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Mehr als nur ein Künstler : Lucas Cranach - der Unternehmer

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Zum Haus Marktplatz Nr. 4 - es ist bis heute das Cranach-Haus - gehört das Apotheken-Privileg. Es gibt ihm ein stadtweites Monopol auf Arzneien, ferner auf Gewürze, Zucker, Konfekt. Und es verschafft ihm Zugang zum Großhandel mit Malereibedarf, Pigmenten und Farben. Zudem gehört eine Weinschenke zur Apotheke, nach dem Ratskeller ist sie die zweitgrößte der Stadt. Auch Bier wird dort gebraut. Er beliefert damit und vielerlei anderen Waren den Hof. Ein schöpferischer Charakter durch und durch, nutzt Cranach die Freiheit, die Märkte bieten. Er ist mit Leib und Seele Unternehmer, ein Mann, der etwas unternimmt, dabei nicht selten jenseits der Fesseln der Zunftordnung.

Cranach schließt Freundschaft mit Luther

1519 richtet der Drucker Melchior Lotter in Cranachs Haus eine Druckwerkstatt ein. Für dessen größtes Projekt, den Druck des von Luther übersetzten Neuen Testaments, schießen Cranach und ein Partner Geld vor. Zudem stattet der Meister dieses „Septembertestament“ mit 21 Holzschnitten aus. Das gewagte Projekt, das sich gegen Papst und Kaiser wendet, wird ein Erfolg - auch kommerziell. Die erste Auflage von 5000 Exemplaren ist binnen Wochen vergriffen, schon im Dezember wird eine zweite Auflage gedruckt, bis 1534 folgen allein in Wittenberg weitere sechzehn. Als Preis für ein schön gebundenes Exemplar überliefern die Quellen einen Gulden - so viel wie ein schlachtreifes Schwein. Später übernimmt Cranach die Druckerei für einige Jahre selber, ist zudem als Verleger und Buchhändler aktiv. Aber offenbar bereitet dieses Geschäft nicht nur Freude, jedenfalls zieht er sich davon wieder zurück.

Spätestens 1520 schließt Cranach Freundschaft mit Luther. 1525 nimmt er sich die Freiheit, noch einen politisch heiklen Schritt weiterzugehen: Er ist der Trauzeuge bei der Skandalhochzeit des Jahrhunderts, dem Eheschluss zwischen Katharina von Bora, der abtrünnigen Nonne, und Martin Luther, dem abtrünnigen Mönch. Auch in den folgenden Jahren begleitet er den Reformator. Als Verleger sorgt er für die massenhafte Verbreitung von Luthers Ideen; als Künstler porträtiert er Luther mehrfach, bebildert dessen Schriften und Flugblätter, entwickelt mit ihm die Ästhetik und Bildsprache der Reformation. Gleichzeitig arbeitet er für katholische Auftraggeber.

Cranachs Sohn übernimmt den Familienbetrieb

Trotz des geschäftlichen Erfolgs, seines Ruhms als Künstler bleibt Cranach ein Mann, der mit beiden Beinen fest auf dem Boden steht. In seiner Wahlheimat Wittenberg lebt er Bürgersinn: Zwischen 1519 und 1544 ist er insgesamt zwölf Jahre Ratsherr, vier Jahre zusätzlich als einer der beiden Stadtkämmerer für die Finanzen der Stadt verantwortlich. Wegen eines Immobiliengeschäfts, bei dem es nicht ganz mit rechten Dingen zugeht, muss er 1526 allerdings selbst eine Geldstrafe von 10 Gulden an die Stadt zahlen. Gleichwohl genießt er Vertrauen. Mehrfach bestellen ihn Mitbürger in Erbschaftsdingen zum Vormund. 1537, 1540 und 1543 wird er zum Bürgermeister gewählt.

Cranach stirbt 1553 in Weimar. Sein Sohn übernimmt das Atelier am Marktplatz und den Familienbetrieb. Lucas Cranach der Jüngere macht sich selbst einen Namen als Künstler. 1550 porträtiert er den Vater. Das Bild zeigt einen Mann, der viel geschaffen und viel erlebt hat, uns deshalb mit skeptischem Ernst gegenübertritt.

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