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Berliner Elektronikmesse : Die IFA öffnet ihre Pforten – ein bisschen

Deshalb wurde die Messe-Dauer halbiert, von sechs Tagen im vergangenen auf drei Tage in diesem Jahr. Von den vielen Hallen auf dem weitläufigen Ausstellungsgelände wird bis Samstag kaum eine Handvoll benötigt und genutzt. Kein Wunder: Denn zahlreiche traditionelle Aussteller fehlen: Samsung, Amazon, Lenovo, Philips, Sennheiser und selbst die Deutsche Telekom. Andere IFA-Stammgäste wie Miele, Bosch- Siemens-Hausgeräte, LG oder Qualcomm verzichten auf Stände und setzen aufs Virtuelle.

Auch haben die Berliner Behörden mit Abstands- und Corona-Regeln allen Großveranstaltungen wie Konzerten, Meetings oder Konferenzen einen Riegel vorgeschoben. Das heißt: maximal 750 Besucher je Tag und je IFA-Veranstaltung. Ohne Einladung und Sonderausweis kommt keiner auf das Gelände. Ampeln signalisieren den Besuchern, ob sie eine Halle betreten dürfen oder warten müssen. Es gelten Abstandsregeln und Maskenpflicht. Wer nicht spurt, muss gehen.

Innovation oder Imageschaden

Während die geplante Hauptrede – die des Präsidenten des Halbleiterherstellers Qualcomm, Cristiano Amon – am Donnerstag als „Recorded Opening Keynote“ gelaufen ist und Huaweis Europachef Walter Ji zu einer virtuellen Pressekonferenz am Computerbildschirm einlud, haben zwei Branchenriesen wie die Samsung-Gruppe und LG schon vor Wochen entschieden, ihre Auftritte in Berlin in diesem Jahr besser ganz sausenzulassen.

Die Koreaner setzen auf virtuelle Hausmessen. So zeigen sie ihre gesamte neue Produktpalette und die neuen Konzernprogramme im Netz – als Film und auf einer eigenen digitalen Plattform. Kim Jin-hong, Leiter des Global Marketing Centers von LG Electronics, sagt zwar, sein Haus fühle sich der IFA auch weiterhin verbunden, daher bleibt es auf der Teilnehmerliste stehen. Doch besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen.

Der Huawei-Stand auf der IFA-Messe
Der Huawei-Stand auf der IFA-Messe : Bild: Getty

So hat LG im fernen Korea einen „Smart Home Showroom“ errichtet, aus dem es an den IFA-Tagen im fernen Berlin neben allerlei K-Pop-Prominenz wie Henry Lau die eigenen Produktneuheiten präsentiert: TV-Geräte, HiFi-Anlagen, Virtual und Augmented Reality. Samsung geht noch einen Schritt weiter. „Wir begrüßen diese technische Veränderung nicht nur, wir wollen ihr auch ein Stück voraus sein. Unser Blick richtet sich stets in die Zukunft. Daher gibt es für uns keinen passenderen Weg, als unsere Produktpalette für 2020 über ein so innovatives Digital-Event vorzustellen“, sagt Benjamin Braun von Samsung Europa.

Trotzige Zuversicht

Damit die interessierte Kundschaft aus aller Welt nicht nur in die Röhre schaut, konzentriert die Berliner Messegesellschaft die „physischen Live-Events“ vor allem auf die sogenannte „B2B-Kernfunktionen der IFA“. Dieses Wortgetöse illustriert das Dilemma der Ausstellungsmacher: Fachbesucher dürfen rein, das interessierte Publikum, also die kommende Kundschaft, nicht. Bewährt sich hier die Technik als Präsentations- und Ausstellungsplattform, werden es klassische Veranstaltungen künftig schwer haben, Aussteller anzulocken; bewährt sich die Technik nicht, wird Berlin in den sozialen Netzwerken einmal mehr durch den Kakao gezogen und das Image der IFA nimmt Schaden.

Unterm Strich demonstrieren die Berliner Messemacher trotzige Zuversicht und bekommen Rückendeckung aus der Politik: „Die IFA 2020 wird ein wichtiger Meilenstein sein, um Berlin aus dieser Pandemie zurück zur Normalität und zurück zum Wirtschaftswachstum zu bringen“, sagte der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller.

TV-Geräte gefragt wie lange nicht

Auch ohne die IFA in ihrer klassischen Form stehen in diesem Jahr bislang alle Branchenampeln auf Grün. Denn die deutschen Verbraucher greifen zu, als gäbe es kein Morgen. Im ersten Halbjahr kauften Privatleute hierzulande Heimelektronik für fast 20,3 Milliarden Euro. Das sind gut 5 Prozent mehr als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Besonders gefragt waren die Bereiche audiovisuelles Zubehör, Videospielkonsolen, IT-Produkte und Elektrokleingeräte. Hier wurden in einigen Geschäftsbereichen satte zweistellige Umsatzzugewinne verbucht. Im Lockdown sorgten die Deutschen dafür, dass sogar der seit Jahren schon schwächelnde Markt für Fernsehgeräte einen recht ordentlichen Auftrieb erhalten hat – „erstmals seit längerem“, wie die Gesellschaft für Unterhaltungselektronik (GFU) wohlwollend konstatierte. Insgesamt wurden zwischen Januar und Juni in Deutschland 3,1 Millionen TV-Geräte verkauft. Das spülte Herstellern und Händlern Erlöse von 1,8 Milliarden Euro in die Kasse und entsprach einem Plus gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres von 3,6 Prozent. fib./tih.

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