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Kritik von Umweltschützern : Indien will in großem Stil Palmöl anbauen

Eine Palmöl-Plantage in Tapanuli: Noch ist Indonesien das Hauptlieferland von Palmöl. Doch Indien plant, die Produktion bis 2029 zu verdreifachen. Bild: EPA

Großplantagen für Palmöl zerstören die Umwelt. Indien aber ist der größte Importeur – und fördert nun den Anbau stark. Der Plan Neu Delhis, Monokulturen auszuweiten, stößt auf Widerstand.

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          Während der Streit zwischen der Europäischen Union (EU) und den großen Volkswirtschaften Südostasiens über Palmöl schwelt, will nun Indien massiv in den Anbau von Ölpalmen vordringen. Rund 110 Milliarden Rupien (1,3 Milliarden Euro) hat das Kabinett von Ministerpräsident Narendra Modi freigegeben, um unter anderen auf den entlegenen Andamanen und Nikobaren im Indischen Ozean riesige Plantagen anlegen zu lassen.

          Christoph Hein
          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Insgesamt soll sich die Anbaufläche auf rund eine Million Hekt­ar fast verdreifachen – in etwa die vierfache Fläche Luxemburgs. In Indien steigt der Ärger über die drohenden Monokulturen. In Südostasien führen sie zum massiven Abholzen und Abbrennen tropischen Regenwalds und der Torfmoore.

          Die indische Regierung plant, die Produktion von Palmöl bis 2029 auf möglichst 3 Millionen Tonnen zu verdreifachen. Damit soll die Einfuhr entlastet werden. Palmöl wird nicht nur als Treibstoff genutzt, sondern fließt in Tausende Produkte ein, von Schokolade über Seife bis Pizza. Ein deutscher Verbraucher nimmt im Jahresschnitt rund 1,5 Kilogramm Palmöl zu sich. Indien führt jährlich fast 15 Millionen Tonnen Speiseöl für rund 10 Milliarden Dollar ein, von dem der Palmöl-Import den größten Teil ausmacht. Gerade hat das indische Finanzministerium den Einfuhrzoll auf rohes Palmöl um 5 Prozent gesenkt.

          Anbau im ärmeren Nordosten vorantreiben

          Die Inselgruppen, die Neu-Delhi für den Anbau ins Auge fasst, liegen im Osten des Indischen Ozeans, deutlich näher an Thailand als am indischen Festland. Das Archipel zählt insgesamt 572 Inseln, von denen 38 unbewohnt sind. Neu-Delhi will den Anbau auch im ärmeren, landwirtschaftlich geprägten Nordosten des Subkontinents vorantreiben.

          Hauptlieferländer sind die beiden größten Anbauländer der Welt, Indonesien und Malaysia. Mit beiden liegt die EU über Kreuz. Indonesien kämpft seit 2017 auch vor der Welthandelsorganisation (WTO) gegen einen Einfuhrstopp der Europäer für Palmöl, das in Biotreibstoff verarbeitet wird. Mit rund 15 Prozent Anteil am Export der Branche ist die EU der zweitgrößte Abnehmer Indonesiens nach Indien.

          Mit rund 40 Millionen Tonnen jährlich stammt gut die Hälfte der weltweiten Palmöl-Produktion aus Indonesien. Zusammen mit seinem Nachbarland Malaysia steht es für 87 Prozent der weltweiten Herstellung. Die Nummer drei ist Thailand. Das Thema ist auch deshalb für Südostasien brisant, weil die EU schon lange ein Freihandelsabkommen mit der Region vorbereitet. Asiatische Minister aber drohten schon mit den Boykott des Kaufs von Airbus-Flugzeugen oder Automobilen europäischer Hersteller. Auch mit Indien sollen die über Jahre stockenden Freihandels-Verhandlungen wiederaufgenommen werden. Dort allerdings ist kein Export des Öls angedacht.

          Umweltschützer machen gegen den Plan mobil

          Die hohe Förderung der indischen Regierung greift Indonesien und Malaysia an. „Sie wird Investitionen anstoßen, Beschäftigung schaffen, die Abhängigkeiten vom Import verringern und das Einkommen unserer Bauern erhöhen“, sagte Landwirtschaftsminister Narendra Singh Tomar. Indien ist der größte Importeur von Speiseöl der Welt. Rund zwei Drittel des Verbrauchs der fast 1,4 Milliarden Menschen werden durch die Einfuhr gedeckt. Im vergangenen Haushaltsjahr (31. März) führte der Subkontinent Palmöl im Wert von rund 5,8 Milliarden Dollar ein. Der Plan, die Anbaufläche dank Subventionen der Steuerzahler zu erweitern, ist nicht neu. Schon 2011 und 2014 gab es Programme zur Erweiterung der Anbaufläche.

          Umweltschützer in Indien machen mobil gegen den Plan, da sie ähnliche Monokulturen fürchten, wie sie weite Teile Südostasiens zerstören. Sie setzen unter anderem darauf, dass der Oberste Gerichtshof den Kabinettsbeschluss bestätigen muss. 2002 hat er alle Plantagen mit „unnatürlichen Pflanzen“ auf den Inseln mit ihrem zerbrechlichen Ökosystem untersagt. Umweltschützer fürchten, die Monokulturen zerstörten auch in Indien natürlichen Regenwald, aber auch das Land, das Kleinbauern nach dem traditionellen Modell des jhum beackerten.

          Dafür wird zwar auch das uralte System der Brandrodung eingesetzt; dann aber werden je nach Jahreszeit und Jahr auf Kleinflächen in einem Rhythmus bis zu 30 verschiedene Pflanzen angebaut. Der Agrarwissenschaftler R. Shankar Raman der Nature Conservation Foundation erklärte, dass sich dieser Einsatz der Brandrodung allerdings von jenem Abholzen und Abbrennen des Urwalds unterscheide, das die Palmölkonzerne für ihre Monokulturen einsetzen: „Im Nordosten, wie auch in anderen tropischen Regionen, wachsen dank Bambus und anderen Bäumen relativ schnell und dicht Sekundärwälder auf Anbauflächen nach. Natürlich sind sie nicht so vielfältig wie ein ungestörter Wald. Aber auf jeden Fall sind sie weitaus besser als Ölpalm-Plantagen, die eine permanente Form der Abholzung darstellen.“

          Die Anpassung reicht bis zu den Eigentümerstrukturen: Während die jhum-Anbauflächen Dörfern gehören, liegen die Plantagen in Händen von Unternehmen – damit verlieren zum Beispiel Frauen ihre Rolle als Miteigentümerinnen. Andere Wissenschaftler empfehlen allerdings, Anbauflächen für Sonnenblumen oder Raps in Palmölplantagen umzuwandeln, da diese ertragreicher seien.

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