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Begründer des Streetskatens : „Hacker sind Skatern sehr ähnlich“

  • -Aktualisiert am

Sie haben als Kind mit dem Skateboarden angefangen. War die demütige Haltung von Anfang an da?

Würden Sie mir jetzt Interviews zeigen, die ich in unterschiedlichen Phasen meines Lebens gegeben habe, wäre ich peinlich berührt davon, was für ein arroganter kleiner Scheißer ich gewesen bin. Aber die meiste Zeit war ich wahrscheinlich schon bescheiden, denn sonst wäre aus mir kein guter Skater geworden. Mein Punkt ist: Man kann immer was dazulernen.

Könnten Sie das Gefühl beschreiben, das Sie beim Skaten haben, wenn ein Trick funktioniert?

Es braucht vielleicht ein paar Tausend Anläufe, bis ein Manöver klappt. Während dieses Prozesses nimmt man ständig kleine Anpassungen vor: hier mehr zurücklehnen, dort weniger drehen, was auch immer. Wenn schließlich alles glatt läuft, merkt man gar nicht, dass man auf dem Skateboard rollt, abhebt, landet. Das Bewusstsein braucht etwas zu lange, um mitzuhalten, es hechelt ein wenig hinterher. Man ist hyperfokussiert und sieht um sich herum selektiv dies und das, anderes wiederum entgeht einem komplett. Das einzige, was man einwandfrei wahrnimmt, sind Geräusche. Insgesamt hat man das Gefühl, der ganze Ablauf sei eine gleitende Bewegung, als wären die Dinge perfekt im Fluss, als würde man getragen, ohne sich anstrengen zu müssen. Für mich ist diese Empfindung mit nichts vergleichbar.

Diese Dimension des Erlebens wäre Ihnen fast verschlossen geblieben, da Ihr Vater absolut gegen das Skateboarden war.

Mein Vater war Zahnarzt. Er sagte: „Du bist ein kluger Junge, und jetzt willst du dir die Zähne ausschlagen und eine Kopfverletzung zuziehen, um schließlich als Penner zu enden.“ In unserer Nachbarschaft lebte ein kleiner Junge. Er spielte Basketball. Tag und Nacht. Einmal zeigte mein Vater auf ihn und sagte: „Du bist wie er. Es spielt keine Rolle, wie viel du übst, du bist zu klein und nicht fürs Skaten gemacht. Du wirst darin niemals gut sein.“ Als ich zehn war, bekam ich dann doch ein Skateboard. Ich bin in mein Zimmer gegangen und habe auf den Basketballplatz rausgeguckt. Das klingt jetzt abgedroschen und kitschig, aber ich wusste: Heute ist ein wichtiger Tag.

Sie sollten damit recht behalten.

Ich bin immer gegen den Widerstand meines Vaters angerannt. Und rückblickend kann ich sagen: Dem Skateboarden verdanke ich alles. Wenn ich heute auf Veranstaltungen spreche, auf denen ich eine Art Fremdkörper bin – wie hier zum Beispiel –, bereitet es mir Freude, einem klugen Publikum mitteilen zu können: Wir Skater haben etwas Besonderes hervorgebracht, und wir sind keine Gammler. Vieles von dem, was ich sage und denke, richtet sich heimlich immer noch an meinen Vater. Im übertragenen Sinne rufe ich ihm dauernd zu: Schau, Dad, ich hab’s geschafft und bin erfolgreich.

Hat Ihr Vater irgendwann seinen Frieden mit Ihrem Werdegang gemacht?

Ich besaß mal ein Unternehmen, das ich verkauft habe. Als ich aus dem Anwaltsbüro herausging, war ich um ein paar Millionen reicher. Ich habe dann meinen Vater angerufen und gesagt: „Hey, wir haben jetzt zwei Dinge gemeinsam – den Nachnamen und die Millionen auf dem Konto.“ Er hat das so hingenommen, um mir schließlich zu antworten: „Du bist für die Gesellschaft ein Blutsauger. Du verkaufst überteuerte Holzbretter an arglose kleine Kinder. Es gibt viele Wege, Geld zu verdienen.“ Und er hat ja recht. Ich habe einen schrecklichen, dunklen Kampf mit der Sinnfrage geführt. Furchtbar. Heute geht es mir allerdings besser. Sehr früh bin ich einer Passion nachgegangen, die eine ganze Community beeinflusst, ja geformt hat. Das bedeutet für mich Reichtum und Sinn.

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