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Leopoldina-Forscher Falk : „Klappe halten, impfen lassen“

Eine Schülerin einer Abschlussklasse wird im Impfzentrum an der Messe München geimpft. Bild: dpa

Spitzenforscher Armin Falk fordert eine Impfpflicht und findet, dass der Impfstatus bei der Triage eine Rolle spielen sollte. An Politiker, die sich nicht impfen lassen, hat er eine klare Ansage.

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          Herr Falk, als Ökonom haben Sie doch sicher Verständnis für Impfverweigerer: Die haben keine Nebenwirkungen und können trotzdem darauf hoffen, dass Corona dank der Impfbereitschaft der anderen verschwindet. Völlig rational, oder?

          Johannes Pennekamp
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Sich nicht impfen zu lassen, hat nichts mit Rationalität zu tun, sondern einfach nur mit Eigennutz. Die Allgemeinheit muss hier zahlen für die Trägheit und die Dummheit der Impfgegner. Wer sich nicht impfen lässt, obwohl dem keine medizinischen Gründe entgegen stehen, erzeugt das, was wir Ökonomen negative Externalität nennen. In diesem Fall sind das verheerende Folgen: Todesfälle, Lockdowns, Schulschließungen, psychische Schäden, Insolvenzen, milliardenschwere Rettungen durch den Staat.

          Ist eine Impfung also ein Akt der Solidarität?

          Ja, es geht nach meinem Verständnis um Solidarität und das Gemeinwohl. Wenn ich mich impfen lasse, verhalte ich mich kooperativ. Das liegt daran, dass ich dann nicht nur mich schütze, sondern auch andere, zum Beispiel Kinder und Schwangere, die sich nicht impfen lassen können.

          Und wer sich nicht impfen lässt, ist ein Trittbrettfahrer?

          Unbedingt. Nach meinem Dafürhalten handelt es sich hier um Trittbrettfahrertum der übelsten Sorte und sollte auch als solches gebrandmarkt werden. Es ist in meinen Augen nicht wirklich etwas anderes als Schwarzfahren, Steuerhinterziehungen oder andere Formen der Nicht-Kooperation. Klar, der einzelne hat vielleicht einen Vorteil für sich, aber insgesamt kann das keine Richtschnur für die Pandemiebekämpfung sein.

          Ökonomen wie Sie erforschen Trittbrettfahren seit Jahrzehnten. Was ist zu tun?

          Zuerst setzen wir auf Marktlösungen, die viele Vorteile gegenüber staatlichen Zwängen und Verordnungen haben. Wenn wir aber dem Markt nicht trauen können, weil wie im aktuellen Fall Externalitäten nicht eingepreist werden, schlägt die Stunde des Staates. Das ist der klassische Anwendungsfall für ordnungspolitisches Handeln.

          Armin Falk ist Verhaltensökonom und Wirtschaftsprofessor an der Universität Bonn.
          Armin Falk ist Verhaltensökonom und Wirtschaftsprofessor an der Universität Bonn. : Bild: Picture-Alliance

          Was heißt das konkret?

          Im Fall des Impfens bin ich für eine Impfverpflichtung. Das Mindeste wäre, den Zugang zu Restaurants, Reisen und Veranstaltungen für Nicht-Geimpfte zu erschweren. Das wäre zum einen gerecht, weil im Moment die Kooperativen die Dummen sind. Sie lassen sich impfen; und trotzdem ist die vierte Welle schon programmiert. Eine Gesellschaft, die Kooperation bestraft, die also die Kooperierenden nicht besser stellt als die Nicht-Kooperierenden, kann meines Erachtens nicht funktionieren. Zum anderen würde ein Ausschluss von Nicht-Geimpften auch sinnvolle Anreize setzen, sich impfen zu lassen.

          Das sind starke Eingriffe, die Sie fordern. Hat nicht jeder ein Recht darauf, dass sein Körper unangetastet bleibt – mein Körper gehört schließlich mir!

          Ich verstehe auch nicht, warum die Corona-Impfung so etwas Außergewöhnliches sein soll. Unsere Gesellschaft ist auch heute nicht frei von Zwängen. Es gibt ja schon Impfzwänge, zum Beispiel bei Säuglingen. Das ist ein Zwang, der einfach hingenommen wird.

          Warum ist das in dem Fall so?

