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Begründer des Streetskatens : „Hacker sind Skatern sehr ähnlich“

  • -Aktualisiert am

Rodney Mullen auf der Me Convention in Frankfurt Bild: Kai Spanke

Skateboardprofi Rodney Mullen erzählt im Interview, wie er es als Redner auf die Me Convention geschafft hat, was einen guten Skateboarder ausmacht und wie sein Vater ihn davon abhalten wollte, ein solcher zu werden.

          4 Min.

          Herr Mullen, was hat jemand wie Sie auf der Me Convention verloren?

          Ehrlich gesagt, bin ich selbst etwas überrascht, hier zu sein. Ich war zu Gast am Massachusetts Institute of Technology und habe dort ein bisschen herumprogrammiert – Hacker sind Skatern sehr ähnlich –, als dieser Magier von IBM auf mich zukam. Ein älterer Herr mit abgefahrener Frisur, der wirklich aussieht wie eine Mischung aus Zauberer und Rock-Star. Wir haben uns gut verstanden und einige Zeit miteinander verbracht. Er war im vergangenen Jahr auf der Convention und hat mich nun als Redner vorgeschlagen.

          Sie sagten, Hacker seien wie Skater. Inwiefern?

          Hacker nehmen sich eine bereits existierende Technologie vor und machen etwas mit ihr, das bis dahin keiner auf dem Schirm hatte. Sie wollen sie besser verstehen, auf links drehen und coole Sachen damit anstellen. Genau so kreativ betrachten Skater die Welt. Sie benutzen Straßen, Treppen und Geländer auf eine Weise, an die vorher niemand gedacht hat – und schaffen damit eine neue Kunstform. Dazu passt die Definition von „Kreativität“, welche der Forscher John Seely Brown einmal vorgenommen hat: das Vertraute fremd machen. Jeder kennt das Phänomen und kann es nachempfinden. Ein Skater ist dann kreativ, wenn er einem Trick, der allen geläufig ist, eine seltsam schöne, aber unbekannte Seite abgewinnt.

          Es geht beim Skaten also zuerst um die ästhetische Dimension, nicht die sportliche.

          Korrekt. Individualität ist bei uns wichtiger als Performance. Die wirklich anerkannten Skater unterscheiden sich vom Rest immer durch einen bestimmten, einzigartigen Stil. Das sind nicht einfach talentierte Athleten, sondern Künstler. Manche sehen nicht einmal besonders vorteilhaft auf dem Skateboard aus, machen das aber zu einem Teil ihrer Identität mit großem Wiedererkennungswert. Solche Skater sind jenen Kollegen, die ein Manöver schön und perfekt ausführen, dabei aber null Distinktion erzeugen, haushoch überlegen.

          Wie würden Sie die Entwicklung Ihres Stils beschreiben?

          Über meinen Stil kann man sich leicht lustig machen. Ich komme vom Freestyle Skateboarding, bei dem man auf einem flachen Untergrund eine Choreographie vollführt, und habe die Techniken dieser Form später verändert, um sie dem Street Skateboarding anzupassen, das den Fokus auf urbane Räume, Hindernisse und Tricks legt. Eigentlich habe ich nie wirklich dazugehört, weil mein Stil immer irgendwie dazwischen und anders gewesen ist. Die große Anerkennung, die man mir heute entgegenbringt, verdiene ich überhaupt nicht, weil ich ja nur getan habe, wonach mir der Sinn stand. Ich wollte nie das machen, womit sich andere beschäftigen.

          Sie haben aber auch in Wettkämpfen brilliert.

          Das stimmt. Für einige Zeit war ich der Typ, der Auszeichnungen gewinnt. Aufs Skateboarden bezogen waren das allerdings die am wenigsten erfüllenden Jahre meines Lebens. Ich war permanent im Training, um gut abzuschneiden, statt einzelne Tricks nur für mich zu entwickeln und auf die Kriterien des Turniers zu pfeifen.

          Sollte beim Skaten der Weg das Ziel sein?

          Ja, absolut und in jeder Hinsicht. Skater sind die meiste Zeit damit beschäftigt, hinzufallen, wieder aufzustehen, wieder hinzufallen, wieder aufzustehen. Überspitzt formuliert: Das Hinfallen muss zu einer regelrechten Kunst werden, denn wer am besten fällt, skatet am Ende auch am besten. Wenn sich ein grandioser Skater weiterentwickelt, sieht man das nicht an seinen Tricks, sondern an der Art wie er fällt. Man muss dabei Genugtuung empfinden, sonst funktioniert das nicht. Es geht in erster Linie keineswegs darum, ein Ziel zu erreichen, sondern die Sache an sich zu genießen. Das ist übrigens eine gute Übung in Demut und Bescheidenheit.

