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Erlahmte Globalisierung : Ein neues „Geschäftsmodell“ für Deutschland

Der deutsche Export ist in der Corona-Krise um rund ein Drittel eingebrochen. Bild: dpa

Die Zeiten satten Exportwachstums halten Ökonomen für beendet. Sie sind überzeugt, dass sich die Ausrichtung der deutschen Wirtschaft ändern wird und muss – auch wegen China.

          3 Min.

          Die Globalisierung, wie man sie seit dem Fall des Eisernen Vorhangs kannte, ist spätestens mit der Corona-Pandemie vorbei – und nichts spricht dafür, dass Welthandel und internationale Arbeitsteilung auf absehbare Zeit wieder so wachsen wie einst. Was Handelsforscher im Grunde schon seit der Finanzkrise von 2008 beobachten, haben die Ökonomen der Bayern LB und des Beratungshauses Prognos nun noch einmal unterstrichen. Sie plädieren dafür, das „Geschäftsmodell“ der exportlastigen deutschen Wirtschaft zu überdenken.

          Niklas Záboji

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Akutes Problem seien die gestörten Liefer- und Wertschöpfungsketten in der Corona-Krise, schreiben die Forscher in einem Papier, das der F.A.Z. vorliegt. Zwar vermeldete das Ifo-Institut am Donnerstag wieder stark verbesserte Exporterwartungen der deutsche Industrie: Der auf der monatlichen Befragung von 2300 Unternehmen beruhende Index kletterte im Juni von minus 26,7 Punkten auf minus 2,3 Punkte.

          Für die Ökonomen von Bayern LB und Prognos bleibt aber offen, ob die Handelsstörungen nur temporär sind. Hinzu komme der Konflikt vor allem zwischen Amerika und China. Doch gebe es noch tiefer- liegende Ursachen dafür, dass Warenabsatz, Direktinvestitionen und Verflechtung über Vorleistungsgüter seit der Finanzkrise stagnieren oder gar schrumpfen – und sich einzig in puncto Dienstleistungshandel und Datenströmen eine anhaltende Globalisierungsdynamik feststellen lasse, deren Volumina aber vergleichsweise winzig seien.

          Spürbar kleinteiliger

          So vollziehe sich der Wandel von kapitalintensiven Industrie- zu Dienstleistungsgesellschaften mit geringerem Bedarf an Maschinen und Anlagen nicht nur im Westen, sondern verstärkt auch in Fernost. „Ein wesentlicher Grund, warum wir nach Corona nicht zu der Globalisierung der 2000er-Jahre zurückkehren werden, ist China“, sagt Jürgen Michels, Chefvolkswirt der Bayern LB. Ein Phänomen wie das aufstrebende China werde man nicht wiedersehen.

          Auch deshalb sollten deutsche Unternehmen ihren Blick viel stärker auf jene Länder richten, in denen Bevölkerung und Pro-Kopf-Einkommen besonders stark zulegen. Prognos-Berechnungen zeigten, dass Indiens Wirtschaftsleistung bis 2030 durchschnittlich mit fast 6 Prozent im Jahr wachsen dürfte. Das entspreche in Summe 2,2 Billionen Euro und somit fast der gesamten französischen Wirtschaftskraft. Auch dem Irak und den Philippinen sagen die Ökonomen ein Wachstumspotential von jährlich 5 bis 6 Prozent voraus. Die Top 5 komplettieren Vietnam und Ägypten. Es folgen Indonesien und Nigeria.

          Klar sei aber: Selbst bei Erschließung neuer Märkte dürfte die Zeit satten Exportwachstums vorüber sein. Indonesien etwa zählt schon heute rund 265 Millionen Einwohner. Doch trotz erwartbaren Aufschwungs macht die dortige Wirtschaftskraft Prognos zufolge im Jahr 2040 nur 10 Prozent der chinesischen aus. „Die Auslandsgeschäfte der deutschen Unternehmen in den künftig besonders dynamischen Absatzmärkten (dürften) von der Struktur her spürbar kleinteiliger werden als bisher“, resümieren die Forscher. Sie sind überzeugt davon, dass sich Deutschlands „Geschäftsmodell“ wandeln wird – und muss.

          Nicht nur Verzögerungen bei Digitalisierung und Dekarbonisierung

          Zum einen werde das hiesige Wachstum künftig stärker von der Binnennachfrage getrieben sein. Dazu bei trage das verknappte Arbeitsangebot infolge der gesellschaftlichen Alterung – wodurch Reallöhne und privater Konsum stiegen. 62 Prozent werde Letzterer im Zeitraum von 2020 bis 2040 zum hiesigen Bruttoinlandsprodukt beitragen nach 40 Prozent im Zeitraum von 2000 bis 2020, umgekehrt werde der Anteil des Außenbeitrags von 21 auf 13 Prozent zurückgehen.

          Zum anderen dürften „eher einfacher konstruierte, robuste Maschinen und Anlagen nachgefragt werden als solche aus dem technologisch besonders anspruchsvollen Premiumbereich“.

          Hier seien deutsche Hersteller im Rückstand, obwohl die Investitionszyklen kürzer und vor allem Konsumgüter verstärkt nachgefragt würden. Zudem gebe es oft ein Herdenverhalten. „Viele Unternehmen schauen zu selten, ob ihr Exportgeschäft auch langfristig zu den Kundenbedürfnissen passt“, sagt Prognos-Chefökonom Michael Böhmer. Er meint nicht nur Verzögerungen bei Digitalisierung und Dekarbonisierung.

          „Es ist verkehrt zu glauben, man habe das tollste Produkt der Welt und wenn es andere nicht wollen, sind sie selbst daran schuld. Leider ist so eine Einstellung an zu vielen Stellen in der deutschen Wirtschaft zu beobachten“, meint Böhmer.

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