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Kommentar zum Lira-Verfall : Ignorant Erdogan

Staatschef Erdogan lehnt die Hilfe des IWF ab. Bild: AFP

Erdogan alleine ist für den Verfall der Lira verantwortlich und nicht eine böse „internationale Zinslobby“. Noch ist der türkische Staatschef zu stolz, das zu akzeptieren. Am Ende wird er in den sauren Apfel beißen müssen.

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          Es ist es eine Krise wie aus dem Lehrbuch: In einer überhitzenden Wirtschaft mit Wachstum auf Pump gerät die Inflation aus dem Ruder. Eigentlich müsste die Zentralbank die Leitzinsen anheben, um das Kreditwachstum zu bremsen. Doch die Politik hindert sie daran. In der Türkei hat Staatschef Recep Tayyip Erdogan seine ganz eigene Zins-Theorie. Er fordert niedrige Zinsen zur Inflationsbekämpfung. Das ist so, als wollte man Feuer mit Öl bekämpfen. Folglich erodiert das Vertrauen in die türkische Währung in rasantem Tempo. Seit Jahresanfang hat sie fast die Hälfte ihres Wertes verloren. Die amerikanischen Sanktionen und Zölle im Streit über den inhaftierten amerikanischen Pastor waren nur der letzte Kick auf dem Abwärtstrend der Lira. Gleichzeitig sind die Risikoprämien für türkische Anleihen in die Höhe geschossen, die Aktienkurse von Banken stürzen ab.

          Regierung und Behörden am Bosporus reagieren auf die Krise mit der inzwischen schon gewohnten Mischung aus Sündenbock-Suche und Paranoia. Statt die eigene Verantwortung für die Schuldenpolitik zu sehen – schließlich hat die Regierung die Banken geradezu gedrängt, immer mehr Kredite zu vergeben –, schimpft Erdogan auf eine „internationale Zinslobby“ und eine „Verschwörung“ gegen die Türkei. Das Innenministerium reagiert mit Repression und will durch die Zensur von sozialen Medien wie Twitter den Lira-Verfall stoppen. Man ermittle gegen Hunderte Nutzer, die den Kursverfall „auf provozierende Art“ kommentiert hätten, heißt es. Erdogan hofft im „Wirtschaftskrieg“ auf die Hilfe Allahs. Mit solchen Sprüchen wird er das angeschlagene Vertrauen internationaler Anleger bestimmt nicht zurückgewinnen. Und je mehr die Lira verfällt, desto drückender werden die in Dollar und Euro nominierten Schulden der Unternehmen und Privatleute. Reihenweise Insolvenzen sind absehbar. Bei einer größeren Bankenkrise reichen die staatlichen Devisenreserven nicht mehr.

          Mehr und mehr zeigt sich, dass Erdogan ein in Finanzfragen ignoranter Autokrat ist. Wenn die Türkei tiefer in den Strudel aus Inflation, Anlegerpanik und Schuldenkrise gerät, bleibt ihm am Ende doch nur der Gang zum Internationalen Währungsfonds. Wie schon zur Jahrtausendwende müsste der IWF die Türkei mit einem Hilfsprogramm unterstützen, das mit Auflagen verbunden wäre. In seiner stolzen und hochfahrenden Art wehrt sich Erdogan gegen diesen aus seiner Sicht demütigenden Bittgang. Er wird aber wohl bald unvermeidlich sein.

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          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

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