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Mehr Jobs, mehr Lohn : Bessere Zeiten für Amerikas Arbeitnehmer

Wer mehr verdient, kann auch mehr ausgeben. Bild: AFP

Die Löhne steigen wie schon lange nicht mehr, Firmen suchen oft vergeblich. Der neue Trend der unverbindlichen Zusagen heißt in Amerika „Ghosting“.

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          Die amerikanische Volkswirtschaft schafft seit 99 Monaten Tag für Tag zusätzliche Arbeitsplätze. Die Arbeitslosigkeit ist so niedrig wie Ende der sechziger Jahre. Knapp 20 Millionen Arbeitsplätze sind in den Vereinigten Staaten seit der letzten Wirtschaftskrise entstanden. Es gebe inzwischen mehr offenen Stellen als Arbeitslose, meldet die staatliche Arbeitsbehörde. Noch bemerkenswerter ist, dass rund 70 Prozent der neuen Stellen von Personen besetzt werden, die vorher weder beschäftigt noch arbeitslos gemeldet waren. Sie waren nicht als arbeitssuchend registriert und darum außerhalb der Statistik.    

          Winand von Petersdorff-Campen
          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Eine seit Jahren erwartete spürbare Lohnerhöhung hat sich endlich materialisiert, mit einem Plus von 3,2 Prozent bei den Stundenlöhnen im vergangenen Jahr. Weil zugleich die Inflation nur 1,9 Prozent betrug, blieb unterm Strich etwas übrig. Ein Zuwachs von 1,3 Prozent ist vielleicht nicht viel, aber mehr, als in der Regel in den letzten 30 Jahren heraussprang.

          Zudem heben die Ökonomen des Weißen Hauses hervor, die Lage sei noch besser, wenn man auch Zusatzleistungen und Boni berücksichtige und demografische Elemente herausfiltere. Die ersten geburtenstarke Jahrgänge (Babyboomer), die zuletzt vergleichsweise hohe Gehälter bezogen haben, gehen in den Ruhestand. Neben den Spitzenverdienern profitierten in den letzten Jahren vor allem die untersten Lohngruppen von stattlichen Lohnerhöhungen.   

          Das „Ghosting“-Phänomen

          Die Entwicklung reflektiert die wachsende Marktmacht der Arbeitnehmer. Die Unternehmen können es sich immer seltener  leisten, sie zu verlieren. Seit einiger Zeit registrieren Arbeitgeber, dass ihre Mitarbeiter schlicht nicht mehr auftauchen – entweder kurz nachdem sie angestellt wurden oder auch später. Millennials sprechen von „Ghosting“. Das ist ein Begriff der Umgangssprache, der ungefähr „jemanden versetzen“ bedeutet. Er kommt aus der Welt der Online-Partnerschaftsanbahnung und findet Anwendung, wenn ein Partner nach ersten Kontakten plötzlich verschwindet.

          Der Begriff fand Eingang in das „Beige Book“, dem Konjunkturbericht der amerikanischen Zentralbank, in dem die Regionaldirektoren Informationen aus ihren Gesprächen mit Unternehmern und Managern sammeln. Die Praktiker berichteten den Zentralbankern von dem neuen Phänomen, Bewerber erschienen nicht einmal mehr zu den Vorstellungsgesprächen – ohne Notiz zu geben.

          Die neue Stärke der Arbeitnehmer zeigt sich auch in der Bereitschaft, den Arbeitsplatz zu wechseln. Im vergangenen Jahr haben rund 40 Millionen Arbeitnehmer ihre alte Stelle aufgegeben, das ist immerhin jeder vierte Arbeitnehmer, zwei Millionen mehr als im Vorjahr. Von der Unternehmensberatung Mercer befragte große Arbeitgeber meldeten, dass mehr als 15 Prozent ihrer Belegschaft gegangen sei.

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