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Brisantes Ergebnis Entwicklungshilfe landet in Steueroasen

Ein wissenschaftlicher Aufsatz hat ein Beben in der Weltbank ausgelöst. Es geht um den Kern ihrer Tätigkeit.

Von Winand von Petersdorff, Washington

Landet Entwicklungshilfe umfangreich auf geheimen Konten?
© Reuters
Landet Entwicklungshilfe umfangreich auf geheimen Konten?

Ein wissenschaftlicher Aufsatz hat ein Beben in der Weltbank ausgelöst und wird in Zusammenhang mit dem überraschenden Abschied der Chef-Volkswirtin Pinelopi Goldberg gebracht. Drei Forscher, darunter ein Weltbank-Ökonom, haben starke Hinweise dafür gefunden, dass die Eliten armer Länder bedeutende Anteile der Entwicklungshilfe einkassieren und in Steueroasen schleusen.

Hohe Entwicklungshilfe-Zahlungen gehen demzufolge einher mit einem hohen Anstieg der Guthaben bei Finanzinstituten in Ländern, die für das Bankgeheimnis und diskrete Vermögensberatung bekannt sind. Auffällig ist: Die Guthaben stiegen immer dann, wenn Entwicklungshilfe überwiesen wurde. Die Fachleute haben eine Reihe von alternativen Deutungen ausgeschlossen. Weder Naturkatastrophen, Finanzkrisen oder Bürgerkriege haben die Empfängerländer veranlasst, Entwicklungshilfe in Steueroasen zu parken.

Die Forscher Jørgen Juel Andersen, Niels Johannesen und Bob Rijkers haben für ihre Untersuchung zwei Datensätze abgeglichen: Einerseits die vierteljährlichen Zahlungen der Weltbank an die 22 bedürftigsten Länder, andererseits Daten der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, die den Anstieg von Guthaben der armen Länder in Steueroasen dokumentieren.

Das brisante Ergebnis: Immer, wenn in einem Vierteljahr die Entwicklungshilfe-Zahlung 1 Prozent der Wirtschaftsleistung des bedürftigen Landes überstieg, stiegen dessen Guthaben in Steueroasen um 3,4 Prozent im Vergleich zu den Guthaben von Ländern, die keine Entwicklungshilfe bezogen. Die Auslands-Guthaben der armen Länder in Ländern, die keine Steueroasen sind, stiegen in dieser Zeit hingegen nicht.

Versuche, den Inhalt zu verwässern

Die Autoren räumen ein, dass alternative Deutungen möglich sind: So könnten internationale Firmen, die mit der Exekution bestimmter Entwicklungshilfeprogramme betraut werden, ihr Geld in der Schweiz oder auf den Cayman-Inseln legitim anlegen wollen. Gleichwohl legen die Forscher die Deutung nahe, dass Entwicklungshilfe abgezweigt und auf Privatkonten in Steueroasen versteckt werde.

Allerdings haben die makroökonomischen Datensätze ihre Grenzen: Die Forscher können daraus nicht ermitteln, wer das Vermögen anhäuft in den Phasen hoher Entwicklungshilfe-Zuwendungen. Sie haben auch versucht, die sogenannten Sickereffekte zu beziffern – und kommen zu dem Ergebnis, dass ungefähr 5 Prozent der Entwicklungshilfe abgezweigt wird. Der vermutete Zugriff der Eliten könnte eine Teilerklärung für die oftmals beklagte geringe Effektivität von Entwicklungshilfe liefern.

Eine Studie aus dem Jahr 2017 hat einen ähnlichen Abzweigungs-Mechanismus aufgespürt: Wissenschaftler forschten damals, wo der Ölreichtum schlecht regierter armer Länder landet. Sie fanden heraus, dass rund 15 Prozent der Ölgewinne abgezweigt werden und sich auf privaten Bankkonten in Steueroasen wieder finden. Im Vergleich dazu schneidet die Entwicklungshilfe gut ab. Die Autoren führen das darauf zurück, dass die Hilfe stärker überwacht wird.

Der Aufsatz mit seinem brisanten Inhalt sollte zunächst als sogenanntes Working Paper von der Weltbank veröffentlicht werden – und später in einer Wissenschaftszeitschrift. Nach Informationen der F.A.Z. musste das Papier innerhalb der Weltbank einen außergewöhnlich langen Prüfprozess durchlaufen. Es gab mehrere Versuche, den Inhalt zu verwässern, offenbar politisch motiviert. Die Wirtschaftszeitung „Economist“ berichtete, die Weltbank wollte die Veröffentlichung sogar blockieren.

Die Autoren selbst wussten davon nichts und haben inzwischen die Nachricht bekommen, dass der Aufsatz veröffentlich wird. Es gibt Hinweise, dass die vorzeitige Resignation der Weltbank-Chefökonomin Pinelopi Goldberg mit den Versuchen in Zusammenhang steht, das Papier zu bremsen. Vorzeitig seine Amtszeit beendete übrigens auch Goldbergs Vorgänger, der Nobelpreisträger Paul Romer.