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Argentinien : Angst vor dem Peso

Proteste in Buenos Aires Bild: dpa

Die Argentinier versuchen angesichts einer starken Inflation, ihre Ersparnisse ins Trockene zu bringen – zur Not auch übers Handy. Wer nichts hat, geht auf die Straße.

          2 Min.

          Zehntausende Argentinier sind am Mittwoch in der Hauptstadt Buenos Aires auf die Straße gegangen. Die Demonstranten forderten höhere Mindestlöhne sowie Lebensmittelhilfen für Arme. Die Argentinier leiden unter einer starken Inflation, die in diesem Jahr 55 Prozent erreichen dürfte. Das wirkt sich unmittelbar auf die Kaufkraft aus. Einkommensschwachen Familien fällt es schwer, das nötige Geld für die immer teureren Lebensmittel, den Strom und das Gas aufzubringen. Jede dritte Familie lebt in Armut.

          Tjerk Brühwiller

          Freier Berichterstatter für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

          Die Krise hat sich rasant beschleunigt seit den Vorwahlen am 11. August, in denen sich die Chancen auf eine Wiederwahl des liberalen Präsidenten Mauricio Macri als minimal herausstellten. Das unerwartet klare Ergebnis der Vorwahlen wirkte wie ein Schock, der die argentinischen Finanzmärkte vollends ins Taumeln gebracht hat. Die Investoren fürchten unter dem oppositionellen Kandidaten Alberto Fernández und dessen Vizekandidatin Cristina Fernández de Kirchner eine Rückkehr zu einer interventionistischen Politik. Der Absturz des Peso nach den Vorwahlen hat die bereits hohe Inflation zusätzlich beschleunigt.

          Kehrtwende des Präsidenten

          Präsident Macri hat unter dem Eindruck der Krise eine 180-Grad-Wende vollzogen. Nach der Wahl ordnete er per Dekret Steuererleichterungen, höhere Sozialleistungen und weitere Maßnahmen an, um die Auswirkungen auf die Bevölkerung abzufedern. Die Regierung hat damit den Sparkurs verlassen, zu dem sich Argentinien im Rahmen eines Rekordkredits von 57 Milliarden Dollar des Internationalen Währungsfonds (IWF) verpflichtet hatte. Vor wenigen Tagen kündigte die Regierung zudem ihre Absicht an, mit dem IWF über eine spätere Rückzahlung der Kredite zu verhandeln.

          Am Wochenende machte Macri seine Kehrtwende komplett, indem er die Devisenkontrollen wieder einführte, die er 2015 in einer seiner ersten Amtshandlungen abgeschafft hatte. Per Dekret verfügte die Regierung, dass große Unternehmen künftig eine Erlaubnis der Notenbank für den Kauf von Fremdwährungen und zur Überweisung von Devisen ins Ausland einholen müssen. Die Maßnahmen gelten zunächst bis zum Jahresende. Für Privatpersonen, die Dollar erwerben wollen, gilt künftig eine monatliche Obergrenze von 10.000 Dollar. Die Devisenkontrollen sollen die Kapitalflucht verhindern. Im Wochenverlauf legte der Peso leicht zu.

          Vor den argentinischen Banken stehen die Anleger jedoch weiterhin Schlange, um ihre Ersparnisse ins Trockene zu bringen. Wer Pesos hat, der wechselt sie in Dollars, um dem drohenden weiteren Zerfall der Landeswährung auszuweichen, die im August mehr als 26 Prozent an Wert verloren hat. Und wer Dollar hat, der hebt sie ab. Die Argentinier haben in den vergangenen drei Wochen Dollaranlagen in Höhe von rund vier Milliarden Dollar von den Banken abgezogen. Die Angst vor einem neuen sogenannten „Corralito“ geht um. Der Begriff stammt aus dem Jahr 2001, als die Regierung im Zuge des Zusammenbruchs des Finanzwesens die Vermögen von Millionen von Argentiniern einfrieren ließ.

          Kapitalflucht nicht neu

          Ein Teil der Dollar landet in Form von Bargeld unter den Kopfkissen der Argentinier – öfter jedoch in einem Tresor. Doch selbst die Nachfrage nach Tresoren ist in den vergangenen Wochen massiv angestiegen. Zudem sind die argentinischen Banken mit der derzeitigen Situation überfordert. Einigen fehlt gar das Bargeld, um Dollar auszuzahlen. Am sichersten sind die Dollaranlagen der Argentinier im Ausland. Doch ein Auslandkonto lässt sich nicht ohne weiteres eröffnen. Eine Alternative bietet das Internet. Online-Plattformen wie „InvertirOnline“, „Bull Market“ oder „Quiena“, mit denen sich bereits mit kleinen Beträgen im Ausland investieren und gar Konten eröffnen lassen, verzeichneten in den vergangenen Wochen eine Multiplikation ihrer Transaktionen.

          Die Kapitalflucht – sei es unter das Kopfkissen oder ins Ausland – ist kein neues und kein momentanes Problem in Argentinien. Die Argentinier haben schon länger kein Vertrauen in ihre eigene Währung mehr. Unter der Regierung von Präsident Macri belief sich die Kapitalflucht auf insgesamt über 75 Milliarden Dollar, unter seiner Vorgängerin Cristina Kirchner waren es 71 Milliarden im ersten und über 26 Milliarden Dollar im zweiten Mandat. Deren Vorgänger und verstobener Ehemann Néstor Kirchner hatte mit einer Kapitalflucht von 15 Milliarden Dollar zu kämpfen.

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