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Feuer auf der „Felicity Ace“ : Warum so viele Transportschiffe in Brand geraten

In Brand: die „Felicity Ace“ Bild: via REUTERS

Das Feuer auf dem Frachter „Felicity Ace“ legt die Anfälligkeit von Transportschiffen offen. Die Brände nahmen in den vergangenen Jahren stark zu.

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          Dicke Rauchschwaden drangen aus dem Frachter und stiegen in den Himmel des Atlantiks auf, verletzt wurde zum Glück niemand: Am Mittwochnachmittag fing die „Felicity Ace“, ein riesiges Transportschiff unter der Flagge Panamas in der Nähe der Azoren im Atlantik, Feuer. An Bord befinden sich rund 4000 Autos des VW-Konzerns, darunter etwa 1100 Fahrzeuge von Porsche sowie Autos von Audi, Lamborghini und Bentley.

          Felix Schwarz
          Volontär

          Die Ursache ist noch unbekannt. Das Feuer ging unter anderem auf Lithium-Ionen-Batterien von Elektrofahrzeugen über – was die Löschung des Brands verkomplizierte: „Das Schiff brennt von einem Ende zum anderen“, sagte der Hafenkapitän von Horta auf den Azoren, Joao Mendes Cabecas der Nachrichtenagentur Reuters. „Ab fünf Metern über der Wasserlinie hat alles Feuer gefangen.“ Ein Sprecher von VW bestätigte der F.A.Z., dass es sich um ein Schiff der japanischen Reederei Mitsui O.S.K. Lines handelt.

          Spezialisten der niederländischen Bergungsfirma Smit versuchten, das Feuer unter Kontrolle zu bringen. Die gesamte 22 Mitglieder starke Crew befindet sich in Sicherheit und wurde von der portugiesischen Marine und Luftwaffe in ein Hotel auf dem zu Portugal gehörenden Archipel gebracht, heißt es in einer Erklärung der Marine. Die „Felicity Ace“ war auf dem Weg zum Hafen von Davisville im US-Bundesstaat Rhode Island, nun soll das Schiff abgeschleppt werden. Dem Kapitän zufolge ist dafür ein Hafen in den Bahamas oder in Europa geeignet. Der nächstgelegene Hafen auf den Azoren komme nicht in Frage, da der Frachter zu groß sei. Die Treibstofftanks des Schiffs befänden sich unter der Wasserlinie und seien von der Besatzung versiegelt worden.

          Falsche Angaben als Risikofaktor

          Der Vorfall vor den Azoren ist nicht der einzige Brand in den vergangenen Jahren: Im Januar 2019 verursachte fälschlicherweise als Kokosnuss-Pellets deklarierte Grillkohle ein Feuer auf dem „Yantian-Express“. Das Schiff transportierte 22 Tonnen Pflanzenkohle auf dem Atlantik von Kanada in die USA. Bei solch einem Vorfall gilt es schnell zu reagieren, wie der Sprecher der damals betroffenen Reederei Hapag-Llyod aus Hamburg der F.A.Z. mitteilt. Die Zentrale und die Küstenwache werden kontaktiert, dazu kommen weitere Löschboote. Ob das Schiff bei einem Brand zu retten ist, hänge von mehreren Faktoren ab: Wie steht der Wind? Welche Ware mit welchem Gewicht befindet sich in den Containern? Wie weit liegt das Schiff von der Küste entfernt? Und vor allem: Wie gut ist die Crew vorbereitet?

          „Die größte Gefahr besteht, wenn das Feuer von einem Container auf andere Bereiche übergreift und es sich deswegen nicht mehr kontrollieren lässt“, sagt Haupt. Automatische Löschanlagen seien nur im Schiffsrumpf montiert. Da die Container an Deck über- und nebeneinander stehen, sei hier eine Installation eher ungeeignet. Dass ein Schiff kentert, gehe weniger auf ein Feuer selbst als auf zu viel Löschwasser zurück. Öl trete in erster Linie bei Kollisionen aus, die sich eher selten ereigneten. Dem Sprecher zufolge kommt es auch auf die Krisenpläne mit den Landbehörden an.

          Wie im Fall des „Yantian-Express“ stecken hinter den Bränden oft falsche Angaben über den Inhalt der Container. „Die richtige Absicherung und Steuerung ist entscheidend. Leider können wir falsche Deklarierungen kaum erkennen. Wir sind da sehr stark von den Kunden abhängig“, meint der Sprecher. Bei einem Unfall sei die Reederei voll abgesichert und trage weitestgehend kein Risiko.

          Brände nehmen zu

          Die Vorkommnisse auf dem „Yantian-Express“ und der „Felicity Ace“ bestätigen den Trend der vergangenen Jahre: Die Zahl der Brände auf großen Schiffen nimmt zu. 2019 stellte ein Rekordjahr mit 40 Bränden im Zusammenhang mit der Ladung an Bord dar, wie aus einer Schifffahrtsstudie der Allianz hervorgeht. Zugleich sank die Zahl der Schiffsunfälle im Jahr 2020 um 4 Prozent. „Je größer und schwerer die Schiffe werden, desto größer das Brandrisiko“, sagt Anastasios Leonburg, Senior Marine Risk Consultant bei der Allianz Global Corporate & Speciality (AGCS). Laut dem Bericht ist allein die Kapazität von Containerschiffen in den letzten 50 Jahren um 1500 Prozent gestiegen und hat sich in den letzten 15 Jahren mehr als verdoppelt. Südchina, Indochina, Indonesien und Philippinen gelten als maritime Unfall-Hotspots.

          In der Corona-Pandemie sei vor allem menschliches Versagen wahrscheinlicher geworden: „Die Schiffe durften seltener anlegen und damit konnte das Personal seltener ausgetauscht werden. Die Crew war deswegen oft ausgelaugt und übermüdet“, sagt Versicherungsexperte und Capitain Leonburg.

          Er fordert die Internationale Seeschifffahrt-Organisation (IMO) dazu auf, einheitliche Vorschriften zu erlassen. Seiner Meinung nach klaffe aktuell eine Lücke zwischen Reedereien, die enorme Summen in die Sicherheit investieren und jenen, die sparen wollen. Der gestiegene Transport von Elektroautos und das zunehmende Gewicht der Fracht benötigen aus der Sicht von Leonburg neue, allgemeinverbindliche Regeln. Vor allem die leicht entzündlichen Lithium-Akkus würden ein erhöhtes Risiko für die Zukunft darstellen.

          Auch Christian Denso vom Verband Deutscher Reedereien sieht die Hauptgefahrenquelle bei falsch deklarierter Ware. „Die Reedereien kennen oft nur den Inhalt von Gefahrgut-Containern. Bei den allermeisten Containern wissen sie es nicht“, sagt Denso der F.A.Z. Wie Leonburg hält er Methoden zur verlässlicheren Deklarierung von Waren für den wichtigsten Schritt, um das Risiko von Bränden zu verringern.

          In einer früheren Version des Artikels war davon die Rede, dass Lithium-Ionen-Batterien eine mögliche Ursache des Brands darstellen könnten. Dies wurde allerdings weder von der Reederei noch vom VW-Konzern bestätigt.

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