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F.A.S. exklusiv : Jeder Zweite scheitert am Deutschtest

Wer bei Lehrkräften, Kursteilnehmern und Anbietern nachfragt, wie es um die Anwesenheit der Teilnehmer de facto bestellt ist, stößt meist auf eine Mauer des Schweigens. Die Teilnehmer fürchten Sanktionen der Arbeitsagentur, die in der Regel hochmotivierten Lehrkräfte um ihren Job, die Anbieter um ihr Geld. Wer trotzdem redet, besteht auf Anonymität. So war es auch bei den Recherchen für diesen Artikel. Eine Kursteilnehmerin berichtet, dass in ihrem Kurs zwölf Leute eingeschrieben waren. „Nur zwei waren immer da. Zwei oder drei Leute waren meistens da, und der Rest war fast nie im Kurs. Es war fast wie Privatunterricht.“ Manchmal habe die Lehrerin die Fehlenden angerufen. Die hätten dann unterschrieben – und seien wieder nach Hause gegangen. „Mein Gefühl war, dass die meisten Leute sich überhaupt nicht für den Kurs interessiert haben. Und am letzten Tag, als wir die Prüfung machten, haben die Leute, die nie da waren, die vergangenen Wochen unterschrieben.“ Ein Sekretär habe gezählt, wie oft sie da waren, und habe jedem gesagt, wie viele Tage er nachträglich unterschreiben müsse.

„Dann wären die alle ganz schnell wieder da“

Der Fall mag extrem sein, ein Einzelfall aber ist er nicht. In diversen Gesprächen war zu hören, dass mal zwanzig Prozent der Leute schwänzen, mal fünfzig Prozent, mal aber auch alle da sind. Eine Lehrerin weist darauf hin, dass es ja auch für sie selbst Vorteile habe, wenn viele Kursteilnehmer wegbleiben. „Wenn nur die Hälfte da sitzt, wird ja auch das Unterrichten einfacher.“ Und in einem Internet-Forum für die Lehrer von Integrationskursen heißt es in einem Beitrag von 2015: „Finanziellen Schaden hat der Bildungsträger hauptsächlich durch das ordnungsgemäße Führen der Listen, also wenn man die Fehlzeiten der Teilnehmer wahrheitsgemäß protokolliert. Habt ihr etwa nicht geschummelt?“ Ein anderer Teilnehmer berichtet, dass „wir die Fehlenden nötigen, korrekte Entschuldigungen zu schreiben (,Ich war krank‘)“. Ein Problem gebe es dann nur noch, wenn jemand mehr als dreimal hintereinander fehle, weil er sich dann nicht mehr selbst entschuldigen könne.

„Natürlich hängen die schlechten Erfolgsquoten im Sprachtest damit zusammen, dass viele nicht zu den Kursen kommen“, gesteht eine andere Lehrerin. Ihre Lösung: Wer schwänzt, sollte seine unentschuldigten Tage aus eigener Tasche bezahlen müssen. „Dann wären die alle ganz schnell wieder da!“ Und die Anbieter der Kurse hätten keinen Anreiz mehr, falsche Angaben zu machen.

Der Vorschlag mag klug sein, doch es deutet nichts darauf hin, dass er einmal umgesetzt wird. Denn theoretisch sind heute schon Sanktionen möglich. Die Jobcenter können Ausländern, die Hartz IV beziehen und am Kurs teilnehmen müssen, das Geld am Monatsende in einem ersten Schritt um 30 Prozent kürzen. Wer den Integrationskurs nicht besteht, kann auch Probleme dabei bekommen, seinen Aufenthaltstitel zu verlängern. Das alles greift aber nur, wenn der Anbieter den Behörden ehrlich meldet, wer an den Kursen teilnimmt und wer nicht.

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