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Mehr als nur ein Künstler : Lucas Cranach - der Unternehmer

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Lucas Cranach - nicht nur Künstler, sondern auch Unternehmer Bild: picture-alliance/ dpa

Eine furiose Schau im Frankfurter Städel präsentiert Cranach den Älteren als bahnbrechenden Künstler. Aber auch als Bürger und Geschäftsmann tat er sich hervor. So baute er seine Werkstatt aus, um die starke Nachfrage zu befriedigen.

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          Die Globalisierung krempelt ganze Volkswirtschaften um, das Internet revolutioniert die Kommunikation, die Idee der Marktwirtschaft verdrängt den Sozialismus. War die Welt schon jemals so im Umsturz? Und ob! 1492 entdeckt Christoph Kolumbus Amerika. Kaum eineinhalb Jahrzehnte danach regiert der Augsburger Kaufmann Jakob Fugger ein Firmenimperium mit Niederlassungen in der Karibik, Osteuropa, Indien. In wenigen Jahren häuft er mehr Reichtum an als Wendelin Wiedeking, Ferdinand Piëch und Bill Gates zusammen.

          Zur gleichen Zeit entfesselt neue Technik eine Bildungsrevolution. Durch den Buchdruck breitet sich Wissen aus, unzähmbar wie Lauffeuer. 1509 widerspricht Nikolaus Kopernikus dem Weltbild von der Erde als Mittelpunkt. 1517 gibt Martin Luther mit dem Thesenanschlag zu Wittenberg den Anstoß für die Glaubensspaltung, die ihrerseits Glaubensfreiheit, politischem Pluralismus und Demokratie Vorschub leistet. Wenig später erheben sich die mittellosen Stände im Bauernkrieg gegen die herrschende Ordnung.

          Künstlerische Qualität - die Basis von Cranachs Erfolg

          Lucas Cranach, genannt der Ältere, lebt in dieser Zeit. Er nutzt den Umbruch zum Aufbruch, erschließt die neuen Freiräume - als Künstler und als Geschäftsmann. 1472 wird er im fränkischen Kronach als Sohn eines Malers geboren, von seinen Lehr- und Wanderjahren ist wenig überliefert. Vom Jahre 1502 an macht er sich in Wien, der kaiserlichen Residenzstadt, einen Namen. Mit neuartig schrägen Perspektiven steigert er die Ausdruckskraft der Darstellung. Seine Kreuzigungsszenen: Christus mit brutaler Energie an Holz genagelt, das Gesicht erschöpft von der Quälerei, fast erloschen. Bilder, die uns innehalten lassen, erschüttern, Widerstand wecken wie die aus Abu Ghraib.

          Porträts werden bei ihm zu Charakterstudien, die Geisteshaltung, Seelenleben offenlegen. Durch Cranach haben wir ein Bild von Martin Luther, von dem jungen Asketen mit glühendem Blick, in späteren Jahren gealtert und gesetzt, ein etablierter Religionsstifter. So prägnant sind Cranachs Köpfe, dass sie noch 500 Jahre später faszinieren: Die Deutsche Bundesbank erwählt sein Bildnis des Forschers Johann Schöner als Motiv für die 1000-Mark-Banknote. Und nach neuer Forschung stammt auch das Porträt des gelockten jungen Mannes auf dem Zehnmarkschein von dem Meister aus Kronach und nicht von seinem Zeitgenossen Albrecht Dürer. Künstlerische Qualität bleibt zeit seines Lebens Basis von Cranachs Erfolg.

          Cranach nutzt den Freiraum

          Im Jahre 1505 ruft ihn der kursächsische Herzog Friedrich der Weise an seinen Hof nach Wittenberg. Der Herzog ist einer der mächtigsten Politiker im Reich, hat ein großes Repräsentationsbedürfnis. Er zahlt seinem neuen Hofmaler ein stattliches Grundgehalt: 100 Taler jährlich, zweimal mehr als dem Vorgänger und so viel wie einem Universitätsprofessor. Zusätzlich gibt es standesgemäße Bekleidung und freien Hafer fürs Pferd. Dafür muss sich Cranach umstellen. Er muss seinen Dienstherrn immer wieder abbilden, viele der Gemälde werden als Geschenk von Machthaber an Machthaber an andere Höfe versandt. Daneben bemalt der Künstler Möbel, entwirft Hofgewänder, inszeniert Feste, liefert Silberleuchter. Er ist sich für nichts zu schade, führt penibel Buch - und schreibt für jeden Auftrag Rechnungen.

