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Kampf gegen Omikron : Mehr Impfstoff kommt

Ist genug für alle da? Corona-Impfung am Uniklinikum Frankfurt Bild: Michael Braunschädel

Der Gesundheitsminister befürchtete Anfang 2022 einen Mangel. Nun gibt es mehr Geld und neue Bestellungen.

          3 Min.

          Deutschland und das Impfen – es bleibt kompliziert. Anfang des Jahres gab es zu wenig Corona-Impfstoff, seit dem Spätsommer zu viel. Am Dienstagabend überraschte Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) dann mit der Nachricht, dass es im ersten Quartal 2022 an Impfstoff mangeln werde. Dies habe eine „Inventur“ ergeben. Er versprach Gespräche mit den Herstellern. Keine 24 Stunden später dann die Entwarnung: Die Bundesregierung werde für 2,2 Milliarden Euro Impfstoffe nachkaufen. Von dem Geld sollen 80 Millionen Dosen des Biontech-Impfstoffs über EU-Verträge sowie weitere 12 Millionen Dosen direkt beschafft werden. Das teilte das Gesundheitsministerium am Mittwochabend mit, nachdem der Bundestags-Haushaltsausschuss zugestimmt hatte.

          Julia Löhr
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.
          Werner Mussler
          Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.
          Thiemo Heeg
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Zuvor war ein Sturm der Entrüstung durchs Land gefegt. Bürger machten sich Sorgen, ob ihre für Januar vereinbarten Impftermine noch stattfinden würden. Auch Ärztevertreter zeigten sich entsetzt, dass die gerade wieder in Schwung gekommene Impfkampagne – zuletzt gab es mehr als 6 Millionen Impfungen je Woche – abrupt enden könnte.

          Die Union warf dem Gesundheitsminister vor, die Lage zu dramatisieren: Es gebe genug Impfstoff. „Karl Lauterbach ruft Feuer, um dann Feuerwehr zu spielen – obwohl er weiß, dass es gar nicht brennt“, hieß es vom gesundheitspolitischen Sprecher Tino Sorge. Lauterbach konterte noch am Abend im ZDF: „Wir können in der nächsten Woche 1,2 Millionen Dosen Biontech für ganz Deutschland ausliefern, in der Woche darauf 800.000 Dosen und dann noch einmal 1,2 Millionen Dosen“, sagte er. „Das ist aber viel weniger als das, was die Ärztinnen und Ärzte jede Woche abrufen.“

          Biontech gesprächsbereit

          Hintergrund des Hin und Hers ist, dass wegen der hohen Infektionszahlen mit der Delta- und der wachsenden Ausbreitung der Omikron-Variante der Bedarf an Auffrischimpfungen höher ist als erwartet. Noch im Oktober hielt auch Lauterbach einen zeitnahen „Booster“ für alle Zweifachgeimpften nicht für nötig, jetzt wird er dringend empfohlen. Zugleich ist mit der Einführung der 2-G-Regel in Gastronomie und Handel die Nachfrage nach Erst- und Zweitimpfungen gestiegen. Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (Zi) rechnet damit, dass im ersten Quartal 2022 für Erst-, Zweit- und Boosterimpfungen 54 Millionen Impfdosen benötigt werden, wenn der Abstand zwischen Zweit- und Drittimpfung sechs Monate betragen soll. Bei einem Abstand von vier Monaten würden insgesamt 57,1 Millionen Dosen benötigt.

          Wie viele Impfdosen die Bundesregierung für Anfang 2022 ursprünglich mit den Herstellern vereinbart hat, blieb am Mittwoch ebenso offen wie die Frage, wann die noch vorrätigen Dosen verfallen. Stand Montag waren knapp 2,8 Millionen gelieferte Biontech- und 16 Millionen Moderna-Dosen noch nicht verimpft. Zuletzt hatten Impfärzte oft weniger Biontech bekommen als bestellt. Das Präparat von Moderna wollen hingegen nicht alle Impfwilligen.

          Taskforce kurzfristig keine Hilfe

          Die im Frühjahr von der Bundesregierung geschaffene Taskforce zur Impfstoffproduktion ist zumindest kurzfristig keine Hilfe. Ihr Leiter Christoph Krupp hatte das Ziel ausgegeben, in Europa Reservekapazitäten für die Produktion von 500 Millionen Dosen im Quartal aufzubauen. Derzeit ist die Taskforce aber noch dabei, „mit geeigneten Unternehmen international anschlussfähige Pandemiebereitschaftsverträge zu verhandeln“, wie eine Sprecherin des Wirtschaftsministeriums mitteilte. Das Mandat der Arbeitsgruppe wurde deshalb um drei Monate bis Ende März verlängert.

          Biontech hatte sich nach Lauterbachs Warnung vor der drohenden Knappheit schon gesprächsbereit gezeigt. „Wie bisher auch, werden wir versuchen, einen kurzfristigen Lieferbedarf pragmatisch durch frühere oder zusätzliche Lieferungen zu unterstützen, sofern der Bedarf bestehen sollte“, teilte das Unternehmen mit. Bisher habe man planmäßig ausgeliefert und den Vertrag für 2021 erfüllt sowie die Lieferungen unter dem neuen Vertrag begonnen. Im kommenden Jahr werden Biontech und sein Partner Pfizer 4 Milliarden Impfstoffdosen herstellen. Für Deutschland sind nach dem aktuellen Stand von Januar bis Juni 12 Millionen Dosen je Monat vorgesehen, die sich auf Erwachsene und Kinder verteilen.

          EU-Kommission signalisiert Unterstützung

          Auch die EU-Kommission signalisierte Unterstützung. Allerdings war in Brüssel manchem nicht ganz klar, worin die Nöte des deutschen Gesundheitsministers bestehen. „Generell haben wir unverändert vor allem das Problem, dass einige Mitgliedstaaten nicht genug Impfstoff abrufen, weil dort zu wenig geimpft wird“, hieß es mit Blick auf Länder wie Bulgarien und Rumänien, wo erst 25 und 40 Prozent der Erwachsenen „vollständig“ (also zweimal) geimpft sind. Nach Angaben von EU-Diplomaten haben auch Mitgliedstaaten wie Belgien, Frankreich oder Spanien, in denen die Booster-Quote höher ist als in Deutschland, noch keinen Zusatzbedarf angemeldet.

          Die EU hat für den Zeitraum bis etwa Mitte 2023 insgesamt 4,2 Milliarden Dosen Impfstoff bestellt. Davon entfallen 2,4 Milliarden Dosen auf Biontech/Pfizer und 460 Millionen auf Moderna. Damit hat sich die EU knapp 3 Milliarden Dosen an mRNA-Präparaten gesichert, die in Deutschland als Vakzine erster Wahl gelten. Hinzu kommen je 400 Millionen Dosen der Vektorimpfstoffe von Astra-Zeneca und Johnson & Johnson (J&J). Die EU-Arzneimittelagentur EMA prüft derzeit die Wirksamkeit von zwei weiteren Präparaten, die die EU ebenfalls bestellt hat, von Sanofi und Novavax. Mit einer Freigabe des Novavax-Vakzins wird noch vor Weihnachten gerechnet. Auch das J&J-Präparat empfiehlt die EU-Arzneimittelagentur EMA  weiterhin, hält allerdings eine Auffrischimpfung nach mindestens zwei Monaten für notwendig. Nebenwirkungen des J&J-Vakzins seien bislang nicht bekannt.

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