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Gezielter kommunizieren : Frauen sollten weniger sprachliche Weichmacher benutzen

Die kunstvollen „Notizen“ der Me Covention-Teilnehmerin Stefanie Kooistra, die bei der ING arbeitet und an dem Workshop „Is Success Feminine“ teilnahm. Bild: FAZNET / Stefanie Kooistra

Für Konzerne kann es sich lohnen, Sprache gezielt einzusetzen. Wie das mit Blick auf Frauen und Männer funktioniert, weiß die linguistische Unternehmensberaterin Simone Burel.

          4 Min.

          Als linguistische Unternehmensberaterin kann Simone Burel im Auftrag von Unternehmen Stellenanzeigen sprachlich tunen. Damit sich beispielsweise Frauen gezielter angesprochen fühlen und sich bewerben. Bevor Burel ihr Unternehmen, die LUB GmbH, in Mannheim gegründet hat, untersuchte sie für ihre Doktorarbeit die Sprache der Dax-Konzerne – und legte mit den damals erstellten geschlechtsspezifischen Wortlisten den Grundstein für ihre heutige Arbeit. Burels Fokus liegt auf dem Thema Gender. Sie arbeitet mit der deutschen und englischen Sprache.

          Ina Lockhart

          Redakteurin vom Dienst bei FAZ.NET.

          Frau Burel, Sie haben Wortlisten mit künstlicher Intelligenz kombiniert. Was genau heißt das?

          Im Rahmen meiner Doktorarbeit habe ich Listen von Wörtern erstellt, die erfolgversprechend für eine gelungene Kommunikation in bestimmten Situationen sind, und diese mit einem Algorithmus kombiniert, um Texte maschinell zu analysieren. Mittlerweile sind in unsere Wortlisten die Erkenntnisse der 20 bis 30 Studien eingeflossen, die sich in den vergangenen 15 Jahren mit Gender und Sprache befasst haben.  

          Was verstehen Sie unter einer gelungenen Kommunikation?

          Nehmen wir den Fall einer Stellenanzeige, für den wir oft beauftragt werden. Kommt darin beispielsweise das Adjektiv teamfähig vor, fühlt sich eine Frau eher angesprochen, als wenn dort analytisch zu lesen wäre. Es geht also um Wörter, die Frauen oder Männer tendenziell abschrecken oder anziehen.

          Was sollten Unternehmen beachten, wenn sie mit einer Stellenanzeige auch Frauen erreichen wollen?

          Der Jobtitel sollte natürlich nicht das generische Maskulinum sein. Auch der „Manager“ mit „m/w/d“ in Klammern ist nicht optimal. Entweder das Unternehmen wählt die Doppelform oder findet ein neutrales Synonym für die Position. In der Anzeige sollten Eigenschaftsworte vorkommen, die Frauen ansprechen. Wie etwa teamfähig oder kooperationsfähig.

          Lesen Frauen und Männer Stellenanzeigen denn unterschiedlich?

          Frauen setzen den Fokus auf die in der Anzeige genannten Anforderungen. Dabei checken sie jede einzelne mit ihrem eigenen Profil gegen. Erst wenn sie 70 Prozent der geforderten Fähigkeiten oder Eigenschaften erfüllen, bewerben sie sich. Männern reicht dafür schon eine Überschneidung von 30 Prozent. Sie überfliegen die Anzeige auch nur. Das belegen Studien, die die Augenbewegungen des Lesers oder der Leserin von Stellenanzeigen untersuchen.

          Wie sollten Unternehmen das in ihrer Stellenanzeige berücksichtigen?

          Sie sollten die Anzeige nicht mit Anforderungen überfrachten, sondern kritisch prüfen, welche wirklich wichtig sind und genannt werden sollten. Gleichzeitig sollten sie sich bewusst sein, dass Frauen verstärkt auf Zusatzinformationen über das Unternehmen wie soziale Leistungen, Weiterbildung, Gesundheitsmanagment, Vereinbarkeit von Beruf und Familie ansprechen.

          Simone Burel diskutiert auf der Me Convention in einem Workshop genderspezifische Sprache.

          Neben Stellenanzeigen wofür nehmen Unternehmen noch ihre sprachlichen Analysen in Anspruch?

          Beispielsweise auch für die Analyse von Ergebnissen aus Mitarbeiterumfragen. Da geht es um die Freitext-Antworten, also um Fragen, die mit selbst formulierten Text und nicht durch Ankreuzen einer Multiple-Choice-Option beanwortet werden. Oft werden diese Texte in den Auswertungen komplett vernachlässigt. Dabei enthalten sie nicht selten wichtige Aussagen zu Innovationsideen, Befinden von Mitarbeitern und zur Unternehmenskultur.  

          Wie wird der Freitext maschinell analysiert?

