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Altmaiers Wirtschaftspolitik : Unter Strom

Der Marketingchef in der Rolle eines Politikers: Wirtschaftsminister Peter Altmaier reist so viel wie kein anderer Politiker der großen Koalition. Menschen zu überzeugen und vor der Kamera eine gute Figur zu machen fällt ihm nicht schwer. Bild: EPA

In der Öffentlichkeit bekommt Wirtschaftsminister Peter Altmaier viel Applaus von Managern. Doch hinter den Kulissen rumort es: Sein industriepolitisches Selbstbewusstsein irritiert.

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          Diesmal lachen sie nicht. Es ist ein schwül-heißer Tag in der indonesischen Hauptstadt Jakarta. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) steht in der Aula der Atma-Jaya-Universität und macht den Witz, mit dem er Vorträge so gerne eröffnet. „Ich bin zwar nicht der wichtigste Minister dieser Regierung“, sagt er, „aber der mit Abstand gewichtigste.“ Wenn Altmaier vor Managern redet, sind ihm an dieser Stelle die Lacher sicher. Die Studenten dagegen bleiben still. Altmaier ist sichtlich irritiert. Er verhaspelt sich, eilt geradezu durch sein Manuskript. Die Müdigkeit nach bald einer Woche auf Reisen in Asien ist ihm anzumerken. Doch je länger er redet, desto mehr gewinnt er seine Sicherheit zurück. Seine Stimme wird lauter, seine Arme rudern mit. Am Ende, als er auch noch eine zweite und dritte Fragerunde der Studenten zulässt, bekommt er tosenden Applaus. Altmaier, der Menschenfänger, hat es wieder einmal geschafft.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Wenn es etwas gibt, was diesen Wirtschaftsminister auszeichnet, dann ist es wohl das: dass er bislang noch jedes Publikum für sich gewinnen konnte. Und dass er es genießt, diese Fähigkeit immer wieder aufs Neue unter Beweis zu stellen. Altmaiers Sendungsbewusstsein, sein Reise- und Redepensum, suchen in der großen Koalition ihresgleichen. Wie ein Besessener eilt der Sechzigjährige von Termin zu Termin. Ob in Washington, Moskau, Ankara, Jakarta oder im Emsland, ob zum Welthandel, Nord Stream 2, dem Netzausbau oder dem Frauenwahlrecht: Altmaier ist überall und hat zu allem etwas zu sagen. Wäre die Bundesregierung ein Unternehmen, Altmaier wäre der geborene Marketingchef. So ist er eher eine Art Wirtschaftsaußenminister als ein klassischer Vertreter seiner Zunft.

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