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Weibliche Hauptverdiener : Von Rabenmüttern und „faulen“ Papas

Michele Madansky ist Digitalberaterin und erstellt nebenher gerade ihre zweite Studie auf dem Gebiet der Geschlechtergerechtigkeit in der Arbeitswelt. Hier präsentiert sie die Ergebnisse auf der Me Convention. Bild: FAZ.NET/Nadine Bös

Die Amerikanerin Michele Madansky hat sich eine bislang wenig erforschte Zielgruppe vorgenommen: Wie geht es eigentlich Familien, in denen die Frau das meiste Geld nach Hause bringt?

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          Besonders voll ist es nicht, als Michele Madansky die Bühne im Sitzungsraum 1 der Me Convention betritt. Etwas mehr als ein Dutzend Frauen und ein Mann sind gekommen, um ihrem Vortrag über „Frauen als Familienernährerinnen“ zu lauschen. Dabei ist Madansky in ihrer Heimat, dem Silicon Valley, durchaus bekannt: Schließlich ist sie Ko-Autorin der Studie „The Elephant in the Valley“. Die dreht sich um Geschlechterstereotype in der amerikanischen Tech-Branche und hat in den Vereinigten Staaten für einigen Wirbel gesorgt. Quintessenz: Die Mehrzahl der Frauen in dem sich ach so modern gebenden Internet-Gewerbe, berichten von tatsächlichen oder versteckten Vorurteilen im Berufsalltag, von Ungleichbehandlungen und auch von sexuellen Belästigungen.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Diesmal hat sich Madansky, die hauptberuflich ein Beratungsunternehmen für Onlinewerbung führt, ein anderes Thema vorgenommen: „Mütter, als Haupternährerinnen ihrer Familien sind im Kommen“, sagt sie. Weibliche Familienernährerinnen – das sind nach ihrer Definition Mütter, die einen größeren Anteil zum Haushaltseinkommen beitragen als ihre (Ehe)männer – „und sei es nur ein Dollar mehr“.

          Dass Madansky diese Frauengruppe interessant findet, hat einen einfachen Grund: die Bildungsstatistik. Die Mehrheit der amerikanischen Hochschulabsolventen (derzeit 56 Prozent) sind Frauen. „Auf der ganzen Welt beobachten wir dieses Phänomen“ sagt Madansky. Auch was Deutschland betrifft, hat sie damit recht: Daten des Statistischen Bundesamtes zufolge übersteigt die Zahl der von deutschen Frauen bestandenen Hochschulprüfungen mittlerweile die der erfolgreich absolvierten Prüfungen ihrer männlichen Kommilitonen. Madansky folgert: „Kein Wunder, dass Frauen immer höhere Gehälter erzielen – und kein Wunder, dass sie ihre Partner immer häufiger mit ihrem Verdienst übertreffen.“ Recherchen des amerikanischen Pew Research Centers geben ihr Recht. Demnach ist die Zahl der Mütter, die Hauptverdienerinnen in ihren Familien waren, seit den sechziger Jahren von damals 3 Prozent auf immerhin 15 Prozent im Jahre 2011 gestiegen.

          Für ihre bislang noch unveröffentlichte Forschungsarbeit, hat Madansky Antworten von 500 Hauptverdiener-Mütter und 400 Partnern solcher Mütter ausgewertet. Heraus kam, dass Familien, in denen die Mutter den größeren Teil des Haushaltseinkommens erzielt, einsam sind. Rund sieben von zehn berichten, dass sie wenige bis gar keine Freunde in ähnlichen Situationen haben. Während die Mütter immerhin überwiegend Akzeptanz für ihr Lebensmodell von ihrem Umfeld erfahren, berichten die meisten Väter, dass Freunde und Familie nur wenig Verständnis dafür aufbrächten, dass „sie die Hosen anhat“, wie ein Befragter in einem der vielen Interviews sagte hat, die Madansky parallel zur Studie geführt hat. „Manche sagten auch, Männer, die mit den Kindern zu Hause blieben, seien ,Gammler‘ oder schlicht ,faul‘“, berichtet sie.

          Einblicke gewährt Madanskys Befragung auch in die Alltagssituationen der Haushalte. Wer kocht häufiger, wenn Mama das meiste Geld nach Hause bringt? Da unterscheidet sich interessanterweise die Wahrnehmung von Mann und Frau. 44 Prozent der Männer sind der Meinung, selbst häufiger zu kochen, während nur rund ein Viertel sagt, es sei ihre Frau, die überwiegend in der Küche steht. Bei den Frauen ist es umgekehrt: 44 Prozent sagen, sie selbst kochten meistens. Etwas mehr als ein Fünftel antwortete, dass der Mann in der Regel fürs Kochen verantwortlich sei.

          Wer kauft die Geburtstagsgeschenke?

          Ähnlich stark gehen die Meinungen in der Frage auseinander, wer die meisten „sozialen Planungsaufgaben“ in der Familie übernehme. Hinter diesem abstrakten Begriff verbergen sich praktische (und zeitfressende) Aufgaben wie Kindergeburtstagsgeschenke besorgen, Kuchen backen für die Schule, Termine mit Freunden arrangieren, Kinder zum Sport fahren und vieles mehr. Allein in Sachen Gartenarbeit gehen die Meinungen kaum auseinander; hier sind sich alle weitgehend einig, dass die Männer an dieser Stelle stärker anpacken.

          Als größte Herausforderung sehen Paare, in denen die Mütter das meiste Geld verdienen, Zeitfenster zu finden, um als Paar gemeinsam Dinge zu unternehmen. Da sind sich Frauen und Männer weitgehend einig. Während Frauen aber unter anderem das Sauberhalten des Hauses oder der Wohnung als eine weitere wichtige Herausforderung nennen, bereitet es Männern mehr Kopfzerbrechen, zu wenig Zeit als Gesamtfamilie miteinander zu haben.

          Gefragt nach den Möglichkeiten, wie Arbeitgeber Hauptverdiener-Frauen unterstützen könnten, fällt Michele Madansky vor allem das Schaffen von Netzwerken ein- “Für die Mütter wie auch für die Väter“, sagt sie. „Wenn Männer immer allein unter Frauen auf dem Spielplatz sind, gibt es wenig Anreiz für sie, ihren Arbeitgeber um eine Auszeit oder Teilzeit zu bitten“, sagt sie. „Es hilft, wenn Strukturen im Unternehmen da sind, in denen Betroffene einfach mal miteinander reden können. Das macht stark.“ Schließlich sei auch die Tabuisierung dessen, dass sich das traditionelle Rollenmodell heute immer häufiger umdrehe, ein Teil der Geschichte – und ein Teil des Problems.

          Wirklich mitreden wollen die Männer an diesem Donnerstagnachmittag auf der Me Convention jedenfalls nicht: Nach etwa zehn Minuten unterbricht Michele Madansky ganz plötzlich ihren Vortrag mitten im Satz. „Wir haben ihn wieder verloren“, sagt sie und deutet in eine der hinteren Zuschauerreihen. „Der einzige Mann hier im Publikum ist gerade rausgegangen.“

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