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Neue Hauptstadt : Indonesien sucht einen Weg in die Zukunft

Indonesiens Hauptstadt Jakarta versinkt langsam, aber unaufhaltsam. Bild: EPA

Der Inselstaat Indonesien hat viel vor. Statt der langsam versinkenden Hauptstadt Jakarta soll eine neue entstehen. Bodenschätze sollen nur noch verarbeitet ausgeführt werden

          Südostasiens größte Volkswirtschaft will sich einmal mehr neu erfinden: Der wiedergewählte Präsident Joko Widodo hat den Neubau einer Hauptstadt auf Borneo nun offiziell dem Parlament angekündigt. Die Regierung will damit dem Verkehrschaos der Zehn-Millionen-Menschen-Stadt Jakarta und ihrem Versinken entfliehen und andere Landesteile entwickeln. Zugleich will sie mit Hunderten Milliarden von Dollar den Aufschwung zünden.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          „Eine Hauptstadt ist nicht nur das Symbol der nationalen Identität, sondern auch ein Symbol für den Fortschritt einer Nation. Diese hier gilt der Darstellung von wirtschaftlicher Gleichheit und Gerechtigkeit“, sagte Widodo mit Blick auf die neue, noch unbenannte Stadt. Das Verkehrschaos in Jakarta kostet Firmen und Regierung geschätzte knapp fünf Milliarden Euro jährlich. Zugleich sinkt die im Sumpf unterhalb des Meeresspiegels gebaute Metropole um rund einen Zentimeter pro Jahr, während der Meeresspiegel durch die Klimaveränderung weiter steigt. Der genaue Ort auf dem Inselteil Kalimanta ist noch nicht bekanntgegeben worden, der Umzug aber könnte schon 2024 beginnen.

          Das größte muslimische Land der Erde steht mit seiner Idee des Neubaus und Umzugs des Regierungssitzes ganz und gar nicht allein da: Schon ab 1999 baute Malaysia die Regierungsstadt Putrajaya vor den Toren Kuala Lumpurs. Dann folgte die Militärdiktatur in Burma, die vor allem aus Sicherheitsbedenken das dampfende Rangun verließ, um sich in die gut befestigte Retortenstadt Naypyidaw zurückzuziehen. Derzeit baut der indische Bundesstaat Andhra Pradesh an einer Hauptstadt, die Amaravati heißen und eine „intelligente Stadt“ auf 217 Quadratkilometern werden soll. Und der Präsident der Philippinen, der umstrittene Rodrigo Duterte, will nördlich von Manila die New Clark City auf fast 100 Quadratkilometern als neuen Regierungssitz aus dem Boden stampfen lassen. Der Dauerstau in Manila soll das Land jährlich mehr als 20 Milliarden Euro kosten.

          Auch ohne neue Hauptstadt muss Indonesien seine Infrastruktur rasch ausbauen. Die Wachstumsrate, die auf acht Prozent steigen sollte, verharrt um die fünf Prozent. Widodo gab nun einen Zielwert von 5,3 Prozent aus, der dem derzeitigen entspricht. In der ersten Jahreshälfte kam der Inselstaat aber nur auf 5,06 Prozent – zu wenig für den einzigen Mitgliedsstaat Südostasiens in der Liga der G-20-Länder.

          Deshalb will der wiedergewählte Präsident nun mehr als 400 Milliarden Dollar in den überfälligen Ausbau der Infrastruktur des Landes mit seinen 270 Millionen Menschen pumpen. Unter anderem sollen 25 Flughäfen gebaut werden. Nicht zuletzt leidet die herstellende Industrie unter dem Infrastrukturchaos: So sank ihr Anteil an der Wirtschaftsleistung von 26 Prozent vor zehn Jahren auf heute nur noch ein Fünftel. Zugleich aber muss die Regierung mehr als eine Million Stellen jährlich schaffen, sollen die Jugendlichen des Landes eine Chance bekommen. Um die Wirtschaft anzufeuern, sollen deshalb die im Vergleich der Region hohen Unternehmenssteuern von derzeit 25 Prozent – der benachbarte Stadtstaat Singapur verlangt 17 Prozent – gesenkt werden.

          Nickel

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          Auch drängt Widodo darauf, immer mehr Bodenschätze Indonesiens, wie etwa Nickel, Bauxit, Kohle oder das in Europa umstrittene Palmöl, im Land zu verarbeiten. In seiner ersten Amtszeit hatte er ausländische Investoren gezwungen, in Indonesien Arbeitsplätze zu schaffen, wenn sie dessen Rohstoffe weiter ausbeuten wollten. Nun denkt er immer lauter darüber nach, für bestimmte Rohstoffe gar ein Exportverbot zu verhängen, um sie im Land verarbeiten zu lassen.

          Das hatte zu Beginn des Monats die Nickel-Preise schon deutlich anziehen lassen. Widodo drängt darauf, nicht nur Benzin durch Palmöl zu ersetzen, sondern aus Palmöl auch einen Treibstoff für Flugzeuge im Lande herstellen zu wollen. Damit will er zum einen die sinkende Nachfrage nach dem umstrittenen Bann durch die Europäische Union ausgleichen, zum anderen die Einfuhr von Öl verringern. Auf die neuen Zölle Brüssels gegen Biodiesel aus Indonesien reagiert Jakarta mit dem Plan, Milchprodukte aus Europa mit einem Zoll von bis zu 25 Prozent zu belegen – was wahrscheinlich der Nachfrage aus Australien und Neuseeland helfen dürfte.

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