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Großbritannien : Corona-Krise kostet 730.000 Arbeitsplätze

Blick auf London: Ein Mann überquert die Waterloo Bridge Bild: Reuters

Die Pandemie hinterlässt auf dem britischen Arbeitsmarkt tiefe Spuren. Neun Millionen Menschen wurden in Zwangsurlaub geschickt. Im Oktober laufen die staatlichen Hilfsprogramme aus.

          2 Min.

          Die Corona-Krise zeigt auf dem Arbeitsmarkt in Großbritannien tiefe Spuren, auch wenn die Arbeitslosenquote bei oberflächlicher Betrachtung noch günstig erscheint. Im Juli hatten 730.000 Menschen weniger eine Beschäftigung in Unternehmen als im März, zeigen die neuesten Daten des Statistikamts ONS. Zudem sind mehr als 7 Millionen Angestellte derzeit nicht im Job tätig, darunter vor allem Zwangsbeurlaubte.

          Philip Plickert
          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Laut ONS sind vor allem ganz junge und ältere Beschäftigte sowie Menschen in einfachen Tätigkeiten betroffen. Das Arbeitsvolumen ist auf dem Höhepunkt der Krise im zweiten Quartal regelrecht eingebrochen. „Diese Daten zeigen die verheerenden Spuren der Coronavirus-Krise auf dem Arbeitsmarkt“, sagte Matthew Percival vom Unternehmensverband CBI.

          Unterstützung für 9,6 Millionen Angestellte

          Die offiziell berechnete Arbeitslosenquote verharrte indes noch bei 3,9 Prozent im Juni. Das liegt daran, dass viele Unternehmen mit Entlassungen noch abwarten und Mitarbeiter stattdessen beurlauben. Dabei hilft ein gewaltiges Unterstützungsprogramm, bei dem der Staat den Zwangsbeurlaubten vier Fünftel des Lohnes, maximal 2500 Pfund (etwa 2750 Euro) zahlt. Laut den neuesten Daten des Schatzamtes bekommen derzeit 9,6 Millionen Angestellte Geld aus diesem Programm, zudem erhalten 2,7 Millionen Selbständige finanzielle Unterstützung.

          Finanzminister Rishi Sunak wertete die neuen Zahlen denn auch als Beleg für den Erfolg der politischen Stützungsprogramme. „Die heutigen Arbeitsmarktzahlen machen deutlich, dass unsere beispiellosen Unterstützungsmaßnahmen funktionieren und Millionen Jobs und Lebensunterhalte schützen, die sonst verloren gegangen wären“, ließ Sunak mitteilen. „Ich habe immer klar gesagt, dass wir nicht jeden Job schützen können“, fügte er hinzu, aber man habe einen Plan, dass „niemand ohne Hoffnung“ gelassen werde.

          Arbeitslosigkeit dürfte steigen

          Wenn das Hilfsprogramm im Oktober ausläuft, dürfte die Zahl der Arbeitslosen deutlich steigen. Die Notenbank schätzt, dass bis zum Jahresende etwa 7,5 Prozent der Briten arbeitslos sein werden, einige Institute rechnen mit noch mehr Jobverlusten. Das National Institute of Economic and Social Research (NIESR) erwartet sogar 10 Prozent Arbeitslosigkeit zum Jahresende.

          Am Dienstag rief der Gewerkschaftsbund TUC Sunak abermals auf, das staatliche Hilfsprogramm zu verlängern. „Die Alarmglocken könnten nicht lauter läuten“, sagt TUC-Generalsekretärin Frances O’Grady. Die Regierung müsse jetzt handeln und Jobs schützen und schaffen. Das wirtschaftsliberale Institute of Economic Affairs verweist dagegen auf die hohen Kosten der Programme, die jetzt schon mehr als 40 Milliarden Pfund betragen, und mahnt, dass der Staat nicht dauerhaft Arbeitsstellen subventionieren könne, welche die Unternehmen nicht mehr finanzieren wollen oder können.

          Die Liste der angekündigten Stellenstreichungen in Großunternehmen ist lang und wächst fast täglich. British Airways hat den Abbau von 12.000 Jobs beschlossen, bei der Fluggesellschaft Virgin Atlantic müssen mehr als 3000 Mitarbeiter gehen, Easyjet streicht 4500 Stellen. Der Flugzeugturbinenhersteller Rolls-Royce reduziert die Belegschaft um 9000, davon 3000 in Großbritannien. Der britische Öl- und Gaskonzern BP baut weltweit 10.000 Stellen ab, davon 2000 im Vereinigten Königreich. Viele Stellen fallen auch in der Autoindustrie weg, alle Hersteller von Jaguar Land Rover bis Aston Martin und Bentley haben einen Arbeitsplatzabbau beschlossen. Die Großbank HSBC wird weltweit 35.000 Jobs reduzieren, davon wohl ein großer Teil in der Londoner City.

          Besonders viele Arbeitsplätze – potentiell Hunderttausende – sind im Einzelhandel sowie in der Gastronomie und in der Hotelbranche gefährdet. Mehrere Kaufhauskonzerne wie Debenhams haben Insolvenz angemeldet, andere Kaufhausunternehmen wie John Lewis schließen Dutzende Geschäfte. Auch viele Restaurantketten sowie Hunderte kleine Lokale sind schon pleitegegangen. Pizza Express wird mehr als sechzig Lokale schließen. Die beliebte Sandwichkette Pret-a-Manger macht dreißig Standorte dicht, bis zu tausend Mitarbeiter könnten ihre Stellen verlieren.

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