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Medien : Barry Diller - der unbekannte Internet-Milliardär

Multi-Talent: Barry Diller Bild: AP

Er ist einer der schillerndsten Männer Amerikas. Er machte Fernsehen, Kino und Internet. Jetzt spielt Barry Diller eine zentrale Rolle bei der Vivendi-Auktion.

          3 Min.

          Wie stellt man sich einen typischen Internet-Unternehmer vor? Wahrscheinlich nicht wie Barry Diller. Aber die Zeiten haben sich geändert. Die Chefs von Internet-Firmen müssen nicht mehr den Turnschuh-Charme eines Jeff Bezos vom Online-Händler Amazon versprühen. Sie dürfen sich ihre Meriten bei konservativen Markenartiklern verdient haben wie Meg Whitman vom Online-Auktionshaus Ebay. Und sie dürfen graue Haare haben wie Terry Semel vom Internet-Portal Yahoo, der vorher beim Medienkonzern Warner Bros. war.

          Roland Lindner
          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          In der Liga der großen drei des Internet kann der 61 Jahre alte Barry Diller mithalten. Die Interactive Corp. in New York, deren Chairman und Chief Executive Officer er ist, ist an der Börse 23 Milliarden Dollar wert - mehr als Yahoo und Amazon (20 und 15 Milliarden Dollar). Nur Ebay (36 Milliarden Dollar) ist teurer. Der Kurs der Aktie, die bis vor ein paar Wochen USA Interactive hieß, hat sich seit Jahresanfang fast verdoppelt - und stieg ähnlich stark wie die anderen drei.

          Interactive ist deshalb so unauffällig, weil Dillers Konzept in einem fundamentalen Punkt anders als Yahoo, Amazon und Ebay ist: Das Unternehmen betreibt kein einzelnes Internet-Portal, sondern einen Bauchladen verschiedener Internetadressen - die für sich genommen enorm bekannt sind. Zu Interactive gehören der Reiseverkäufer Expedia, die Zimmervermittlung Hotels.com, die Kontaktbörse Match.com, der Veranstaltungsvermarkter Ticketmaster und neuerdings der Hypothekenkreditvermittler Lending Tree. Auch der Einkaufs-Fernsehsender Home Shopping Network gehört dazu.

          An Diller führt kein Weg vorbei

          Im Moment sorgt Diller auch anderwärtig für Schlagzeilen: Er spielt eine Rolle bei einer der spannendsten Unternehmensauktionen des Jahres, dem Notverkauf der Unterhaltungssparte des hochverschuldeten französischen Konzerns Vivendi Universal. Dazu gehören die Universal-Filmstudios ("Bruce Allmächtig", "Hulk") und einige amerikanische Fernsehkanäle (USA, Sci-Fi). Allein, welche Rolle er genau einnimmt, weiß niemand so genau. Doch an Diller wird kein Weg vorbeiführen: Interactive hält 5,5 Prozent an der Vivendi-Sparte, ihm selbst gehören weitere 1,5 Prozent. Zudem hat er mit Vivendi eine umstrittene Vereinbarung, die Diller beim Verkauf der Sparte wegen entstehender Steuerverpflichtungen eine weitere hohe Auszahlung bringen könnte. Alles in allem könnten bei der Auktion, deren Transaktionswert 11 Milliarden Dollar übersteigen dürfte, schätzungsweise 2 Milliarden Dollar für ihn herausspringen.

          Es halten sich Gerüchte, daß Diller selbst in den Bieterwettstreit eingreift - obwohl es ein Abkommen mit Vivendi geben soll, das ein solches Angebot erschweren würde. Diller kennt das Vivendi-Geschäft genau. Im vergangenen Jahr hat er die Kanäle USA und Sci-Fi an Vivendi verkauft, Ende 2002 wurde er sogar - gewissermaßen im Nebenberuf - CEO der ganzen Unterhaltungssparte. Schon im März dieses Jahres gab er den Posten wieder ab - und schürte damit erst recht die Spekulationen über seine wahren Absichten bei Vivendi. Im Moment gibt es fünf Kandidaten: General Electric mit seiner Fernsehsparte NBC, die Unterhaltungskonzerne Viacom und MGM, die Medienholding Liberty Media sowie ein Konsortium um Edgar Bronfman jr. Als eine mögliche Variante gilt es, daß sich Diller mit einem der Bieter zusammenschließt, etwa mit Liberty-Chef John Malone, einem alten Geschäftspartner Dillers.

          Früher Aufstieg

          Auch mit den anderen Interessenten haben sich die Wege Dillers schon gekreuzt. Schließlich kommt er aus der traditionellen Medienwelt. Diller wurde schon im Alter von 31 Jahren Chef der Film- und Fernsehstudios Paramount Pictures - und verantwortete die Produktion von "Saturday Night Fever" und "Beverly Hills Cop". 1984 wechselte er zu Twentieth Century Fox, der kurz darauf von Rupert Murdoch gekauft wurde. Hier entwickelte er die Idee, neben CBS, NBC und ABC eine vierte Fernsehgruppe aufzubauen - woraus die mittlerweile sehr erfolgreiche Sendergruppe Fox entstand.

          Völlig überraschend verließ er Fox 1992. Er stieg beim Einkaufssender QVC ein, was viele als Abstieg interpretiert hatten. Diller schien das Glück zu verlassen. Erfolglos versuchte er, die Paramount-Studios und den Fernsehsender CBS zu übernehmen, und zog sich von QVC zurück. 1995 kaufte er eine Gruppe kleiner Fernsehsender namens Silver King - in diesem Unternehmen hat die Interactive Corp. ihre Wurzeln. Er ging auf Einkaufstour und griff sowohl nach Fernseh- als auch nach Internetaktivitäten. Bei einigen Kaufversuchen wie beim Fernsehsender NBC oder dem Internetportal Lycos zog er wieder den kürzeren.
          Bei der Vivendi-Auktion ist er die graue Eminenz. Das wird damit erklärt, daß er keine weitere Niederlage hinnehmen will - und deshalb im Hintergrund bleibt. Manche fragen sich auch, warum er in das traditionelle Mediengeschäft zurückwill, wo er sich doch auf das Internet konzentriert und damit offenbar erfolgreich ist. Es gibt sogar Gerüchte, wonach er seinen Einkaufssender mit dem Wettbewerber QVC verschmelzen würde, der heute Malone gehört. Allerdings hat die Karriere von Barry Diller schon so viele Wendungen genommen, daß man sich bei ihm alles vorstellen kann.

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