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Working Poor : Amerikas Mythos vom armen Multijobber

Eine Demonstrantin protestiert in San Francisco gegen niedrige Bezahlung der Uber-Fahrer. Bild: Reuters

Können immer mehr Amerikaner sich nur dank mehrerer Jobs über Wasser halten? Die Fakten geben das nicht her.

          In Amerika hat gut anderthalb Jahre vor der Wahl der Wahlkampf begonnen. Es ist eine Zeit, in der neue Mythen entstehen und alte verstärkt werden. Ein beliebter Mythos lautet, dass die Amerikaner in der Regel zwei bis drei Stellen haben müssen, um überhaupt überleben zu können. Der Alt-Linke Bernie Sanders verbreitet diese Aussage ebenso wie die Demokratin Kamela Harris. Beide wollen das Weiße Haus erobern.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Tatsächlich zeigt die offizielle Arbeitsmarkt-Statistik, dass acht Millionen Menschen mehr als eine Stelle haben. Das klingt viel, entspricht aber nur 4,9 Prozent der beschäftigten Arbeitnehmer in den Vereinigten Staaten. Das heißt, gut 150 Millionen Amerikaner haben nur eine einzige Arbeitsstelle und überleben trotzdem irgendwie. Zudem geht der Anteil der Doppel- und Multijobber seit den neunziger Jahren stetig zurück. Damals waren in Spitzenzeiten mehr als sechs Prozent in mehr als einem Job unterwegs. Die meisten haben Multijobber haben überdies eine volle Stelle und einen Teilzeitjob.

          Noch ein Fakt ist bemerkenswert: Der Anteil der Arbeitnehmer mit mehr als einem Job steigt mit ihrem Ausbildungsniveau. Menschen mit Universitätsabschluss arbeiten deutlich häufiger in einen Zusatzjob als solche ohne Berufsausbildung. Das erschüttert die These, dass zusätzlich arbeitet, wer sonst seine Lebenshaltung nicht bezahlen könnte. Dann wäre der Anteil der Niedrigverdiener größer als der gut ausgebildeten und deshalb in der Regel besser bezahlten Beschäftigten, würde man zumindest erwarten.

          Hohe Bildung, hohe Kosten

          Forscher der Zentralbank von St. Louis bieten zwei Erklärungen für das Phänomen an: Gut ausgebildete Amerikaner haben häufiger Häuser gekauft und müssen hohe monatliche Aufwendungen für Zins und Tilgung leisten, die sie leichter mit Nebenjobs stemmen können. Sie sind aber selbst nicht ganz überzeugt davon: Häuser kann man schließlich verkaufen, wenn einem die Ausgaben über den Kopf wachsen. Für wahrscheinlicher halten die Ökonomen deshalb eine andere Begründung: Reichere Familien haben inzwischen mehr Kinder als arme Familien. Deren Ausbildung und Betreuung kostet viel Geld, wenn man sich nicht auf das öffentliche Bildungssystem verlassen will. Das ist ein ernsthaftes Problem, das aber nicht potentielle Hungerleider trifft.

          Auch die sogenannte Gig-Ökonomie lässt sich in der amerikanischen Arbeitsmarktstatistik kaum finden. Dahinter steckt die Vorstellung, dass klassische Anstellungsverhältnisse verschwinden und immer mehr Amerikaner freischaffend und auf Anruf für Auftraggeber arbeiten. Klassisches Beispiel ist der Fahrtenvermittler Uber: Dessen Fahrer sind nicht festangestellt. Die jüngsten Daten des Arbeitsministerium dazu besagen, dass im Mai 2017 knapp sieben Prozent der Arbeitnehmer freischaffend waren, dass entspricht immerhin knapp elf Millionen Amerikanern. Nur: Im Jahr 2005 war der Anteil mit 7,4 Prozent höher und nicht niedriger. Das heißt, ein Trend Richtung Gig-Ökonomie kann hier nicht herausgelesen werden.

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