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Hanks Welt : Wo steckt die gute Hausfrau?

Überanstrengung durch Doppelbelastung

Man muss sich diese Welt der fünfziger und sechziger Jahre als fremd vor Augen führen, denn kaum jemand kann sich heute mehr vorstellen, wie selbstverständlich eine familiäre Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau einmal war. Das „Narrativ“ ist inzwischen völlig verschüttet. Die heute dominante Erzählung, wie man sie Regalmeter lang in den Bibliotheken der Genderforschung findet, liest sich so: Lange Zeit wurden die Frauen unterdrückt von ihren Männern. Gleichberechtigung blieb ihnen in der „bürgerlichen Kleinfamilie“ versagt; ihr Radius war auf Herd, Heim und Kinder begrenzt. Seit der Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert hätten dann universitär ausgebildete Feministinnen begonnen, ihre Geschlechtsgenossinnen aus ihrem fremdverschuldeten Leid zu befreien. Bis sie in den achtziger Jahren ihren Sieg verkünden konnten.

Tatsächlich gab es im Bürgerlichen Gesetzbuch den berühmten, bis in die siebziger Jahre geltenden Paragraphen 1356. Dort heißt es: „Die Frau führt den Haushalt in eigener Verantwortung.“ Macht man sich einen Moment lang frei vom Emanzipationsnarrativ, hört sich der Satz nicht wirklich nach Unterdrückung, sondern nach Macht und Stärke an. Erst durch den folgenden Satz erhält er seine patriarchalische Schlagseite: „Die Frau ist berechtigt, erwerbstätig zu sein, soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist.“

Die Debatten über Frauenarbeit in den sechziger Jahren können einen Eindruck vermitteln von einer Zeit, in der die Narrative noch flüssig waren. Noch gebe es keine verlässlichen Untersuchungen darüber, ob Frauen „heute eher durch Fraulichkeit oder durch berufliches Können zu Ansehen kommen“, heißt es in einem F.A.Z.-Artikel vom Mai 1963. Die „Doppelbelastung“ werde sie – „körperlich schwächer als der Mann und schutzbedürftig“ – am Ende überanstrengen, warnt der Artikel. Dann, im Jahr 1976, wurde der alte durch einen neuen BGB-Paragraphen abgelöst mit „paritätischem Ehemodell“, das die Eheleute verpflichtet, „in gegenseitigem Einvernehmen“ die Haushaltsführung zu regeln und beide „berechtigt“, erwerbstätig zu sein. Aus der vom Gesetz vorgegebenen Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau war der Auftrag zur Dauerverhandlung geworden, die gerechte Gleichverteilung von familiären Kosten und Nutzen immer fest im Blick.

Ein herrschendes Narrativ, wenn es siegreich sein will, muss offenbar auch seine Vorgängererzählung vergessen machen. Erst langsam emanzipiert sich heute die Genderforschung vom Klischee der Befreiung der bürgerlichen Kleinfamilie durch fortschrittliche Achtundsechzigerinnen. Was hat dann den Paradigmenwechsel ausgelöst? Womöglich ist am Ende sogar der Kapitalismus schuld, was den Freundinnen der Emanzipationstheorie nicht wirklich recht sein dürfte. Erst in den sechziger und siebziger Jahren haben sich nämlich eine Reihe wichtiger haushaltserleichternder Erfindungen in der Breite des Konsums durchgesetzt: Das waren Kühlschränke, Wasch- und Spülmaschinen und natürlich das Auto Hilfsmittel, die es überhaupt erst möglich machten, Haushalt und Beruf unter einen Hut zu bringen.

Zugleich wurde auch der Haushalt dem Design der kapitalistischen Arbeitsgesellschaft anverwandelt: Hausfrauenarbeit, so hieß es nun, sei „gesellschaftlich notwendige Arbeit“, die genauso bezahlt gehöre wie alle andere Arbeit. So war aus der Familie eine kapitalistische Produktionsgenossenschaft geworden. Von da ist es nur noch ein kurzer Weg zu dem damals populären Buchtitel „Die Wirtschaft braucht die Frau“. Und die Frau war offenbar der Meinung, sie brauche die Wirtschaft: Als notwendige Bedingung zur Herstellung von Geschlechtergleichheit und zur Befriedigung eines Grundbedürfnisses nach Sinnerfüllung. Dieser Verheißung der kapitalistischen Erwerbsarbeit konnte und wollte sich am Ende kaum eine Frau entziehen. Koste es, was es wolle.

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