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Waffen aus dem Westen : Indien fürchtet Ausfall russischer Materiallieferungen

Russland hat unter anderem das Raketensystem Brahmos an Indien geliefert. Bild: AP

Russland ist Indiens größter Waffenlieferant. Das birgt wachsende Risiken. Jetzt soll der Westen helfen, die indische Verteidigungsindustrie auszubauen.

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          Nach dem Überfall auf die Ukraine sucht Indien nach Alternativen zu russischen Waffen. Auch will Neu Delhi die Rüstungsproduktion im eigenen Land noch rascher hochfahren. Damit könnte es drohende Sanktionen insbesondere aus Amerika abwenden, den Nachschub sichern, mehr Arbeitsplätze schaffen und den Westen zugleich zu einem schnelleren Technologietransfer zwingen. Bislang bezieht der hochgerüstete südasiatische Gigant rund 60 Prozent seiner Waffen aus Russland.

          Christoph Hein
          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          „Unser Ziel ist es, Indien zu einem Schwerpunktland für die Entwicklung von Verteidigungstechnik zu machen“, sagte Verteidigungsminister Rajnath Singh. Die zweitgrößte Armee der Welt will in den nächsten fünf Jahren Material im Wert von 2,1 Billionen Rupien (25,4 Milliarden Euro) von heimischen Herstellern fertigen lassen – sowohl staatlichen wie privaten Firmen.

          Ein größerer Anteil könnte durch schon unterzeichnete Verträge für Waffenlieferungen aus Amerika, Israel, Frankreich und Russland in der Summe von rund 13 Milliarden Dollar gedeckt werden. Denn sie umfassen schon eine Lokalisierung im Wert von bis zur Hälfte des Gesamtauftrages. Allein Aufträge an die Amerikaner sind seit Beginn 2008 auf einen Wert von nun 15 Milliarden Dollar gestiegen.

          Viertgrößte Luftwaffe der Welt

          Ein Grund für den Schwenk ist der Krieg Moskaus: Indien fürchtet, Russland müsse nun mehr Material behalten, statt es zu exportieren. Auf der Suche nach Ersatzteilen müssten die Inder deshalb möglicherweise Nachbarländer Russlands ansprechen.

          Bulgarien, Polen, Georgien, Kasachstan und die Ukraine besitzen etwa Teile für die Kampfflugzeuge Sukhoi und Mig – könnten sie aber lieber der Ukraine bereitstellen. Zudem könnten sie dafür eine stärkere Unterstützung Neu Delhis für die ukrainische Position auf multilateraler Ebene einfordern. Indiens Luftwaffe, die viertgrößte der Welt, hat mehr als 400 russische Flugzeuge und Hubschrauber. Derzeit erhält Indien aber auch die letzten Lieferungen des hochmodernen französischen Rafale.

          Produktion im eigenen Land

          Schon bei deren Bestellung war den Indern die lokale Fertigung wenigstens einzelner Bauteile extrem wichtig. Im vergangenen Jahr hatte auch der russische Präsident Wladimir Putin bei seiner Visite in Neu Delhi angekündigt, einige Fertigungslinien für russische Waffen nach Indien zu verlagern. Russland hat unter anderem das Raketensystem Brahmos an Indien geliefert. Der russische Hersteller NPO Mashinostroyenia hat ein Gemeinschaftsunternehmen mit der indischen Staatsfirma Defence Research and Development Organisation zu dessen Herstellung und Weiterentwicklung gegründet.

          Die Philippinen haben bei den Indern eine erste Lieferung des Systems bestellt. Die Marine hat unter anderem einen früheren russischen Flugzeugträger im Einsatz, aber auch Unterseeboote und Fregatten. Auch sie muss sich erneuern, worauf unter anderem europäische Hersteller wie Thyssenkrupp Marine Services (TKMS) oder deren Konkurrent, die französische Naval Group, aber auch britische und amerikanische Hersteller setzen. Aus Russland erwartet sie neue Fregatten und ein Atom-U-Boot der Akula-Klasse.

          Die nächsten Schritte

          Die britische Außenministerin Liz Truss diskutierte gerade in Neu Delhi mit ihrem Gegenüber Subrahmanyam Jaishankar den Ausbau der Verteidigungsbeziehungen. Gerade erst haben die Briten eine Fregatte nach Singapur entsandt, die von nun an im Indo-Pazifik operieren soll – ein Signal auch an das ehemalige Kolonialland als Verbündeten.

          Das indische Verteidigungsministerium hat eine „Positiv-Liste“ der heimzuholenden Produktion erstellt, auf der sich rund 300 Güter befinden. 2020 hatten die Inder Ausländern erlaubt, bis zu 74 Prozent an indischen Waffenherstellern zu halten, um Investoren anzulocken. Indien muss jährlich rund zwölf Millionen Arbeitsstellen für seine Heranwachsenden schaffen.

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