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Gründe für Zulauf der AfD : Reich und frustriert

Keiner der Forscher bestreitet, dass die AfD unter Arbeitslosen oder Geringverdienern viele Stimmen einfährt (siehe Grafik). Aber nicht nur. Neben dem „prekären Milieu“ sei die „bürgerliche Mitte“ unter den Anhängern der Partei stark vertreten, ermittelte die Bertelsmann-Stiftung nach der Bundestagswahl. Die AfD werde „zwar häufiger von Modernisierungsverlierern, aber auch einem Teil der Mittelschichten getragen“, haben Leipziger Forscher um den Soziologen Holger Lengsfeld herausgefunden.

Und der Osnabrücker Politologe Armin Schäfer glaubt, seit den siebziger Jahren habe sich die politische Auseinandersetzung von der klassischen Links-rechts-Achse (Markt gegen Staat) auf eine kulturelle Konfliktlinie verschoben: Individualismus gegen Gemeinschaft.

Wen gut aussehende junge Syrer stören

Auf der einen Seite stehen die „Kosmopoliten“, erläutert der Leipziger Forscher Lengsfeld, also jene Globetrotter, die sich in Berlin, New York und Schanghai gleichermaßen wohl fühlen und zufrieden seufzend feststellen, wie klein die Welt doch inzwischen geworden ist. Auf der anderen Seite stehen die „Kommunitaristen“, denen die große weite Welt gestohlen bleiben kann, vor allem auf dem heimischen Marktplatz. Sie sehen die Globalisierung als kulturelle und ökonomische Bedrohung, auch weil sie die Konkurrenz einschleppt:

Wettbewerb um Jobs, Wohnungen – und womöglich auch um Frauen. In manchen ländlichen Regionen Ostdeutschlands gibt es durch weibliche Abwanderung ohnehin schon einen starken Überhang an Männern. Da kann eine Erweiterung des Angebotspools durch gut aussehende junge Syrer nur stören. „Es wäre erstaunlich, wenn das keine Rolle spielte“, sagt der Leipziger Soziologe Andreas Tutic.

Gefühle schlagen Statistik

Nicht nur Modernisierungsverlierer haben eine Schwäche für radikale Ideen. Die Arbeitslosenquote kann noch so niedrig, das Wachstum noch so hoch sein, ein Teil der Bevölkerung fühlt sich trotzdem zurückgelassen. „Mit Statistik kommt man nicht gegen Gefühle an“, sagt der Bielefelder Soziologe Wilhelm Heitmeyer. „Die AfD schafft es, aus der individuellen Ohnmacht kollektive Machtphantasien zu bauen.“

Diese Art der Radikalisierung fand schon lange vor Chemnitz und Köthen statt, sogar vor der Gründung der Pegida-Bewegung vor vier Jahren. Das Potential war latent schon vorher da, Heitmeyer hat es schon Anfang des neuen Jahrtausends auf rund 20 Prozent der Bevölkerung taxiert – in ganz Deutschland, quer durch alle Bevölkerungsschichten.

Der einzige Faktor von Gewicht, so Heitmeyer, ist Anerkennung. Die drückt sich nicht nur in Geld aus. „Wer nicht wahrgenommen wird, ist ein Nichts“, sagt der Forscher. Dabei zählt, ob die eigene Meinung gehört wird – und ob man das auch so empfindet. „Für uns hat der Staat keinen Cent übrig, aber für die Flüchtlinge zahlt er Milliarden“: So formulieren AfD-Anhänger das Gefühl der eigenen Herabsetzung. Fakten spielen dabei allenfalls eine untergeordnete Rolle.

Wenn die Anerkennung fehlt, sehnen sich die Leute nach der starken, autoritären Hand. Die bietet derzeit die AfD, die Partei des „autoritären Nationalradikalismus“, wie Heitmeyer sie nennt. Das Deutschsein ist der zentrale Identitätsanker, die Wiederherstellung der Kontrolle das Versprechen. Das verfängt nicht nur bei Arbeitslosen und Geringverdienern. Die AfD ist inzwischen tief in das Bürgertum eingedrungen, ihre Anhängerschaft umfasst Professoren genauso wie Ärzte oder Anwälte.

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