          Cranach bedingt sich aus, seine Werkstatt nicht am Hof, sondern in der Stadt einzurichten. Das verschafft ihm Freiraum, und den nutzt er. Er arbeitet nicht nur für seinen Dienstherrn, sondern sucht sich weitere Kunden: Er malt für katholische Würdenträger und wird gleichzeitig zum ersten und prägenden Maler der Reformation. Für seinen frommen Landesherrn produziert er Madonnenbilder in Serie - und für andere Auftraggeber erotisierende Akte junger Frauen. Heute wie damals delektieren sich die Betrachter an seinen ungleichen Paaren: Lüsterner Greis mit jungem Weib; beglückte Alte zahlt ihren Galan aus. Das Goldene Zeitalter malt er sich als eine Art Garten Eden voll lustbetonter Liebe aus.

          Größte Werkstatt in Deutschland

          Biedert er sich an, verfällt er prinzipienlos der Jagd nach Reichtum? Wohl eher das Gegenteil trifft zu: Schon in seiner Zeit in Wien knüpft er Bekanntschaft mit Humanisten, saugt die Ideen von einer neuen, besseren bürgerlichen Welt jenseits von Dogma und Standesdünkel auf. Erst der Wohlstand, den er sich erarbeitet, verschafft ihm die Eigenständigkeit, den Geist des Humanismus auch zu leben, als Bürger und Künstler. Geld zu haben macht frei von der Zustimmung anderer. Die Reichen und Mächtigen der Epoche, denen er Auge in Auge gegenübersteht, respektieren den „Selfmademan“. Er ist ein Künstler-Star - und er porträtiert die Stars seiner Zeit. Kaiser Maximilian I. will ein Bild von sich aus seiner Hand, der Kardinal Albrecht von Brandenburg, dessen aufgesetzte Frömmigkeit Cranach schonungslos demaskiert, der Reformator Martin Luther und der erzkatholische Karl V.

          Ein Unternehmer von hohen Graden, nutzt er diese Nachfrage, auch seine unternehmerischen Talente zu entfalten. Seine Werkstatt baut er aus. Mit zehn Gesellen, dazu Lehrlingen und Hilfskräften, wird sie zur größten in Deutschland. Und er stellt die Produktionsweise um auf eine Kunst-Manufaktur. Manche der Mitarbeiter sind spezialisiert, zum Beispiel auf das Malen von Hintergründen oder das Schnitzen von Altären. Viele Bilder werden in Serie gefertigt. Von Cranachs erstgeborenem und früh verstorbenem Sohn Hans heißt es, er habe Luther tausendmal gemalt. Oft fertigt der Meister nur das Porträt an; die weitere Ausführung überlässt er den Gesellen. Oder er gibt seinen Helfern vor, wie sie Vorlagen kopieren und zu neuen Bildern zusammensetzen sollen. Durch leichte Variation wird jedes Gemälde zu einem Unikat. Die Produktion ist enorm. Von Dürer sind nur etwa 100 Bildtafeln erhalten, aus Cranachs Werkstatt rund 1000.

          Cranach erschließt sich neue Märkte

          Nicht alles, was aus der Werkstatt kommt, ist große Kunst. Aber alles ist mindestens solide Qualität. Auch andere Künstler betreiben Werkstätten, aber Cranach treibt das Konzept weiter: Im Jahre 1508 verleiht ihm der Kurfürst ein Wappen. Es zeigt auf gelbem Grund eine sich windende Schlange mit Fledermausflügeln. Cranach macht die geflügelte Schlange zum Markenzeichen seiner Manufaktur. Anders als die meisten anderen Künstler seiner Epoche, die ihre Werke mit ihren Initialen oder dem Namenszug autorisieren, signiert Cranach fortan nun meist mit diesem Logo - wohl auch, weil vieles aus seiner Werkstatt nicht von ihm selbst stammt, sondern von den Gesellen.

          Dem Absatz tut das keinen Abbruch, im Gegenteil. Mit den Kostenvorteilen der Arbeitsteilung und dem Gütesiegel für Qualität erschließt sich Cranach neue Märkte. Im Laufe der Jahre wird die Werkstatt im gesamten Nordosten Deutschlands zum dominierenden Anbieter von Gemälden und Altarschnitzerei. Er beliefert die Höfe in Brandenburg, Pommern und Preußen, kirchliche Auftraggeber, zahlungskräftige Bürger. Offenbar weil es danach viel Nachfrage gibt, malt er freizügige erotische Sujets. So hält er die Manufaktur über alle Religionswirren hinweg gut ausgelastet.

