https://www.faz.net/-gqe-a4c7z

Corona und Beherbergungsverbot : Sturm der Entrüstung

  • -Aktualisiert am

Ein Schriftzug eines Hotels in der Nähe des Hamburger Hauptbahnhofs Bild: dpa

Wie Bund und Länder in diesen Tagen agieren, ist in mehrerlei Hinsicht fragwürdig. Es wird Zeit für eine offene Diskussion darüber, wie viel Gesundheitsschutz, aber auch wie viel wirtschaftliche Freiheit nötig ist, um diese Krise zu überstehen.

          1 Min.

          Nun könnte er erreicht sein: der Kipppunkt in der Corona-Debatte. Mehr als ein halbes Jahr haben die allermeisten Bürger und Unternehmen die Vorsichtsmaßnahmen gegen das Virus mehr oder weniger klaglos mitgetragen. Doch jetzt deutet vieles darauf hin, dass die Politik den Bogen überspannt hat. Gegen die mitten in der Herbstferienzeit verhängten Beherbergungsverbote für Urlauber braut sich jedenfalls ein Sturm der Entrüstung zusammen, wie es ihn seit März nicht gegeben hat.

          Das gilt zum einen für die betroffenen Urlauber. Wer vor einigen Wochen den Appellen von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) folgte und seinen Herbsturlaub in Deutschland buchte, hat nun das Nachsehen, muss mit Hotels über Stornierungskosten verhandeln, während andere es sich in Griechenland, Italien oder Schweden gutgehen lassen. Aber auch in der Wirtschaft werden die kritischen Stimmen lauter, dass es mit der Corona-Politik so nicht weitergehen kann. Zwar droht nicht jeder Hotelier gleich mit einer Klage. Aber der Unmut über die politisch Verantwortlichen steigt hörbar – zu Recht.

          Einreiseverbote für Hotels – nicht für Familienbesuche

          Wie Bund und Länder in diesen Tagen agieren, ist in mehrerlei Hinsicht fragwürdig. So sind Übernachtungen in Hotels bislang nicht als Infektionsherde aufgefallen. Doch nur für sie gelten die Einreiseverbote, nicht dagegen für Familienbesuche. Ein weiteres Problem ist, dass die Beschränkung quasi von einem Tag auf den anderen verhängt wurde. Mit einer drohenden Überlastung des Gesundheitssystems ließe sich ein solch kurzfristiger Schritt womöglich noch erklären. Doch davon ist Deutschland glücklicherweise nach wie vor weit entfernt.

          Umso bedauerlicher ist, wie sehr in der Debatte über neue Einschränkungen die Gesundheitspolitiker das Wort führen, während von den Wirtschaftspolitikern nur wenig zu hören ist. Zu groß ist offenbar deren Angst, als kaltherzige Kapitalisten abgestempelt zu werden, denen wirtschaftliche Interessen wichtiger sind als die Gesundheit der Menschen. Wirtschaftspolitik bedeutet derzeit vor allem eines: mit immer neuen Hilfsprogrammen Unternehmen ihre Umsatzausfälle zumindest teilweise zu ersetzen. Doch das kann kein Dauerzustand sein. Es wird Zeit für eine offene Diskussion darüber, wie viel Gesundheitsschutz, aber auch wie viel wirtschaftliche Freiheit nötig ist, um diese Krise zu überstehen.

          Julia Löhr
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Weitere Themen

          Streik bei Ikea

          Einzelhandel : Streik bei Ikea

          Das schwedische Möbelhaus positioniert sich gern als Wohlfühlkonzern. Das sah eine Reihe von Beschäftigten anders, die heute in mehreren Ikea-Filialen streikten. Es ging dabei auch um zu viel Digitalisierung.

          Topmeldungen

          Laschet und Merkel in Stralsund am Dienstagabend

          Merkel und Laschet : Kann er Ostsee?

          In Stralsund macht Angela Merkel Wahlkampf mit Parteifreunden. Der eine will ihren Platz im Wahlkreis einnehmen – der andere jenen im Kanzleramt.
          Idar-Oberstein: Blumen und Kerzen sind vor der Tankstelle aufgestellt, in der ein Angestellter erschossen wurde.

          Idar-Oberstein : Allgegenwärtige Enthemmung

          Aus den widerlichen Reaktionen im Netz ist nicht auf das Tatmotiv in Idar-Oberstein zu schließen. Man muss aber nicht nach Idar-Oberstein schauen, um zu wissen, dass jeder „Extremismus“ in Bestialität enden kann.
          Der französische Präsident Emmanuel Macron am 7. September in Paris

          U-Boot-Streit mit Amerika : Warum Frankreich den Eklat herbeiführte

          Im U-Boot-Streit mit Amerika, Großbritannien und Australien hat Paris seine Botschafter aus Washington und Canberra zurückberufen. Im Gespräch mit der F.A.Z. erklären beide die Hintergründe und, wie sich die NATO aus ihrer Sicht ändern muss.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.