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Tod durch Überarbeitung : Japan kämpft gegen Karoshi

Arbeitsbeginn in Tokio: Ab diesem Montag dürfen Arbeiter in Großbetrieben jedoch nicht mehr als 100 Stunden Überstunden machen. Bild: AFP

100 Stunden im Monat – das ist in Japan die neue Höchstgrenze für Überstunden. Die Regierung will damit dem Tod durch Überarbeitung vorbeugen.

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          Mit dem Beginn des neuen Fiskaljahrs an diesem Montag greifen in Japan zwei wichtige Reformen am Arbeitsmarkt. Zum einen setzt die Regierung eine neue Höchstgrenze für Überstunden, um Karoshi, dem Tod durch Überarbeitung, entgegenzuwirken. Zum anderen führt Japan zwei neue Visum-Kategorien ein, um eine geregelte Zuwanderung von Arbeitern zu ermöglichen. Beide Reformen sind nicht unabhängig voneinander zu sehen.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Die Begrenzung der Zahl der Überstunden ist Teil eines Pakets von „Workstyle“-Reformen, mit denen Ministerpräsident Shinzo Abe den Japanern ein angenehmeres Arbeiten ermöglichen möchte. Als Motiv dahinter muss man vermuten, dass Abe den Konsum stärken und die Japaner deshalb antreiben will, mehr Freizeit in Anspruch zu nehmen. Zu der schärferen Begrenzung der Überstunden trug auch der Freitod einer jungen überarbeiteten Angestellten einer Werbeagentur am Weihnachtstag 2015 bei, der in Japan viele erschüttert hatte. Die neuen Vorschriften gelten von diesem Montag an zunächst für Großunternehmen. Die Höchstzahl der Überstunden wird auf 100 Stunden im Monat und höchstens 720 Stunden im Jahr begrenzt. Ab dem kommenden Jahr greift die Vorschrift auch für kleine und mittlere Unternehmen.

          Mit der Begrenzung der Überstunden verbindet die Regierung auch die Hoffnung eines Produktivitätsschubs. Die langen Arbeitsstunden in Japan werden als Produktivitätshemmnis angesehen. Im internationalen Vergleich arbeiten abhängig beschäftigte Japaner nach Angaben der OECD 1724 Stunden im Jahr. Das ist weniger als die Südkoreaner mit 2052 Stunden, aber weit mehr als die 1298 Stunden im Jahr in Deutschland.

          Gastarbeiter für Japan

          An diesem Montag führt Japan zugleich ein Gastarbeiterprogramm ein, mit dem in den kommenden fünf Jahren bis zu 345.000 ausländische Fachkräfte ins Land geholt werden sollen. Ihre Tätigkeiten sind auf bestimmte Wirtschaftsbereiche beschränkt. Das Gros der Gastarbeiter wird für bis zu fünf Jahre im Land bleiben dürfen. Nur in den Bereichen Bau und Schiffbau dürfen höher qualifizierte Arbeiter unbegrenzt bleiben und ihre Familie mitbringen.

          Japan, dessen Bevölkerung seit 2008 schrumpft, öffnet den Arbeitsmarkt mit dem neuen Programm erstmals offiziell für ausländische Arbeiter. Bislang können nur hoch qualifizierte Spezialisten Arbeitsvisa erhalten.

          Beide Reformen stehen in einem gewissen Zusammenhang. Frühere Erfahrungen mit begrenzten Programmen zur Einwanderung von Pflegekräften zeigen, dass Japan auch wegen seiner überlangen Arbeitszeiten Schwierigkeiten hat, ausländische Arbeiter anzuwerben. Die Begrenzung der Überstunden könnte so zum Erfolg des neuen Gastarbeiterprogramms beitragen, weil Japan für ausländische Fachkräfte attraktiver wird.

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