          Stadtweites Monopol auf Arzneien, Gewürze und Zucker

          Die Werkstatt floriert, die Einnahmen strömen. Aber es herrscht Inflation im Land, denn mit den Schiffsladungen voller Gold, die die Eroberer aus der Neuen Welt heranschaffen, steigt die Geldmenge und mit ihr die Preise. Cranach legt sein Geld inflationssicher in Immobilien an. Spätestens 1510 erwirbt er ein stattliches Eckhaus am Marktplatz zu Wittenberg, richtet dort sein Atelier ein. Er kauft weitere Immobilien, bereits in den zwanziger Jahren ist er der größte Grundbesitzer der Stadt. Mit den Mieteinnahmen und anderen Einkünften wird er hinter dem kurfürstlichen Kanzler Gregor Brück auch deren zweitreichster Mann.

          Zum Haus Marktplatz Nr. 4 - es ist bis heute das Cranach-Haus - gehört das Apotheken-Privileg. Es gibt ihm ein stadtweites Monopol auf Arzneien, ferner auf Gewürze, Zucker, Konfekt. Und es verschafft ihm Zugang zum Großhandel mit Malereibedarf, Pigmenten und Farben. Zudem gehört eine Weinschenke zur Apotheke, nach dem Ratskeller ist sie die zweitgrößte der Stadt. Auch Bier wird dort gebraut. Er beliefert damit und vielerlei anderen Waren den Hof. Ein schöpferischer Charakter durch und durch, nutzt Cranach die Freiheit, die Märkte bieten. Er ist mit Leib und Seele Unternehmer, ein Mann, der etwas unternimmt, dabei nicht selten jenseits der Fesseln der Zunftordnung.

          Cranach schließt Freundschaft mit Luther

          1519 richtet der Drucker Melchior Lotter in Cranachs Haus eine Druckwerkstatt ein. Für dessen größtes Projekt, den Druck des von Luther übersetzten Neuen Testaments, schießen Cranach und ein Partner Geld vor. Zudem stattet der Meister dieses „Septembertestament“ mit 21 Holzschnitten aus. Das gewagte Projekt, das sich gegen Papst und Kaiser wendet, wird ein Erfolg - auch kommerziell. Die erste Auflage von 5000 Exemplaren ist binnen Wochen vergriffen, schon im Dezember wird eine zweite Auflage gedruckt, bis 1534 folgen allein in Wittenberg weitere sechzehn. Als Preis für ein schön gebundenes Exemplar überliefern die Quellen einen Gulden - so viel wie ein schlachtreifes Schwein. Später übernimmt Cranach die Druckerei für einige Jahre selber, ist zudem als Verleger und Buchhändler aktiv. Aber offenbar bereitet dieses Geschäft nicht nur Freude, jedenfalls zieht er sich davon wieder zurück.

          Spätestens 1520 schließt Cranach Freundschaft mit Luther. 1525 nimmt er sich die Freiheit, noch einen politisch heiklen Schritt weiterzugehen: Er ist der Trauzeuge bei der Skandalhochzeit des Jahrhunderts, dem Eheschluss zwischen Katharina von Bora, der abtrünnigen Nonne, und Martin Luther, dem abtrünnigen Mönch. Auch in den folgenden Jahren begleitet er den Reformator. Als Verleger sorgt er für die massenhafte Verbreitung von Luthers Ideen; als Künstler porträtiert er Luther mehrfach, bebildert dessen Schriften und Flugblätter, entwickelt mit ihm die Ästhetik und Bildsprache der Reformation. Gleichzeitig arbeitet er für katholische Auftraggeber.

          Cranachs Sohn übernimmt den Familienbetrieb

          Trotz des geschäftlichen Erfolgs, seines Ruhms als Künstler bleibt Cranach ein Mann, der mit beiden Beinen fest auf dem Boden steht. In seiner Wahlheimat Wittenberg lebt er Bürgersinn: Zwischen 1519 und 1544 ist er insgesamt zwölf Jahre Ratsherr, vier Jahre zusätzlich als einer der beiden Stadtkämmerer für die Finanzen der Stadt verantwortlich. Wegen eines Immobiliengeschäfts, bei dem es nicht ganz mit rechten Dingen zugeht, muss er 1526 allerdings selbst eine Geldstrafe von 10 Gulden an die Stadt zahlen. Gleichwohl genießt er Vertrauen. Mehrfach bestellen ihn Mitbürger in Erbschaftsdingen zum Vormund. 1537, 1540 und 1543 wird er zum Bürgermeister gewählt.

          Cranach stirbt 1553 in Weimar. Sein Sohn übernimmt das Atelier am Marktplatz und den Familienbetrieb. Lucas Cranach der Jüngere macht sich selbst einen Namen als Künstler. 1550 porträtiert er den Vater. Das Bild zeigt einen Mann, der viel geschaffen und viel erlebt hat, uns deshalb mit skeptischem Ernst gegenübertritt.

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