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Gründe für Zulauf der AfD : Reich und frustriert

Westen konnte Hoffnungen nicht erfüllen

Gut möglich, dass sie getrieben sind von Statusängsten, also von der puren Angst, dass sie oder ihre Nachkommen an Prestige und Einfluss in der Gesellschaft verlieren. Genauso denkbar ist, dass sie einfach nur eine lange Tradition des Herrschaftsdenkens pflegen – geprägt von einem herablassenden „Wir hier oben, ihr da unten“ – mit Flüchtlingen auf unterster Hierarchie-Ebene.

Es gibt vieles, was AfD-Anhänger in Ost und West eint, aber ebenso einiges, was sie trennt. Auch im Westen wird die Partei gewählt, in so reichen Städtchen wie Heilbronn oder den Orten im Taunus. Aber im Osten ist der Zuspruch weit größer, in manchen Regionen ist die AfD stärkste Partei, und selbst in den Szenevierteln der Großstädte kommt sie noch auf zehn statt auf die im Westen üblichen fünf Prozent.

Auch das ist erstaunlich, wenn man nur aufs Materielle schaut. Nach der Wende mag es zwar gebrochene Erwerbsbiographien gegeben haben, aber viele haben sich auch objektiv verbessert, sagt der Leipziger Soziologe Tutic. Die Zeit der großen Arbeitslosigkeit ist vorbei. Das allerdings ist nicht das einzig Entscheidende. Womöglich haben sich viele noch mehr erhofft vom goldenen Westen. Gemessen daran wäre das Erreichte eine herbe Enttäuschung.

Viel wird über die Integration von Ausländern gesprochen, aber ein Teil der Deutschen könnte mit dem gleichen Maßstab als nicht integriert gelten. Die sächsische Integrationsministerin Petra Köpping hat darüber gerade ein Buch geschrieben: „Integriert doch erst mal uns“. Der Satz bezieht sich auf den Status der Ostdeutschen als Minderheit in der vereinten Bundesrepublik. Auch Köpping stolperte über den Widerspruch zwischen materiellem Erfolg und kulturellem Unbehagen. „Sachsen ist ein Bundesland, dem es gut geht“, schreibt sie. Und trotzdem gebe es eine „ungeahnte Erregung“, Hass auf „die da oben“, auf Flüchtlinge und auf „das System“.

Die Ministerin sieht die Ursache in „unbewältigten Demütigungen, Kränkungen und Ungerechtigkeiten“ aus der Nachwendezeit während der neunziger Jahre. Sie zieht auch vorsichtig Parallelen zu anderen Bevölkerungsgruppen, die auf einmal als Minderheit in einer anders geprägten Mehrheitsgesellschaft wiederfinden: zu den Migranten. Auch hier kommt nach einer Generation oft die heikelste Phase im Integrationsprozess, zu dem Zeitpunkt also, an dem sich das vereinte Deutschland jetzt befindet.

Ständiges Nachahmen verursacht Identitätsverlust

Das ist kein rein deutsches Phänomen. In Ungarn und Polen sind Parteien, die in manchem der AfD nahestehen, schon an der Regierung – und das, obwohl die Länder im wirtschaftlichen Aufholprozess weit vorangekommen sind. Gerade im ständigen Aufholen und Nachahmen könnte das Problem liegen. „Im Leben des Nachahmenden vermischen sich zwangsläufig Gefühle der Unzulänglichkeit, Unterlegenheit und Abhängigkeit, des Identitätsverlustes und der unwillkürlichen Unaufrichtigkeit“, schreibt der bulgarische Politologe Ivan Krastev. „Imitatoren sind niemals glückliche Menschen.“

Einfacher macht diese kulturelle Kluft die Sache nicht. Wie leicht wäre es doch, wenn sich das Problem mit der AfD durch Geld lösen ließe.

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