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Mehr als verdoppelt : Klöckner alarmiert über hohe Bodenpreise

Mähdrescher bei der Weizenernte in Mecklenburg-Vorpommern. Dort sind die Kaufpreise für Agrarland besonders stark gestiegen. Bild: dpa

Die Preise für Ackerland sind in den letzten zehn Jahren stark angestiegen. Die Landwirtschaftsministerin gibt Investoren die Schuld. Aber es gibt noch andere Faktoren.

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          Nicht nur Immobilien werden in Deutschland immer teurer. Auch für landwirtschaftliche Flächen werden heute deutlich höhere Preise gezahlt als noch vor einigen Jahren, wie neue Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen. Demnach kostete ein Hektar landwirtschaftlicher Boden im Jahr 2009 im Durchschnitt noch 10908 Euro. Im vergangenen Jahr lag der Preis mit 25485 Euro mehr als doppelt so hoch.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Svea Junge

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Den größten Anstieg gab es in Mecklenburg-Vorpommern, wo die Kaufpreise für Acker- und Grünland auf das 2,9-Fache des Werts von vor zehn Jahren stiegen. Auch in Sachsen, Bayern, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen gab es mindestens eine Verdopplung.

          Äcker als Anlage in Zeiten niedriger Zinsen gefragt

          Weniger stark fiel der Preisanstieg in Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz aus. Im Saarland liegen die Preise heute sogar unter dem Niveau von 2009. Insgesamt stiegen die Preise in den östlichen Bundesländern stärker. Dort liegen sie heute beim 2,6-Fachen des Ausgangswerts, im Westen nur beim 2,1-Fachen. Allerdings ist der absolute Durchschnittspreis im Osten mit zuletzt 15 720 Euro je Hektar deutlich niedriger. In den westlichen Bundesländern wurden zuletzt 37846 Euro je Hektar aufgerufen. Absoluter Spitzenreiter ist Niederbayern mit 107 199 Euro.

          Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) hält die starke Verteuerung von Ackerland für besorgniserregend. „Das ist alarmierend, was da läuft“, sagte sie am Mittwoch anlässlich der Vorstellung des agrarpolitischen Berichts der Bundesregierung in Berlin. Vielfach deckten die Erlöse die Pachtpreise nicht mehr. „Wir haben außerlandwirtschatliche Investoren, die mit Ackerland spekulieren – gerade in den neuen Bundesländern“, sagte Klöckner. Dies habe auch Auswirkungen auf das Leben in den Dörfern, wenn nur zwei, drei Mal im Jahr Arbeiter im Auftrag der Grundbesitzer kämen, die aber nicht dort wohnten.

          Eine der Ursachen für den Anstieg der Bodenpreise ist die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Sie führt dazu, dass es auf Erspartes keine Zinsen mehr gibt, Kredite zugleich so günstig sind wie lange nicht. Viele Anleger stürzen sich deshalb auf Immobilien und Ackerland. „Landwirtschaftliche Flächen sind eine sehr sichere Anlage“, sagt der Forscher Andreas Tietz vom Thünen-Institut, das zum Bundeslandwirtschaftsministerium gehört.

          Die Pachtrenditen für Agrarflächen lägen zwar unter den Mietrenditen für Wohnimmobilien. Sie seien aber in der Regel auch mit geringeren Folgekosten verbunden. Agrarland braucht keine kostspieligen Modernisierungen, auch das Risiko von Mietausfällen ist begrenzt. Gleichzeitig werden immer mehr landwirtschaftliche Flächen zu Wohngebieten und Straßen umgewandelt, weshalb es zu einer Verknappung fruchtbarer Böden kommt.

          Bauern aus der Region beim Kauf häufig ausgebootet

          Politisch viel diskutiert wird in diesem Zusammenhang, wie viel Einfluss überregionale Investoren haben, die nicht aus der Landwirtschaft kommen. Sie bewirtschaften oftmals große Flächen und kommen überdurchschnittlich in den Genuss der EU-Agrarsubventionen, die sich hauptsächlich an der Größe eines Betriebes bemessen. Von den Ertragsteuern profitiert allerdings vor allem der Ort, in dem der Investor seinen Hauptsitz hat. Die ländlichen Regionen gehen größtenteils leer aus.

          Eigentlich haben Landwirte aus der Region ein gesetzliches Vorkaufsrecht, wenn Agrarflächen auf den Markt kommen. Über sogenannte Share-Deals wird diese Regelung in der Praxis allerdings häufig umgangen. Dabei kauft ein Investor nicht direkt den Acker oder die Wiese, sondern er erwirbt die Mehrheit der Anteile an dem Unternehmen, dem die Flächen gehören.

          Für eine solche Übernahme bedarf es anders als im Fall eines Verkaufs keiner Genehmigung. Hinzu kommt, dass bei diesen Geschäften keine Grunderwerbsteuer fällig ist – ein doppelter Vorteil für die Investoren.

          „Luft für weitere Preissteigerungen ist weitgehend raus“

          Klöckner sagte dazu, dass „Ackerland in Bauernhand“ gehöre. Landwirte sollten größere Chancen beim Zugriff auf Flächen erhalten, etwa durch steuerrechtliche Änderungen und mehr Transparenz bei bevorstehenden Verkäufen. Sie betonte noch einmal die Bedeutung der Landwirtschaft für Deutschland.

          Jeder neunte Arbeitsplatz habe etwas mit der Land- und Ernährungswirtschaft zu tun, das seien rund 4,7 Millionen Menschen. Gleichwohl hätten zwischen 2010 und 2016 etwa 23700 Betriebe aufgehört, die Zahl schrumpfe jährlich um 1,4 Prozent. „Das stellt uns nicht zufrieden“, sagte Klöckner.

          Befeuert wurde der Preisanstieg für Agrarland auch durch die garantierte Einspeisevergütung für Erneuerbare Energien. Dadurch wurden große Raps- oder Maisfelder attraktiv, deren Ernte in Biogasanlagen in Energie umgewandelt wird. Für neue Anlagen wird inzwischen keine garantierte Einspeisevergütung mehr gewährt, für Bestandsanlagen gilt sie jedoch weiterhin.

          Dass sich die Entwicklung der Bodenpreise wie in den vergangenen zehn Jahren fortsetzt, glaubt Thünen-Forscher Tietz aber nicht. „Die Luft für weitere Preissteigerungen ist weitgehend raus.“ Investoren würden erkennen, dass es keine garantierten Erträge gibt – erst recht nicht in Zeiten mit mehr extremen Wetterlagen und entsprechend unsicheren Ernten.

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