          Weil die Gesellschaft aus jahrhundertelanger Erfahrung verstanden hat, dass es für sie selbst am besten ist, wenn der Staat hier Zwang ausübt. Unsere Gesellschaft kennt ja auch viele andere Zwänge: Bei Steuern oder der Zwangsabgabe auf CO2-Emissionen für den Klimaschutz, bei der es auch um das Einpreisen von Externalitäten unseres Handelns geht, würde auch niemand auf Freiwilligkeit setzen. Ich bin grundsätzlich sehr zurückhaltend, was Vorschriften und Eingriffe in die Lebensführung von Menschen geht. Ökonomisch ist es aber völlig unbestritten, dass solche Maßnahmen in bestimmten Situationen notwendig sein können, wenn wir zu gesamtgesellschaftlichen Wohlfahrtsverbesserungen kommen wollen. Es steht so viel auf dem Spiel – Todesfälle, Long-Covid, ein Welle psychosozialer Probleme bei Jugendlichen –, und die Impfung ist so ein kleiner Akt, der nur geringe Nebenwirkungen mit sich bringt. Ich kann nicht begreifen, warum wir uns so schwer tun, stärkere Anreize zu setzen.

          Welche zum Beispiel?

          Wenn Beatmungsgeräte knapp werden oder wir nochmal in eine Triage-Situation kämen, was ich nicht hoffe, und wir dann vor der Wahl stehen, ob ein Geimpfter oder ein Nicht-Geimpfter die Behandlung bekommt, dann würde ich sagen, dass der Impfstatus mit in die Abwägung einfließen sollte. Man muss mal klarmachen, um was es hier geht. Ich halte das Impfen für so eine geringfügige Einschränkung, dass es für mich schlicht skandalös ist, dass nicht alle das tun. Es gibt Länder, die wären froh, wenn sie den Impfstoff hätten. Und wir leisten uns diese Luxusfrage, ob es denn möglich ist, vielleicht mal jemanden dazu zu drängen, sich impfen zu lassen. Ich bin einigermaßen ratlos und fassungslos über den Mangel an Kooperation.

          Gibt es denn nicht auch sanftere Methoden als den Zwang, um Menschen zum Impfen zu bewegen?

          Ich bin für alle Maßnahmen, die funktionieren und in einem vertretbaren Rahmen bleiben. Wenn vorgeschlagen wird, dass jeder, der sich impfen lässt, 500 Euro Belohnung bekommen soll, muss man sich aber einfach mal ausrechnen, was das kosten würde. Und sollen das Geld auch bereits Geimpfte bekommen? Wie sieht es mit der nächsten Impfkampagne aus? Sogenannte Opt-out-Modelle, bei denen jeder geimpft wird, falls er nicht widerspricht, finde ich absolut sinnvoll. Ich verstehe aber auch hier den Bundesgesundheitsminister nicht, der Opt-out-Regeln bei den Organspenden befürwortet hat, dass er sie für das Impfen noch nicht erwogen hat.

          Der bayerische Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger hat gerade öffentlich bekräftigt, dass er sich nicht impfen lässt, weil er die Impfstoffe noch für zu unsicher hält. Was würden Sie ihm raten?

          Klappe halten, impfen lassen, würde ich ihm raten. Angesicht der offenbar geringfügigen Nebenwirkungen – vielleicht mal einen Tag zu Hause bleiben – und dem großen gesellschaftlichen Mehrwert, halte ich solche Äußerungen einfach nur für dumm. Vor einem Jahr war nicht klar, ob wir überhaupt einen Impfstoff bekommen. Jetzt haben wir ihn – und jetzt soll es daran scheitern, dass Leute sich zu fein sind, sich impfen zu lassen? Ich verstehe bei der Impfverweigerung nicht, wo dieser schon fast religiöse Furor herkommt.

          Können nicht auch flächendeckende Tests eine Lösung sein, wie sie jetzt für alle Urlaubsrückkehrer verpflichtend werden?

          Jetzt wird beschlossen, dass sich alle Urlaubsrückkehrer testen lassen müssen. Warum hat man das nicht schon vor zwei Monaten gemacht? Ich stehe fassungslos vor diesem Land, das unfähig ist mit dieser Pandemie zurechtzukommen. Und das, obwohl doch mittlerweile jedem klar ist, wie hoch die Kosten sind und auch wie man sie verhindern kann.

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