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Kommentar : Alle gegen Google

Eingezäunt: Googles Rechenzentrum in Hamina in Finnland. Bild: AFP

Politiker denken sich harte Gesetze aus, um die Internet-Konzerne zu zähmen. Dabei gibt es eine sanftere Idee. Die wirkt sogar noch besser.

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          Jetzt heißt es wieder: Alle gegen Google. In Brüssel findet sich die neue Europäische Kommission zusammen und überlegt als Erstes, welche Auflagen sie Google noch machen kann. Da wollen die Berliner Politiker nicht zurückstehen: Fast jeder Minister, der sich für das Internet zuständig fühlt, kommt in diesen Tagen mit einem neuen Regelungsvorschlag um die Ecke.

          Justizminister Heiko Maas beansprucht locker, dass Google seinen geheimen Algorithmus offenlegen soll, und dreht das nur langsam zurück. Innenminister Thomas de Maizière fordert in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, dass Googles und Facebooks Werbevermarktung eingeschränkt wird. Und wenn das Start-up Uber, an dem Google auch beteiligt ist, den Taximarkt aufrollen will, denkt jeder Politiker erst darüber nach, wie man die Gesetze noch fester zurren kann. Ach ja: Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel wollte vor ein paar Monaten Google gleich ganz zerschlagen.

          Man muss nicht im Silicon Valley geboren worden sein, um diese Anwürfe übertrieben zu finden. Mehr Freude an der neuen Technik täte den Deutschen gut. Trotzdem muss man auch nicht in einer Steinzeithöhle auf die Welt gekommen sein, um zu sehen, dass einige Unternehmen zu viel Macht angehäuft haben. Mehr Konkurrenz täte auch dem Internet gut.

          Was Konkurrenz bewirken kann, zeigt Apple nämlich derzeit in einem anderen High-Tech-Geschäft: den Smartphones. Plötzlich gewinnt der Datenschutz neue Freunde. Laut posaunt der Konzern heraus, dass seine Schutzmechanismen von iPhone-Generation zu iPhone-Generation ausgefeilter werden. Im Konkurrenzkampf mit den Google-Handys scheint sich Apple davon inzwischen einen Wettbewerbsvorteil zu versprechen.

          Facebook dagegen hat ein Monopol unter den sozialen Netzwerken - und nutzt es demnächst dazu, seine Mitglieder noch weiter durchs Internet zu verfolgen. Es will ihnen auch auf anderen Internetseiten Anzeigen einspielen, die zu ihrem Facebook-Profil passen. Von solchen Aktionen sind die Nutzer so genervt, dass sich unter dem Namen „Ello“ gerade ein neues Konkurrenznetzwerk bildet. Doch wenn es „Ello“ so geht wie den letzten fünf sozialen Netzwerken, dann ist es bald wieder bedeutungslos.

          Facebooks und Googles Daten sind kaum noch einzuholen

          Denn so tickt das Internet. Monopolisten wie Facebook und Google sind schwer vom Thron zu stoßen. Je größer sie sind, desto leichter wird ihr Geschäft. Denn zusätzliche Nutzer kosten sie nichts, sie müssen keine Smartphones zusammenbauen. Stattdessen können sie ihr Geld komplett in die Entwicklung stecken, um das Produkt zu verbessern und sich noch weiter von der Konkurrenz zu lösen.

          Für die Nutzer ist das nicht mal ein goldener Käfig. Die Türen sind offen, der nächste Wettbewerber immer nur einen Klick entfernt - doch der schafft es nie, eine bessere Suchmaschine oder ein besseres Netzwerk anzubieten. „Natürliches Monopol“ heißt das in der Fachsprache, und es funktioniert fast immer. Im Internet wurden Monopole bisher kaum einmal abgelöst, sondern höchstens technisch überholt und durch das nächste Monopol ersetzt.

          Selbst dieser Mechanismus ist in Gefahr. Denn Google und Facebook haben in den vergangenen Jahren so viele Daten gesammelt, dass die anderen dagegen nicht mehr ankommen. Heute schon kann Google dank seines Wissens über die Nutzer unterscheiden, ob jemand auf der Suche nach „Eintracht“ den Fußballverein aus Frankfurt an erster Stelle sehen will, den aus Trier - oder ob er nur den Wörterbucheintrag sucht. In Zukunft werden die Daten noch wichtiger. Denn Computer und Handy werden zum persönlichen Assistenten: Sie wissen, wann ihr Besitzer den nächsten Termin hat und wann er losfahren muss. Wenn Stau ist, warnen sie ihn automatisch. So etwas können überhaupt nur Unternehmen, die genügend Nutzerdaten gesammelt haben.

          Nutzer sollten ihre Daten mitnehmen können

          Normale Missbrauchsverfahren kommen kaum noch hinterher. Das Kartellamt hofft in einem internen Papier schon auf das Recht, den Unternehmen unabhängig von einem Missbrauchsverfahren Vorschriften zu machen. Aber welche Vorschriften? Einige ältere politische Vorschläge weist das Kartellamt selbst zurück.

          Die Ideen, die heute auf dem Tisch liegen, bekämpfen nur Symptome. Ist der Algorithmus zu undurchsichtig? Transparenter machen! Fehlt der Datenschutz? Nutzung verbieten! Damit würde die Politik dem kompletten Internet Vorschriften machen, die in zwei Jahren schon wieder technisch überholt sind. Das hilft den Nutzern nichts, erschwert aber auch möglichen neuen Konkurrenten das Leben.

          Es gibt aber noch eine andere Idee: Was wäre, wenn die Nutzer ihre Daten einpacken und zu einem Konkurrenten mitnehmen könnten? Bisher bietet Facebook schon alle Daten zum Herunterladen an - aber die kommen als tausendseitiges PDF, mit dem kein anderes soziales Netzwerk etwas anfangen kann.

          Könnten die Bürger aber ihre Freundeslisten und Vorlieben von Facebook zum Herausforderer mitnehmen, dann hätte das neue „Ello“ plötzlich ganz andere Startchancen. Googles Herausforderer würden stärker, wenn sie die Suchhistorie ihrer neuen Nutzer einsehen könnten. Und wenn die Konkurrenten wieder eine Chance hätten - dann hätten auch die Nutzer wieder die Wahl. Und die Macht.

          Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hatten wir Uber als Tochtergesellschaft von Google bezeichnet. Das war übertrieben, „Beteiligung“ ist das präzisere Wort. Danke an Torsten Kleinz für den Hinweis.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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