          Sie haben als Kind mit dem Skateboarden angefangen. War die demütige Haltung von Anfang an da?

          Würden Sie mir jetzt Interviews zeigen, die ich in unterschiedlichen Phasen meines Lebens gegeben habe, wäre ich peinlich berührt davon, was für ein arroganter kleiner Scheißer ich gewesen bin. Aber die meiste Zeit war ich wahrscheinlich schon bescheiden, denn sonst wäre aus mir kein guter Skater geworden. Mein Punkt ist: Man kann immer was dazulernen.

          Könnten Sie das Gefühl beschreiben, das Sie beim Skaten haben, wenn ein Trick funktioniert?

          Es braucht vielleicht ein paar Tausend Anläufe, bis ein Manöver klappt. Während dieses Prozesses nimmt man ständig kleine Anpassungen vor: hier mehr zurücklehnen, dort weniger drehen, was auch immer. Wenn schließlich alles glatt läuft, merkt man gar nicht, dass man auf dem Skateboard rollt, abhebt, landet. Das Bewusstsein braucht etwas zu lange, um mitzuhalten, es hechelt ein wenig hinterher. Man ist hyperfokussiert und sieht um sich herum selektiv dies und das, anderes wiederum entgeht einem komplett. Das einzige, was man einwandfrei wahrnimmt, sind Geräusche. Insgesamt hat man das Gefühl, der ganze Ablauf sei eine gleitende Bewegung, als wären die Dinge perfekt im Fluss, als würde man getragen, ohne sich anstrengen zu müssen. Für mich ist diese Empfindung mit nichts vergleichbar.

          Diese Dimension des Erlebens wäre Ihnen fast verschlossen geblieben, da Ihr Vater absolut gegen das Skateboarden war.

          Mein Vater war Zahnarzt. Er sagte: „Du bist ein kluger Junge, und jetzt willst du dir die Zähne ausschlagen und eine Kopfverletzung zuziehen, um schließlich als Penner zu enden.“ In unserer Nachbarschaft lebte ein kleiner Junge. Er spielte Basketball. Tag und Nacht. Einmal zeigte mein Vater auf ihn und sagte: „Du bist wie er. Es spielt keine Rolle, wie viel du übst, du bist zu klein und nicht fürs Skaten gemacht. Du wirst darin niemals gut sein.“ Als ich zehn war, bekam ich dann doch ein Skateboard. Ich bin in mein Zimmer gegangen und habe auf den Basketballplatz rausgeguckt. Das klingt jetzt abgedroschen und kitschig, aber ich wusste: Heute ist ein wichtiger Tag.

          Sie sollten damit recht behalten.

          Ich bin immer gegen den Widerstand meines Vaters angerannt. Und rückblickend kann ich sagen: Dem Skateboarden verdanke ich alles. Wenn ich heute auf Veranstaltungen spreche, auf denen ich eine Art Fremdkörper bin – wie hier zum Beispiel –, bereitet es mir Freude, einem klugen Publikum mitteilen zu können: Wir Skater haben etwas Besonderes hervorgebracht, und wir sind keine Gammler. Vieles von dem, was ich sage und denke, richtet sich heimlich immer noch an meinen Vater. Im übertragenen Sinne rufe ich ihm dauernd zu: Schau, Dad, ich hab’s geschafft und bin erfolgreich.

          Hat Ihr Vater irgendwann seinen Frieden mit Ihrem Werdegang gemacht?

          Ich besaß mal ein Unternehmen, das ich verkauft habe. Als ich aus dem Anwaltsbüro herausging, war ich um ein paar Millionen reicher. Ich habe dann meinen Vater angerufen und gesagt: „Hey, wir haben jetzt zwei Dinge gemeinsam – den Nachnamen und die Millionen auf dem Konto.“ Er hat das so hingenommen, um mir schließlich zu antworten: „Du bist für die Gesellschaft ein Blutsauger. Du verkaufst überteuerte Holzbretter an arglose kleine Kinder. Es gibt viele Wege, Geld zu verdienen.“ Und er hat ja recht. Ich habe einen schrecklichen, dunklen Kampf mit der Sinnfrage geführt. Furchtbar. Heute geht es mir allerdings besser. Sehr früh bin ich einer Passion nachgegangen, die eine ganze Community beeinflusst, ja geformt hat. Das bedeutet für mich Reichtum und Sinn.

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