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Mehlkartell : Zur Preisabsprache mal kurz nach Sylt

Mehlkartell: Mühlenunternehmen haben über viele Jahre hinweg den Mehlpreis abgesprochen Bild: Rainer Wohlfahrt

Im Februar 2008 durchsuchen Kartellwächter die führenden Mühlenunternehmen Deutschlands. Der Vorwurf: Absprache des Mehlpreises über viele Jahre, zu Lasten von Verbrauchern und Großkunden. Jetzt drohen ihnen hohe Geldbußen. Ein Bericht aus den Tiefen des Kartells.

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          Der „Überfall“ ist minutiös geplant und bringt den erhofften Erfolg. Am Morgen des 21. Februar 2008 macht sich eine Hundertschaft von Polizisten und Kartellamtsmitarbeitern auf den Weg zu den führenden Müllern dieser Republik. Die Mühlenunternehmen, so der Verdacht, der sich nach der Razzia schnell erhärtet, haben über viele Jahre hinweg Absprachen getroffen, um die Mehlpreise auf einem auskömmlichen Niveau zu halten. Ganz vorne mit dabei ist Europas Marktführer VK Mühlen aus Hamburg. Unter dem Dach dieser Holding-Gesellschaft arbeiten 18 Mühlenbetriebe, die es in Deutschland auf einen Marktanteil von rund 20 Prozent bringen. Die Gruppe vertreibt bekannte Marken wie „Aurora“ (mit dem Sonnenstern), „Diamant“ und „Gloria“.

          Johannes Ritter
          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Als die Polizisten an jenem Morgen um 9 Uhr am Haulander Hauptdeich, dem Firmensitz von VK Mühlen, aufkreuzen und Festplatten und Papierordner beschlagnahmen, hält sich Rolf Brack zu einem Vortrag in Kiel auf. Der damalige Vorstandsvorsitzende des Konzerns will den Agrarhändlern der Hauptgenossenschaft Nord AG gerade seine Sicht über die weitere Entwicklung der Getreidepreise darlegen, als sein Anwalt anruft. Der Anwalt fragt Brack, ob er mit dem Kartellamt kooperieren und auspacken wolle. Brack bittet um eine halbe Stunde Bedenkzeit. Dann sagt er zu, alles offenzulegen. Noch am selben Tag stellen Brack und seine Leute den Ermittlern umfangreiche Unterlagen zur Verfügung.

          Geldbußen in dreistelliger Millionenhöhe

          Auch andere Kartellmitglieder packen sofort aus. So erhält das Kartellamt ein genaues Bild über Art und Umfang der verbotenen Absprachen in der deutschen Mehlwirtschaft. Das Kartellverfahren wird wohl erst in ein paar Monaten abgeschlossen sein. Aber schon jetzt ist absehbar, dass die Wettbewerbshüter hohe Strafen verhängen werden: Man spricht von Geldbußen in dreistelliger Millionenhöhe.

          Kartell-Aus durch Anstieg der Weizenpreise? Im Einzelhandel kostet ein Kilo Weizenmehl aktuell 25 Cent
          Kartell-Aus durch Anstieg der Weizenpreise? Im Einzelhandel kostet ein Kilo Weizenmehl aktuell 25 Cent : Bild: dpa

          Warum haben Brack und Co. sofort Farbe bekannt und ihr System geheimer Absprachen offengelegt? Weil sie die sogenannte Bonusregelung des Kartellamtes nutzen und damit den Schaden für ihre Unternehmen möglichst gering halten wollten. Gemäß dieser Bonusregelung kann ein Kartellbeteiligter einen Rabatt von bis zu 50 Prozent auf die Geldbuße bekommen, sofern er nach Beginn einer Durchsuchungsaktion umfassend auspackt. Um die Aussagebereitschaft und Aussagegeschwindigkeit der Kartellsünder zu erhöhen, ist der Rabatt umso höher, je eher jemand verspricht, mit den Ermittlern zu kooperieren. Im diesem Fall war Brack offenbar der Erste.

          Preis- und Kundenschutzabsprachen

          Aufgeflogen ist der ganze Schwindel aber durch jemand anderes. Ein Mühlenbesitzer aus Rottenburg am Neckar habe dem Kartellamt die entscheidenden Hinweise gegeben, heißt es in der Branche. Dieser Müller war offenbar selbst Opfer eines Kartells geworden: Zehn Mühlen aus dem Großraum Stuttgart haben ihn angeblich durch Preis- und Kundenschutzabsprachen in die Insolvenz getrieben.

          Aus Rache informierte er die Wettbewerbshüter, die im Zuge ihrer Ermittlungen schon bald auf weitere Mühlenkartelle in anderen Teilen Deutschlands stießen: Neben der sogenannten „Stuttgarter Runde“ entdeckten sie die „Hannover-Runde“, die „Bremer Runde“, die „Ostdeutsche Runde“ und die „Westrunde“. Im Südwesten gab es noch spezielle Zirkel wie die „Hirschberger Runde“ und die „Bad Dürkheimer Runde“, in denen das Verhalten gegenüber industriellen Mehlverarbeitern abgestimmt wurde. Die Unternehmen in all diesen Kungelrunden dürften rund 80 Prozent des deutschen Mehlabsatzes auf sich vereint haben.

          Die monatliche Hannover-Runde

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