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Klimabewegung : „Die Scientists sind an Eurer Seite!“

Teilnehmerin bei dem Sommerkongress in Dortmund Bild: dpa

Erstmals sind die Aktivisten von „Fridays for Future“ bei einem Sommerkongress zusammengekommen. Fünf Tage werden sie diskutieren und sich auf ihre Ziele einschwören – mit begeisterten Wissenschaftlern an ihrer Seite.

          Die Besonderheit von „Fridays for Future“ liege in seiner Dezentralität. „Wir sind überall“, sagt Jakob Blasel. In jedem Dorf, ja fast schon an jeder Milchkanne gebe es mittlerweile Ortsgruppen und gehe man Freitags statt in die Schule auf die Straße. Streit um die Struktur der Klimabewegung gebe es von Tag eins an; eine Parteiform oder Zentralisierung, wie von manchen gefordert, lehne man vorerst aber ab.

          Niklas Záboji

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Blasel gehört zu den führenden Köpfen von „Fridays for Future“ in Deutschland. Im Herbst des vergangenen Jahres erstmals formiert, hat die Bewegung in jüngster Zeit regen Zulauf erhalten und diese Woche erstmals einen Sommerkongress auf die Beine gestellt. Von Mittwoch bis Sonntag will man sich im Revierpark Dortmund-Wischlingen vernetzen und bei einem dicht getakteten Programm mit Vorträgen, Diskussionsrunden und Workshops austauschen.

          Grund ist ebenjene Dezentralität. Denn bislang kennen sich die meisten Aktivisten nur aus Telefonkonferenzen, Whatsapp-Gruppen und bestenfalls von einer Großdemonstration in Aachen, zu der rund 20.000 Teilnehmer im Juni zusammengekommen waren. Beim nun begonnenen Sommerkongress sind es nach Veranstalterangaben etwa 1.700 Teilnehmer, ehrenamtliche Helfer eingeschlossen. In der Mehrheit sind sie weiblich und 16 bis 19 Jahre alt.  

          Offiziell richtig los ging es an diesem Donnerstag. Zum Auftakt der Veranstaltung gehörte das Einschwören auf die gemeinsamen Ziele. Die Devise lautet: Raus aus der Kohle, hin zu einer radikalen Begrenzung des CO2-Ausstoßes. Man fordert die Bundesregierung auf, unverzüglich eine Steuer auf Kohlendioxid einzuführen, aus ihrer Sicht klimaschädliche Subventionen wie die Pendlerpauschale zu streichen und bis Jahresende ein Viertel der derzeit rund 40 Gigawatt Kohlestromerzeugung vom Netz zu nehmen.

          „Die größte Gesundheitskrise der Menschheit“

          Der Ökostromausbau soll dagegen drastisch forciert werden hin zu 100 Prozent erneuerbarer Energieversorgung im Jahr 2035 – zeitgleich mit einem Netto-Null Ausstoß von Treibhausgasen. „Wir haben das so gemacht, weil das die Wissenschaft so gesagt hat“, stellt Jakob Blasel beim Eröffnungsprogramm auf der Bühne klar. Der Applaus ist ihm sicher. „Kohlekonzerne/baggern in der Ferne/zerstören unsere Umwelt/nur für ´nen Batzen Geld“, ertönt es aus der Menge. Regelmäßig werden Schmährufe gegen den Energiekonzern RWE angestimmt.

          Auch Christian Lindner steht hier auf der Abschussliste. Mit seinem Ratschlag, Klimaschutz lieber den „Profis“ zu überlassen, hat es sich der FDP-Chef bei den jungen Leuten offenkundig verscherzt. Als sein Konterfei im Einspielfilm auftaucht, gibt es Buhrufe und werden Mittelfinger gestreckt. Ganz anders bei der schwedischen Aktivistin Greta Thunberg und Vertreter der sich „Scientists for Future“ nennenden Wissenschaftler, die der Klimabewegung nahestehen und sie unablässig befeuern.

          Einer von ihnen ist der Arzt und Komiker Eckart von Hirschhausen. Er ist, wie er sagt, trotz Urlaub nach Dortmund gereist und darf auf die Bühne. „Die Klimakrise ist die größte Gesundheitskrise der Menschheit und meine Generation hat echt verkackt“, sagt von Hirschhausen. Deshalb sei er in erster Linie hierhergekommen, um sich zu bedanken: Dafür, dass sich die hier anwesenden jungen Leute erwachsener verhielten als viele Erwachsener; dafür, „dass es endlich wieder eine große soziale Bewegung in Deutschland gibt“. Warum nicht SUV-Fahrzeugen ein Tempolimit von 25 km/h verordnen, ulkt der Komiker, und ruft zum Abschluss: „Die Scientists sind an Eurer Seite!“

          „Die Politik macht nichts“

          Dem kann Karen Wiltshire vom Alfred-Wegener-Institut Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung nur beipflichten. Auch ihr gehört die Bühne per Liveschalte aus dem fernen Sylt. 30 Jahre habe sie geforscht und bislang habe ihr niemand zugehört – bis „Fridays for Future“ zum Leben erwachte. „Das macht ihr toll“, sagt Wiltshire. Ihr Credo: „Wir müssen unsere Gier abbauen und runterschrauben. Unser Materialismus muss verschwinden“.

          Zwischen den Programmpunkten gibt es musikalische Einlagen, zu denen gesungen und getanzt wird. Die Stimmung ist ausgesprochen heiter an diesem milden Sommertag im Revierpark. Es ist von der Liebe zur Natur und Klimagerechtigkeit die Rede. Der Abschluss des Bühnenprogramms gehört sodann dem Fernsehmoderator Joko Winterscheidt. Auch er ist überzeugt: „Die Politik macht nichts“. „Ultradankbar“ sei er den Aktivisten, dass sie das Klimathema auf die Agenda gebracht habe. „Mir ist scheißegal, dass ihr Freitags nicht in die Schule geht“, sagt er. Auch dafür gibt es Applaus.

          Unweit der Bühne wird den ganzen Tag über im Akkord gekocht und organisiert. Zu essen gibt es vegane Speisen wie Linsen-Curry. 40 Helfer hätten eine Woche vor Veranstaltungsbeginn unermüdlich gerackert, erzählt Jakob Blasel bei einem Rundgang durch das Camp. Das Gesamtbudget taxieren die Organisatoren auf rund 200.000 Euro. Viele Biobauern hätten Lebensmittel gespendet, und die Dortmunder Stadtwerke unterstützten den Sommerkongress mit Ökostrom.

          Die knapp 50 Großzelte allerdings sollen ohne Energie auskommen. Das gilt auch für Komposttoiletten unweit der Schlafstätten. Was Küche und Bühne anbelangt, sei man dankbar für die Unterstützung durch die Eltern, die sich in der „Parents for Future“-Initiative engagierten und bei Wasser-und Stromanschluss etwa geholfen hätten, sagt Blasel.

          Emily wäre ohne ihre Eltern gar nicht erst hier. Ihr Vater sei es gewesen, der ihr im Herbst ein Video von Greta Thunberg gezeigt und sie so für das Klimathema sensibilisiert habe, sagt die Neuntklässlerin aus Dortmund. In der dortigen Ortsgruppe von „Fridays for Future“ ist sie mittlerweile aktiv mit dabei. Dass sie dafür Freitags im Unterricht fehlt, kreideten ihr die Lehrer nicht an. „Selbst wenn würde ich aber hingehen“, sagt Emily. Denn in der Politik habe sich doch nichts getan. Das sagten doch die Wissenschaftler.

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