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Entlastungspaket wirkt : Inflation in Deutschland sinkt leicht auf 7,6 Prozent

Preisschilder mussten Dank der anhaltend hohen Inflation auch im Juni wieder angepasst werden. Bild: dpa

Die Preise für Energie und Lebensmittel steigen nach wie vor stark. Entlastungen, wie etwa das 9-Euro-Ticket oder der Tankrabatt, bremsen die Inflation leicht ab. Die weitere Entwicklung wird von den Gaspreisen abhängen.

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          Nach einer ersten Schätzung des Statistischen Bundesamtes (Destatis) ist die Inflation in Deutschland im Juni auf 7,6 Prozent gesunken. Für Mai hatten die Wiesbadener Statistiker noch eine Teuerungsrate von 7,9 Prozent festgestellt.

          Gregor Brunner
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Für Waren stiegen die Preise im Juni um 14,0 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Für Energie mussten Verbraucher 38,0 Prozent mehr bezahlen. Gegenüber Mai, in dem sich Energie um 38,3 Prozent verteuerte, lag die Teuerungsrate etwas niedriger. Die Senkung der Kraftstoffsteuer dürfte hierauf einen Einfluss gehabt haben. Nahrungsmittel verteuerten sich um 12,7 Prozent. Für Dienstleistungen wurden nur 2,1 Prozent höhere Preise verlangt. Eine leichte Trendwende war hier schon seit Mai zu beobachten. Hatte die Preissteigerung für Dienstleistung im April noch bei 3,2 Prozent gelegen, sank sie im Mai schon auf 2,9 Prozent. Es ist eine kleine Erleichterung für die Verbraucher, dass der Juni gegenüber dem Vormonat keinen weiteren Kaufkraftverluste brachte“, kommentierte Michael Heise, Chefökonom von HQ Trust, die Entwicklung. Allerdings, so Heise weiter, handele es sich wohl eher um eine Atempause und nicht um einen Wendepunkt in der Inflation. „Der Höhepunkt der Inflation dürfte eher im September erreicht werden.“

          Die Statistikämter der Bundesländer klären darüber auf, welche Waren und Dienstleistungen speziell teurer wurden. Die Länder Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, Sachsen, Berlin und Brandenburg vermeldeten für den Juni Inflationsraten zwischen 7,1 und 8,6 Prozent. In Bayern stiegen die Preise für Haushaltsenergie inklusive Strom und Gas im Jahresvergleich um 42,8 Prozent. Heizöl, das ebenso zur Haushaltsenergie zählt, war mit 102,7 Prozent sogar mehr als doppelt so teuer wie im Juni 2021. Benzin und andere Autotreibstoffe waren 33,8 Prozent teurer, teilte das Statistische Landesamt Bayern in Fürth am Mittwoch mit.

          Unter den Nahrungsmitteln waren Produkte stark betroffen, deren Preise durch den russischen Angriffskrieg in der Ukraine beeinflusst wurden. In Berlin verteuerten sich Mehl und andere Getreideerzeugnisse beispielsweise um 46,5 Prozent. Weizenmehl im speziellen sogar 70,5 Prozent. Für Sonnenblumen-, Rapsöl und Ähnliche Produkte betrug die Inflation in Berlin 154,5 Prozent. Sowohl für Weizen als auch Ölsaaten ist die Ukraine ein wichtiger Lieferant, der momentan aufgrund des Krieges weitestgehend ausfällt. In Brandenburg zahlten Verbraucher für Butter 48,3 Prozent mehr als im Vorjahresmonat, wie das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg am Mittwoch bekanntgab. Fleisch und Fleischwaren verteuerten sich in Brandenburg um 21,2 Prozent.

          Entlastungsmaßnahmen greifen

          Im Bereich Dienstleistungen wirkte dem Statistischen Landesamt Hessen zufolge die befristete Einführung des 9-Euro-Tickets preissenkend. Verbundfahrkarten in Hessen waren im Juni durchschnittlich 61,3 Prozent günstiger als ein Jahr zuvor und 62,1 Prozent günstiger als im Mai 2022. Preise für Bahnfahrten im Nahverkehr sanken gegenüber dem Vormonat durchschnittlich um 38,2 Prozent und kosteten 37,2 Prozent weniger als im Vorjahresmonat.

          „Man darf sich nicht Sand in die Augen streuen lassen“, sagte Dekabank-Chefvolkswirt Ulrich Kater der Nachrichtenagentur Reuters angesichts des sich abzeichnenden Rückgangs der Inflation im zu Ende gehenden Monat. „Es sind ja insbesondere fiskalische Entlastungsmaßnahmen, die die Inflation etwas herunter gebracht haben.“ Tankrabatt und Neun-Euro-Ticket im Öffentlichen Personennahverkehr dürften vorübergehend etwas dämpfen. „Das führt aber nicht an der Tatsache vorbei, dass wir bis zum Jahresende Inflationsraten von über sieben Prozent in Deutschland messen werden“, sagte Kater. Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer erwartet schon ab September wieder eine stärkere Inflation, sobald die Entlastungsmaßnahmen auslaufen. „Das gilt umso mehr, als die deutschen Unternehmen die massiv gestiegenen Materialkosten noch lange nicht vollständig an die Verbraucher weitergegeben haben“, mahnte Krämer. Erst ab Januar 2023 dürfte es dann nach unten gehen, wenn nicht neue Krisen ausbrechen sollten, sagte Ulrich Kater.

          Gegen die anhaltend hohe Inflation will die Europäische Zentralbank (EZB) nun beherzter vorgehen. Nachdem die Programme zum Ankauf von Staatsanleihen enden sollen, beabsichtigt der EZB-Rat zu seiner Sitzung im Juli einen Zinsschritt von mindestens 25 Basispunkten zu beschließen. Einige Ratsmitglieder, darunter Gediminas Simkus und Martins Kazaks, wollen jedoch auch einer Anhebung des Zinses um 50 Basispunkte keine Absage erteilen, sollten Wirtschafts- und Inflationsdaten der Euro-Länder eine entsprechende Grundlage liefern. Damit würde die Phase der Negativzinsen in Europa auf einen Schlag beendet. Für die Einlagefazilität der EZB beträgt der Zins derzeit minus 0,5 Prozent und liegt seit 2014 im negativen Bereich.

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