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Jahrestag Deutsche Einheit : Traum, Trauma und Treuhand

Reste des Förderturms vom Kaliwerk Bischofferode in Thüringen liegen auf dem ehemaligen Betriebsgelände. Proteste der Bergarbeiter bei der Schließung Anfang der 1990er Jahre machten das Werk bundesweit bekannt. Bild: dpa

Die Treuhand führte die Marktwirtschaft im Schnelldurchgang ein, zu schnell für viele. Ein Vierteljahrhundert später kommt das hoch, da nicht alle Träume in Erfüllung gingen – auch weil die Träumenden falsche Erwartungen hegten.

          Die Volkswerft Stralsund, das Teppichwerk in Malchow, das Stahlkombinat in Eisenhüttenstadt: In der Familienerinnerung spielten diese Namen immer eine Rolle. Denn die Tanten und Onkel, Cousinen und Cousins, die im Ostteil Deutschlands lebten, arbeiteten dort. Nicht nur das: Sie trafen im volkseigenen Betrieb Kollegen und Freunde; der Betrieb sorgte für Kinderbetreuung, Freizeit und Urlaub. Mit der Wende nach Westen in den Jahren 1989/1990 wurde für die meisten von ihnen ein Traum wahr – und zugleich ging in ungeahntem Ausmaß die alte Sicherheit verloren. Dieses Trauma ist 28 Jahre nach der deutschen Vereinigung nicht vergessen, selbst wenn es den meisten Menschen zwischen Mecklenburg und Sachsen heute wirtschaftlich gutgeht. Es wird vielmehr durch Eltern und Lehrer auf Kinder und Kindeskinder vererbt.

          In der Wendezeit blieb für die DDR-Bürger, denen das Regime den Sinn für Eigenverantwortung weitgehend abgewöhnt hatte, kein Stein auf dem anderen. Das unbekannte Schicksal der Arbeitslosigkeit wurde zum Massenphänomen. Die ersehnte Freiheit, zu sagen, was man dachte, und zu reisen, wohin man wollte, verblasste dahinter. Ein Sündenbock war schnell gefunden: die Anstalt zur treuhänderischen Verwaltung des Volkseigentums, kurz Treuhandanstalt.

          Gegründet in der Spätphase der DDR im Frühjahr 1990, als mit der raschen Vereinigung noch nicht zu rechnen war, sollte sie die Kombinate entflechten. Der Auftrag wandelte sich, weil das Volk im Osten rief: „Kommt die D-Mark, bleiben wir hier, kommt sie nicht, gehn wir zu ihr.“ Die Regierungen vereinbarten gegen den Rat der Bundesbank zur Jahresmitte eine Währungsunion mit einem Umrechnungskurs 1:1. Das war der Todesstoß für die DDR-Wirtschaft mit ihrer geringen Produktivität. Bis dahin im kommunistischen RGW-Verbund abgeschottet, verlor sie den Rest von Wettbewerbsfähigkeit. Schätzte die Treuhand den Wert ihrer 8500 Betriebe mit vier Millionen Beschäftigten in 45.000 Betriebsstätten zunächst auf einen dreistelligen Milliardenbetrag, ergab die Bilanz vier Jahre später ein Defizit von mehr als 200 Milliarden D-Mark.

          Schnell privatisieren, entschlossen sanieren, behutsam stilllegen

          Treuhandmitarbeiter wurden oft als „Besatzer“ empfunden, die in unverständlicher Sprache mit unverständlichen Rezepten durch die Betriebe zogen. Oft in bester Absicht, manchmal mit Dollarzeichen in den Augen. Glücksritter und Betrüger waren aber viel weniger als jene, die (nicht selten selbst aus dem Osten stammend) aus den neuen Ländern einen lebenstüchtigen Teil des vereinigten Deutschlands machen wollten. Ein Beispiel dafür war der Treuhandpräsident Detlev Rohwedder, vorher Wirtschaftsstaatssekretär und Chef des Stahlkonzerns Hoesch, in Gotha geboren, im Westen sozialisiert. Am Ende eines Treffens mit Hunderten Führungskräften aus DDR-Kombinaten breitete Rohwedder die Arme aus und bot an: „Wenn noch Fragen sind: Don’t hesitate to call.“ Nichts hätte das Fremdeln beider Welten besser spiegeln können als die Wortlosigkeit der Zuhörer im Saal.

          Schnell privatisieren, entschlossen sanieren, behutsam stilllegen: Diesen Dreiklang verinnerlichte die Treuhand unter Birgit Breuel, die nach Rohwedders Ermordung die Leitung übernahm. Sie musste sich auf Geheiß der Politik nicht nur um die Betriebe, sondern auch um Handel, Landwirtschaft, Immobilien und Parteivermögen kümmern. Die Anstalt wurde zum Blitzableiter für den Zorn der Menschen. Teure Trostpflaster folgten: Beschäftigungsgesellschaften, Leuchtturmprojekte. Die Deindustrialisierung aber hätte nur eine neue Planwirtschaft verhindert. Fördermittel holen keinen Konzern in den Osten; künstliche Standorte funktionieren nicht. Niemand weiß das besser als jene, die die DDR erlebt haben.

          Marktwirtschaft im Schnelldurchgang

          Die Treuhand führte die Marktwirtschaft im Schnelldurchgang ein, zu schnell für viele. Ein Vierteljahrhundert später kommt das hoch, da nicht alle Träume, die sich um „blühende Landschaften“ rankten, in Erfüllung gingen – auch weil die Träumenden falsche Erwartungen hegten. An der Flüchtlingspolitik macht sich das Misstrauen gegenüber dem neuen Fremden fest, auch die Sorge, das mühsam Erarbeitete wieder zu verlieren. Auch wenn die Lebensverhältnisse noch nicht „gleichwertig“ sein mögen und der Aufholprozess lahmt: Zwischen Löhnen und Renten, Wohlsein und Unwohlsein in Ost und West liegen nicht Welten. Wer den Kraftakt der Anpassung kleinredet, sollte andere frühere Planwirtschaften betrachten, in Polen, Tschechien und Ungarn.

          Das soll nicht heißen, dass auf die Aufarbeitung der Wende und auf das Lesen der nun zugänglichen Treuhandakten verzichtet werden kann. Sie ist schon nötig um zu verhindern, dass Heilsversprecher von ganz rechts oder links noch mehr Zuspruch erfahren. Aber eine „Wahrheitskommission“ wäre der falsche Ansatz. Es geht hier nicht um „Täter“ und „Opfer“. Die Treuhand war kein Unrechtsregime, sondern eine von der Politik eingesetzte Einheit, die wegen des schlechten Zustands der DDR-Wirtschaft schmerzhafte Eingriffe nicht vermeiden konnte. In Tausenden Fällen hat sie die Basis gelegt für ein neues Wirtschaften, hat Oligarchentum verhindert und dafür gesorgt, dass nicht das ganze Land unter den Kosten der Einheit in die Knie geht.

          Kerstin Schwenn

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

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