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Grünflächen und Auffangbecken : Wie Städte sich gegen das Wasser rüsten können

  • -Aktualisiert am

Aufräumen nach der Überschwemmung: Können solche Katastrophen künftig verhindert oder wenigsten abgemildert werden? Bild: dpa

Städte müssen sich auf Extremwetter einstellen. Ablaufpläne und Auffangbecken sollen gegen Starkregen helfen – aber der Wohnungsbau sorgt für mehr versiegelte Flächen.

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          Mit welcher Gewalt Starkregen und überlaufende Bäche Gebäude und ganze Gemeinden überfluten können, müssen Einwohner und Helfer gerade auf dramatische Weise in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz erleben. Der Regen kam dort so ausgiebig vom Himmel, dass er nicht mehr in der Erde versickern konnte. Die Wassermassen bahnten sich ihren Weg durch die Orte, Straßen wurden umspült, Keller liefen voll. In solch einer Situation lässt sich gegen die Wassermassen zunächst nicht mehr viel ausrichten.

          Jan Hauser
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Wie aber können sich die Kommunen besser auf künftige Extremwetter vorbereiten? Leicht ist das nicht, aber mit Rückhalte- und Versickerungsflächen wie Rasen auf Flachdächern und größeren Abflusskanälen sollten sich die Folgen heftiger Regenfälle abschwächen lassen, sind sich Fachleute einig. Sie fordern schon länger, Starkregen in die Städteplanung einzubeziehen. Martin Weyand vom Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) etwa kritisiert, dass zu viele Flächen versiegelt sind. „Wir müssen umdenken und die In­frastruktur verändern, damit mehr versickern kann“, sagt der Hauptgeschäftsführer für Wasser und Abwasser.

          Weyand dringt auf einen Rückbau und fordert Zisternen, die Wasser aufnehmen können. In Städten sollten Fassaden und Dächer begrünt und Parks und Fußballfelder im Fall von Überflutungen gezielt genutzt werden. Die Genehmigung von Baumaßnahmen sollte von Versickerungsmöglichkeiten abhängig sein.

          Freiflächen haben in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland Platz gemacht für Wohnraum und Verkehr. Das Umweltbundesamt sieht dadurch wichtige Bodenfunktionen verloren gehen, vor allem die Wasserdurchlässigkeit und die Bodenfruchtbarkeit. Ende 2018 waren etwa 45,1 Prozent von 51 315 Quadratkilometer Siedlungs- und Verkehrsflächen in Deutschland versiegelt, was die Behörde mit Landesstatistiken ausgewertet hat. Das bedeutet: bebaut, betoniert, asphaltiert, gepflastert oder anderweitig befestigt.

          Bezogen auf die Gesamtfläche, betrug der Anteil der Siedlungs- und Verkehrsfläche mehr als 14 Prozent und der Anteil der versiegelten Fläche 6,5 Prozent. Ende 1992 lag der Anteil der Siedlungs- und Verkehrsfläche noch bei 11,5 Prozent und der Anteil der versiegelten Fläche bei 5,3 Prozent. In Ballungsräumen ist der Anteil oft höher. So listet eine Studie der Versicherungswirtschaft München mit rund 47 Prozent als Stadt mit dem höchsten Anteil versiegelter Fläche. Auch Oberhausen, Hannover, Ludwigshafen, Nürnberg und Mannheim kommen auf jeweils mehr als 40 Prozent.

          Norbert Portz, Umweltfachmann des Städte- und Gemeindebundes, hält die zunehmende Verdichtung für kontraproduktiv – Entsiegelung sei das Gebot der Stunde. Er will ebenfalls dem Wasser mehr Raum geben sowie mehr Hochwasserrückhaltebecken und mobile Schutzmaßnahmen. „Die Extremwetter als Folge des Klimawandels mit Starkregen bis zu 200 Litern pro Quadratmeter in nur kurzer Zeit zeigen, dass es keinen absoluten Schutz gegen punktuell auftretende Naturkatastrophen gibt“, sagt er.

          Doch um die Schäden zu minimieren, sollten Stadtentwicklung und Bauplanung noch stärker die Hochwasservorsorge und den Schutz vor Extremwettern berücksichtigen. Er fordert eine grüne und blaue Stadterneuerung: mehr Bäume und Grünflächen sowie mehr Wasserläufe. Bäche können die Stadttemperatur um einige Grad senken. „Wir müssen die zunehmende Verdichtung von Innenstädten zur Schaffung von Wohnraum hinterfragen“, sagt Portz. Denn dabei gingen wertvolle Frei- und Retentionsflächen für den Hochwasserschutz verloren.

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          Berlin schreibt Bauprojekten teilweise schon Versickerungsflächen vor. Die Wasserbetriebe dort haben im Untergrund große Röhren als Stauraum eingebaut. In Neubaugebieten finden sich ähnliche Rückhaltebecken. In Altstädten ist die Kanalisation hingegen in schlechterer Verfassung und wird mitunter durch viele Lastwagenfahrten belastet. In Hambergen in Niedersachsen starteten die Vorkehrungen nach extremen Regenfällen vor sieben und acht Jahren. Die Gemeinde hat Rohre erneuert, einen Entlastungskanal für 300.000 Euro und zwei Rückhaltebecken für 70.000 Euro gebaut. Auch rät die Gemeinde ihren Bürgern zum Handeln: Kellerschächte hochmauern, Schotten vorhalten, Einfahrten und Eingänge hochlegen.

          Aus Sicht des Städtetages müssen die Städte den Weg weitergehen. „Klimafolgen wie Hitzewellen, Dürren und Starkregen sind nicht mehr wegzureden. Sie sind Realität“, sagt deren Präsident Burkhard Jung, Oberbürgermeister in Leipzig. Die Städte wüssten, dass auch sie gegen diese Gefahren vorbeugend tätig werden müssen. Der SPD-Politiker spricht von mehr Grünflächen, dem Ausbau von Rückhaltebecken und Renaturierungen von Wasserläufen. Weil der Klimawandel voranschreite, seien Extremwetterereignisse in Zukunft noch häufiger zu erwarten.

          Die Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall dringt auf einen Umbau zur wasserbewussten Stadt. Das soll nicht nur im Fall von heftigen Regenfällen helfen. „Wasser und Stadtgrün sind zentrale Bausteine der Klimaanpassung, für eine gesunde und lebenswerte Stadtlandschaft sowie für den Erhalt und die Stärkung der Biodiversität“, sagt Verbandspräsident Uli Paetzel (SPD), der die Wasserwirtschaftsunternehmen Emschergenossenschaft und Lippeverband im Ruhrgebiet leitet.

          Starkregen und Hochwasser erforderten Notabflusswege. Grünflächen, Plätze und Sportanlagen sollten multifunktional, auch zum kurzzeitigen Rückhalt von Niederschlagsabfluss, nutzbar sein. Zudem brauche es mehr wasserdurchlässige Flächenbeläge, Versickerungsanlagen, Straßen- und Gebäudegrün.

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