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Kommentar zu „Genscheren“ : Vorreiter Europa

  • -Aktualisiert am

Kaufargument im Supermarkt: Fleisch „ohne Gentechnik“ Bild: Imago

Es heißt, wegen des Klimawandels sei neue Gentechnik unverzichtbar. Die Idee, ein kaum untersuchtes Herumschnippeln an Genen könne komplexe Probleme lösen, wirkt etwas töricht.

          Europa ist anders. Der EuGH überrascht, indem er alle neuen Gentechniken wie Crispr-Cas kompromisslos der Vorsorge- und Kennzeichnungspflicht unterwirft. Zum Vergleich: China hat durch ungeniertes „Copy and Paste“ am Erbgut schon Polizeihunde und Minischweine gezüchtet, kunterbunte Karpfen. Es träumt davon, Körpergröße und Augenfarbe von Menschen im Labor festzulegen. In den Vereinigten Staaten gibt es einen Champignon zu kaufen, dessen Druckstellen nicht mehr braun werden, weil sein Genom mit „Genscheren“ bearbeitet wurde. Für diese Genscheren gibt es dort keine besondere Regulierung und keine Kennzeichnungspflicht im Handel.

          Die Reaktionen darauf, dass die EU einen anderen Weg gehen wird, könnten unterschiedlicher nicht sein: Erleichterung hier, Entsetzen da. Ein interessantes Bündnis bejubelt das Urteil als Sieg der maßvollen europäischen Technikskepsis. Das sind laut Umfragen mehr als neunzig Prozent der Verbraucher, Grüne, SPD und Umweltverbände, aber auch Aldi, Lidl, Rewe oder andere Handelskonzerne, die auf Kennzeichnungspflicht bestehen.

          Aber selbst die Wissenschaftlerin, die Crispr/Cas erfand, mahnt zur Vorsicht. Emmanuelle Charpentier, Direktorin am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie, nennt diese Technologie mächtig, „und deshalb brauchen wir eine strenge Regulierung“. Europa könnte eine Vorreiterrolle spielen.

          Die spielt es nun. Doch die Freunde des biotechnischen Fortschritts sehen das „Vorreiten“ der EU als erbärmliches Hinterherhinken. Der Verband der Chemischen Industrie teilte seine Missbilligung mit. Züchter und Konzerne wie Bayer bemühen Metaphern vom Abstellgleis, beklagen „Angst-Debatten“ und vermeintlich politisierte statt „fachliche“ Entscheidungen - Europa komme nun in „Teufels Küche“. Das verrät zunächst deren tiefe Angst, im Wettlauf um Exporte und Marktanteile ins Hintertreffen zu geraten. Aber was entgeht uns nun, da die Risikoprüfungen teurer, aufwendiger werden?

          Es heißt, wegen des Klimawandels und der Dürren sei neue Gentechnik unverzichtbar. Das weiß man aber noch nicht. Landwirtschaftliche Lösungen müssen an vielen Stellen ansetzen: bei der Bodenforschung, den Anbausystemen, dem Welthandel. Die Idee, ein kaum untersuchtes Herumschnippeln an Genen könne komplexe Probleme schnell lösen, wirkt durchaus etwas töricht.

          Anmerkung: Nicht der Verband VCI warnte, Europa komme in „Teufels Küche“, dies sagte der Konzernchef von Bayer,  Werner Baumann.

          Jan Grossarth

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

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