https://www.faz.net/-gqe-9li30

Arbeitsmigration : Japan öffnet sich

  • -Aktualisiert am

Die Konkurrenz schläft nicht: Auch andere Länder in Asien oder Europa altern und versuchen, ausländische Arbeitskräfte zu rekrutieren. Bild: dpa

Das Land wirbt nun um Arbeitskräfte, doch konkurriert es mit anderen Standorten und Shinzo Abe nimmt das Wort Immigration nur in den Mund, um es zu verneinen. Die neuen Regelungen sind da ein erstaunlich mutiger Schritt.

          3 Min.

          Japan genießt den Ruf eines abgeschlossenen Landes, das nur wenige Immigranten auf seine Inseln lässt. Das stimmt, und es stimmt auch wieder nicht. Nur 2,7 Millionen, rund 2 Prozent der Bevölkerung, sind Ausländer. Im internationalen Vergleich ist das sehr wenig. In Deutschland liegt der Ausländeranteil bei etwa 12 Prozent. Japan ließ zuletzt aber stetig mehr Ausländer herein, um dem Arbeitskräftemangel in der seit 2008 schrumpfenden Bevölkerung ein wenig entgegenzuwirken. Seit 2012 nahm Japan 700 000 Ausländer auf. So verschlossen ist das Land gar nicht mehr. Deutlich wird das im Alltag daran, dass in den allgegenwärtigen Kleinstsupermärkten oder in den Ramen-Restaurants immer mehr ausländisches Personal anzutreffen ist.

          Japan hat dennoch keine durchdachte Einwanderungspolitik. Ministerpräsident Shinzo Abe nimmt das Wort Immigration nur in den Mund, um es zu verneinen. Er will den rechten Flügel der Liberaldemokraten nicht reizen und in der Bevölkerung keine Ängste wecken. Beginnend mit diesem Monat aber öffnet Japan seinen Arbeitsmarkt systematisch für normale Arbeiter, bislang durften nur qualifizierte Spezialisten herein. In den nächsten fünf Jahren sollen in ausgewählten Berufen bis zu 345 000 Arbeiter kommen, von Pflege- und Reinigungsfachkräften über Hotelangestellte bis zu Arbeitern in der Elektronik- und Flugzeugindustrie sowie in der Landwirtschaft. Die meisten dürfen fünf Jahre bleiben. Im Kern führt Japan ein Gastarbeitersystem ein, vergleichbar dem deutschen in den fünfziger und sechziger Jahren.

          Die Neuerung hebt sich positiv von der bisherigen Politik der offenen Hintertür ab. In den neunziger Jahren erlaubte Tokio den Nachfahren japanischer Auswanderer nach Brasilien und Peru, sich im scheinbaren kulturellen Heimatland niederzulassen. Rund 375 000 kamen bis 2007. Mit der Rezession im Zuge der großen Finanzkrise wurde ein großer Teil der Japanischstämmigen wieder hinausgedrängt oder ging von allein. Teils zahlte die Regierung in Tokio Rückkehrprämien.

          2018 waren fast 330.000 technische Praktikanten registriert

          Nicht weniger hart ist der Umgang Japans mit ausländischen Lehrlingen oder Praktikanten, die drei bis fünf Jahre im Lande arbeiten dürfen. Was eigentlich dem Transfer von Fachwissen in Entwickungsländer dienen soll, ist Japan zunehmend eine Quelle billiger Arbeitskraft. 2018 waren fast 330.000 technische Praktikanten registriert, fast 20 Prozent mehr als im Vorjahr, viele aus Vietnam.

          Vielen kleinen und mittelgroßen Unternehmen am leergefegten Arbeitsmarkt sind diese Arbeiter hochwillkommen. Doch häufen sich Berichte über Missbrauch, zu lange Arbeitszeiten und unterschlagene Lohnzahlungen. Der Arbeitsmarkt im Niedriglohnbereich wird ferner durch fast 340.000 ausländische Studenten bedient, viele aus China, die bis zu 28 Stunden die Woche nebenher arbeiten dürfen.

          Eine Negativerfahrung machte Japan vor einem Jahrzehnt, als es zur Linderung des absehbaren Pflegenotstands in der alternden Bevölkerung jedes Jahr Tausende Krankenschwestern und Pflegekräfte aus Indonesien, den Philippinen und später auch aus Vietnam holen wollte. Es kamen viel weniger, und die meisten verließen Japan wieder, weil das Land zu hohe Sprach- und Prüfungsanforderungen setzte. Für viele der Pflegekräfte war es auch attraktiver, im Heimatland oder anderswo zu arbeiten, als im ethnisch recht homogenen Japan viele Überstunden zu leisten, ohne als Ausländer Anschluss zu finden.

          Die größte Schwierigkeit für Japan liegt im Ausland

          Solche Fallstricke will die Regierung nun umgehen. Eine neue Behörde soll die Arbeitsbedingungen überwachen. Die Gastarbeiter sollen mindestens so viel Lohn erhalten wie Japaner. Am Bau und im Schiffbau eröffnet Japan höherqualifizierten Arbeitern die Chance auf ein dauerhaftes Arbeitsvisum. Sie dürfen ihre Familien mitbringen. Ob die Schutzmaßnahmen reichen, um Missbrauch zu verhindern, wird sich zeigen. Die Integrationsarbeit lastet auf den Schultern der Städte und Unternehmen, von denen viele nicht hinreichend vorbereitet sind.

          Die größte Schwierigkeit für Japan liegt im Ausland. Auch andere Länder in Asien oder Europa altern und versuchen, ausländische Arbeitskräfte zu rekrutieren. Überlange Arbeitszeiten und relativ niedrige Einkommen in einer Gesellschaft, die sich Fremden gegenüber nur zögerlich öffnet, dürften viele potentielle Gastarbeiter ihr Glück anderswo suchen lassen. Japan konkurriert mit Deutschland um philippinische Pflegekräfte oder mit den Vereinigten Staaten um kluge ausländische Studenten, die auch noch nach dem Abschluss im Land eine Perspektive sehen. Dass das konservative Japan, das Ausländer auch nach Jahren noch als Fremde ansieht, im internationalen Wettbewerb um Köpfe und Hände mithalten kann, ist nicht gesagt.

          Die neuen Gastarbeiterregelungen sind dennoch ein für Japan erstaunlich mutiger Schritt. Daraus könnte sich eine echte Einwanderungspolitik entwickeln. Wie schon mit der Öffnung zum Freihandel mit Europa und im pazifischen Raum zeigt Ministerpräsident Abe, dass seine Regierung nicht nur Geld drucken und schuldenfinanziert Geld ausgeben, sondern auch Reformen kann. Die Kritik, Abenomics treibe die strukturelle Liberalisierung der Wirtschaft nicht voran, greift immer weniger.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Boris Johnson am Donnerstag in Brüssel.

          Brexit-Streit : Noch viel Überzeugungsarbeit für Boris Johnson

          Mit den EU-Partnern hat sich Großbritanniens Regierungschef auf eine neuen Entwurf des Brexit-Vertrags geeinigt. Doch im britischen Unterhaus muss Boris Johnson weiter um jede Stimme dafür kämpfen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.