          Jedes Wort trägt eine Zahl im Hintergrund: „bestens“ beispielsweise eine +1, „Baum“ 0 und „schlecht“ dann -1. Pro Text wird daraus eine Stimmung errechnet. In der Analyse wird dann bewertet, ob es sich um das Phänomen eines einzelnen Mitarbeiters handelt oder ob es auf ein Problem in einer gesamten Abteilung hindeutet.

          Wäre es nicht sinnvoll, dass sich Unternehmen schon ihren Rat holen, wenn sie die Fragestellungen für ihre Umfragen formulieren?

          Sicher, dann könnte von vorneherein schon eine gewisse Tendenz in der Fragestellung vermieden werden. Das Interesse besteht, doch oft ist es den Unternehmen zu teuer, wenn wir den gesamten Umfrageprozess begleiten.

          Gibt es einen Unterschied in der Zahlungsbereitschaft, wenn es um bestehende oder neue Mitarbeiter geht?

          Unternehmen stellen bereitwilliger ein Budget bereit, wenn es um die Optimierung von Restrukturierungsprozessen, also um das Anwerben neuer Mitarbeiter, geht.

          Kann die Art, wie Sprache gebraucht wird, auch als Frühwarnsystem für den drohenden Burnout von Mitarbeitern oder narzisstische Persönlichkeiten von Führungskräften dienen?

          Dazu laufen etliche Studien. Doch bislang gibt es noch keine validen Forschungsergebnisse, die diesen Zusammenhang bestätigen.

          Wie messen Sie den Erfolg ihrer Arbeit?

          Wenn wir mindestens sechs Monate in einem Unternehmen tätig sind, können wir bewerten, ob wir mit unserer Beratung die Sprachkultur nachhaltig beeinflusst haben. Beispielsweise ist es uns bei einem Kunden gelungen, die Frauenquote unter den Bewerbungen auf eine ausgeschriebene Stelle um 33 Prozent zu steigern.

          Bislang ging es in unserem Interview nur um Schriftsprache. Beraten Sie auch, wenn es um das gesprochene Wort geht?

          Ja, solche Aufträge machen rund 20 Prozent unserer Tätigkeit aus. In solchen Fällen geht es dann um konkrete Fragestellungen wie etwa: „Wie ist die Unternehmenskultur in Besprechungen?“ Dafür nehmen wir Besprechungen auf und analysieren die Abschriften nach verschiedenen Kriterien: Wer spricht wie lang, wer fragt, wer präsentiert, wer unterbricht wen. Auch haben wir schon beraten, als es um das alltägliche sprachliche Miteinander in einem Team ging. Die weiblichen Führungskräfte fühlten sich nicht ernst genommen und machten das an den von Männer gebrauchten Begriffen wie „Büomutti“, „Karrierefrau“ oder „die Mädels“ fest. Die männlichen Führungskräfte nannten dagegen kein Wort, das ihnen im täglichen Umgang problematisch erschien.

          Sprechen die Männer und Frauen in diesem Team jetzt anders miteinander?

          Das Team hat einen Wortleitfaden entwickelt und vereinbart, dass immer ein Beitrag für die Kaffeekasse fällig wird, sollte eines der Problemwörter wieder fallen. Bislang, gut sechs Monate danach, hält sich das Team daran.

          Sie bieten auch individuelles Sprachcoaching für Frauen und Männer an. Auf welche Punkte sollten Frauen achten, wenn sie sich nach außen positiver präsentieren wollen?

          Weniger Weichmacher wie „eigentlich, vielleicht, ich glaube, man“ in ihrer Sprache nutzen. Wenn Frauen über ihren Erfolg sprechen, sollten sie sich nicht scheuen, das Personalpronomen „ich“ mit ihrem Erfolg in Verbindung zu bringen. In Emails sollten Frauen erst zum Kern kommen und dann zu den Gründen. Oft sind die Emails auch zu lang.

          Und wie sieht es jenseits der Sprache aus?

          Frauen sollten, wenn sie gehen, öfter ihren Kurs beibehalten und nicht bereitwillig ausweichen, wenn ein anderer Mensch ihnen entgegenkommt. Eine Studie, die das Laufverhalten weiblicher Führungskräfte in Unternehmen untersucht hat, hat ergeben, dass Frauen viel öfter und schneller ausweichen als Männer. Auch sollten sie sich bei öffentlichen Auftritten nicht kleinmachen, also ihre Beine übereinanderschlagen und gleichzeitig die Arme verschränken.

          Sollten Frauen dann eher breitbeinig auf dem Podium sitzen? 

          Könnte man denken, führt aber auch zu negativen Reaktionen. Ich habe mich absichtlich mal tendenziell breitbeinig auf ein Podium gesetzt. Danach bekam ich etliche Kommentare, warum ich mich dort oben in Cowboy-Manier präsentiert hätte. Soviel zu unseren Sehkonventionen.

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