Mitte März ging sie an die Kundschaft. Ali füllt ganz offensichtlich eine dank der Pandemie aufklaffende Marktlücke.

          Ursprünglich hatte er die Produktion und Füllung von 10.000 Viertelliter-Flaschen mit dem Mittel vereinbart. Inzwischen produziert die Fabrik jeden Tag 10.000 Flaschen, Jaffer Ali hat unterdessen eine zweite Fabrik für den Einstieg in die Produktion gewonnen. Jaffer Ali verbindet mit dem überwiegenden Rest der Welt, dass er noch nie zuvor Handreinigungsmittel hergestellt und keine nennenswerten Produktkenntnisse hatte. Im Unterschied zum großen Rest machte er sich auf die Socken, als er erkannte, dass das Angebot zumindest für ein paar Wochen knapp sein würde.

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