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Corona und die Wirtschaft : Mehr Einschränkungen wagen

Stoff-Masken auf Modellköpfen im Schaufenster: In den Niederlanden bleiben Kneipen, Cafés und Restaurants ab sofort geschlossen. Bild: dpa

Fachleute betonen, dass der Lockdown besser früher als später kommt. Das mag für viele übertrieben wirken. Doch erst wenn die Infektionszahlen wieder sinken, kann es für die Unternehmen und Selbständigen bergauf gehen.

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          Die Niederländer machen es richtig. Auf die auch im Nachbarland stark steigenden Corona-Neuinfektionen reagiert die Regierung Rutte beherzt mit Einschränkungen. Während hierzulande noch über Nebenkriegsschauplätze wie das Beherbergungsverbot gestritten wird, bleiben Kneipen, Cafés und Restaurants in den Niederlanden ab sofort geschlossen. Zu Hause dürfen dort zudem nur noch höchstens drei Gäste empfangen werden.

          Aus dem Bauch heraus mag das für viele übertrieben wirken. Die niederländische Reaktion steht aber im Einklang mit allen Erkenntnissen, die in der ersten Infektionswelle im Frühjahr gesammelt wurden. Der Internationale Währungsfonds fasst in einer aktuellen Analyse, die auf Daten aus 128 Ländern basiert, zusammen: „Lockdowns verursachen kurzfristig hohe Kosten, führen aber zu einer schnelleren wirtschaftlichen Erholung, da sie die Infektionen reduzieren und Menschen so davon abhalten, sich freiwillig sozial zu distanzieren.“

          Die Fachleute betonen, dass der Lockdown besser früher als später kommt. Sie räumen zudem mit dem Irrglauben auf, dass die Regierungen nur die Wahl zwischen Pest und Cholera haben – sie also entweder die Menschen durch einen Lockdown retten können oder die Wirtschaft, indem sie die Zügel locker lassen. Die Wahrheit ist eine andere: Erst wenn die Infektionszahlen wieder sinken, kann es für die Unternehmen und Selbständigen bergauf gehen. Lauert hingegen überall die Corona-Gefahr, trauen sich viele Menschen nicht in die Geschäfte und halten ihr Geld zusammen. Die schrumpfende Wirtschaft in Schweden, wo auf harte Maßnahmen verzichtet wurde, zeigt diesen Zusammenhang exemplarisch.

          In Deutschland scheinen viele noch nicht begriffen zu haben, was die Stunde geschlagen hat. Dabei betonen Virologen schon lange, dass es im Herbst sehr viel schwieriger ist, die Corona-Ausbreitung zu stoppen, als im milden Frühjahr. Der Beweis, dass dies überhaupt gelingen kann, muss erst noch erbracht werden. Zumal der Wunsch, in der zweiten Welle Kindergärten, Schulen und Geschäfte offen zu halten, sehr viel größer ist. Dass das Treffen im Bundeskanzleramt am Mittwochabend mit Ergebnissen endete, die Bundeskanzlerin Merkel „nicht hart genug“ findet, ist alarmierend – und kostet wertvolle Zeit im Kampf gegen Corona.

          Johannes Pennekamp
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

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