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Belastung der IntensivstationeN : Doppelt so viele Covid-Fälle wie im Frühjahr?

Menschen mit Corona-Infektion werden auf der Intensivstation IT2 im Operativen Zentrum II des Universitätsklinikum Essen behandelt. Bild: dpa

„Die Infektionslage ist besorgniserregend“, sagt Deutschlands oberster Krankenhausvertreter – und fordert neue Prämien für freigehaltene Betten. Andernfalls könnten kirchliche wie private Häuser in finanzielle Not geraten.

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          Die deutschen Krankenhäuser erwarten in den kommenden Wochen einen gewaltigen Ansturm von Corona-Patienten. „Die Infektionslage ist besorgniserregend“, sagte der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß, der F.A.Z. „Wir gehen sicher davon aus, dass wir noch im November eine zweite Welle in den Intensivstationen erleben werden, die mehr als doppelt so viele Patienten bringt wie die erste Welle im Frühjahr.“

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Am Freitag wurden auf deutschen Intensivstationen 1839 Covid-19-Patienten behandelt, 143 mehr als am Donnerstag. Die Hälfte der Patienten wurde beatmet. Von den insgesamt 29.221 gemeldeten Intensivbetten waren 7539 nicht belegt.

          Gaß betonte, dass die Konzentration auf die Covid-19-Fälle für andere Patienten bedeute, dass so genannte elektive Operationen und Behandlungen ausgesetzt werden müssen, um Platz auf den Normal- und Intensivstationen zu schaffen. Wie in der Frühphase der Epidemie werde es „ohne Zweifel notwendig sein, planbare und medizinisch nicht dringliche Leistungen zu verschieben“, kündigte Gaß an.

          Die Absagen erfolgten nicht überall in gleichem Umfang, „aber regional und stufenweise wird dies unausweichlich sein“. Das Aussetzen der Behandlung beeinträchtigt nicht nur die Patienten, sondern auch die Krankenhäuser, die mit leeren Betten kein Geld verdienen. „Wir benötigen wieder eine finanzielle Kompensation wie die Freihaltepauschale. Ohne diese laufen wir Gefahr, dass sich Unsicherheit in den Kliniken breit macht, die schon jetzt spürbar ist“, warnte Gaß. „Es ist dringend erforderlich, dass schnellstmöglich wieder Komponenten des Rettungsschirms aktiviert werden.“

          Ähnlich könne mit pandemiebedingten Mehrkosten verfahren werden

          Eine entsprechende Regelung sei in dem von Bund und Ländern vereinbarten Teillockdown versäumt worden, kritisierte Gaß. „Wir hätten uns dieses klare Bekenntnis auch schon bei den Beschlüssen am Mittwoch gewünscht.“

          Gerald Gaß, Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft
          Gerald Gaß, Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft : Bild: Picture-Alliance

          Die Prämien für vakant gehaltene Betten waren Ende September ausgelaufen. Ein Sprecher von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sagte, es gebe aber eine Anschlussregelung im neuen Krankenhauszukunftsgesetz. Corona-bedingte Erlösrückgänge im Jahr 2020 könnten „im Rahmen von krankenhausindividuellen Verhandlungen der Vertragsparteien vor Ort ausgeglichen werden“, also zwischen den Kliniken und den Krankenversicherungen.

          Ähnlich könne mit pandemiebedingten Mehrkosten verfahren werden, etwa für Schutzausrüstung. Es sei vorgesehen, dass die Vertragsparteien auf Bundesebene bis zum Jahresende die Details zur Kompensation festlegten; dies sind neben der DKG auch der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen sowie der Verband der privaten Krankenversicherung.

          Volle Konzentration aller Ressourcen auf den Schutz der Bevölkerung

          Gaß machte demgegenüber deutlich, dass es zusätzlicher gesetzlich verankerter Entlastungen bedürfe. So müssten, wie im Frühling, die aufwendigen Prüfungen der Kliniken durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen reduziert werden. Ebenso dringlich sei die schnelle Rechnungsbegleichung durch die Krankenkassen, um die Liquidität der Häuser zu sichern: „Die Kliniken brauchen in dieser sich zuspitzenden Situation in finanzieller Hinsicht den Rücken frei, um sich der medizinischen Aufgabe stellen zu können“, forderte der Krankenhauspräsident.

          Gaß: „Die Verantwortlichen in den Krankenhäusern müssen wie im Frühjahr darauf vertrauen können, dass die volle Konzentration aller Ressourcen auf den Schutz der Bevölkerung den eigenen Standort nicht in eine wirtschaftliche Schieflage bringt.“

          Zuvor hatte schon die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) von einer „Notsituation“ gesprochen und die Politik aufgefordert, abermals einen Schutzschirm über den Krankenhäusern aufzuspannen. In den neuen Maßnahmen der Bundesregierung und der Ministerpräsidenten sei es „untergegangen“, die Krankenhäuser wie im März und April mittels Verordnung zur Reduktion ihre Regelbetreuung aufzufordern und dafür zu entschädigen, sagte Divi-Präsident Uwe Janssens in Berlin.

          Liquiditätsproblem innerhalb von sechs Wochen

          In den Kliniken auf den Corona-Betrieb umzustellen, würde Janssens zufolge auch den Mangel an Pflegekräften auf den Intensivstationen lindern. Denn die in den OP-Sälen nicht benötigten Anästhesiepfleger hätten dieselbe Ausbildung wie jene auf den Intensivstationen. Es stünden zwar noch genügend Intensivbetten frei, zumal die Kapazität mit staatlicher Unterstützung in der Corona-Krise ausgeweitet worden sei, hieß es. Doch gebe es zur Betreuung nicht genügend Personal. Schon in normalen Zeiten seien 20 bis 30 Prozent der Betten nicht „bepflegbar“.

          Wie Gaß verlangte auch Janssens, es müsse umgehend eine „finanzielle Kompensation für die Krankenhäuser“ geben, damit sie den Regelbetrieb verringern könnten: „Wenn wir jetzt herunterfahren, dann ist es tatsächlich so, dass die kirchlichen Häuser oder auch private Häuser innerhalb von sechs Wochen vor einem Liquiditätsproblem stehen.“

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