https://www.faz.net/-gqe-9f8nf

„New new Festival“ : Selbst in Baden-Württemberg hören sie nun Start-ups zu

  • -Aktualisiert am

Eine Präsentation während des Start-up-Wettbewerbs auf dem New-New-Festival. Bild: Mark Mattingly

Auf einem Festival in Stuttgart will man den digitalen Rückstand des Mittelstands verringern. Bisher gelingt die Digitalisierung vor allem den Konzernen – die halten sich dafür eigene Start-up-Zentren.

          3 Min.

          Innovation kann heutzutage überall entstehen. Trotzdem reden immer alle über Cluster und Regionen wie Tel Aviv, das Silicon Valley oder Berlin. Das liegt daran, dass Innovation dort häufig durch eine kreative Zusammenarbeit entsteht. Vielversprechende Unternehmen ziehen neue Talente an und Geldgeber, die wiederum ein Ökosystem für andere Start-ups schaffen.

          Jonas Jansen
          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Kein Wunder, dass sich auch Unternehmen im starken Industriestandort Baden-Württemberg stärker vernetzen wollen – um nicht den Anschluss zu verlieren. So gibt Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) offen zu, dass die Region rund um Stuttgart einem nicht als erstes in den Sinn komme, wenn man an Start-ups denke. Trotz der niedrigen Gründungsquote sei es allerdings im High-Tech-Bereich ein wichtiger Standort – vor allem für Jungunternehmen, die Produkte an andere Unternehmen und nicht direkt an Endkunden verkaufen. „Wir sind herausgefordert in vielen unserer Kernbranchen“, sagt Hoffmeister-Kraut.

          „Die Welt wartet nicht auf uns“

          Baden-Württemberg und Stuttgart seien ein Zentrum einer florierenden Wirtschaft, findet auch Ulrich Dietz, der Verwaltungsratsvorsitzende des IT-Dienstleisters GFT Technologies. „Aber es gibt einen signifikanten Druck, sich selbst neu zu erfinden, um diese Position zu halten“, sagt Dietz, der auch der Kopf hinter Code-N ist, dem Start-up-Campus von GFT.

          „Wir müssen neue Dinge ausprobieren und Ideen aus der ganzen Welt kombinieren mit dem hier vorhandenen Wissen über industrielle Fertigung“, sagt Dietz. „Die Welt dreht sich unheimlich schnell und sie wartet nicht auf uns.“ Das Ziel des „New new Festivals“ von Code-N sei deshalb, etablierte Unternehmer, Forscher und Start-ups zusammenzubringen. Denn nur mit Kooperation würde die Region schneller wachsen.

          Rund 200 Unternehmen stellen ihre Visionen noch bis Mittwoch in Stuttgart aus, 50 Start-ups vor allem aus dem High-Tech-Bereich kämpfen um 30.000 Euro Preisgeld. Auf gleich mehreren Bühnen stellen junge Gründer vor, welche Ideen sie haben, um die Unternehmenswelt umzukrempeln. Im Vergleich zur letzten Code-N-Veranstaltung vor zwei Jahren in Karlsruhe hat sich das Festival deutlich vergrößert. Damals kamen rund 5000 Teilnehmer, in diesem Jahr rechnen die Veranstalter mit bis zu 10.000.

          „Ideale Voraussetzungen“ für Start-ups

          Veranstaltungen wie Code-N sollen vor allem helfen, das technologische Gefälle zwischen den großen Konzernen und dem Mittelstand auszugleichen. Dort gibt es nämlich einige Weltmarktführer aus der Provinz, die in ihrem Bereich ihrer Konkurrenz noch technisch überlegen sind, aber in der Digitalisierung von Geschäftsmodellen wenig Erfahrung haben. Bevor sie plötzlich überrascht werden von Unternehmen, die etwa auf Plattformen setzen, sollten sie sich mit den jungen Wilden austauschen, so die Idee.

          Wie das funktioniert, machen derzeit allerdings vor allem die Großen vor. In Stuttgart zeigt es etwa Daimler. Der Autokonzern hat mit dem Lab 1886 eine Start-up-Fabrik aufgebaut, die innerhalb und außerhalb des Unternehmens nach neuen Geschäftsmodellen sucht.

          Auf dem „New new Festival“ brüten junge Mitarbeiter in einem Truck an Pinnwänden mit bunten Zetteln darüber, welche neuen Geschäftsmodelle für den Autokonzern in Frage kommen könnten, der diese Stadt so geprägt hat. Die Region Stuttgart sei ein einzigartiger und gleichzeitig global vernetzter Standort, sagt Susanne Hahn, die das Lab 1886 leitet. Insbesondere die Innovationskraft habe in den letzten Jahren zugenommen. „Start-ups haben hier ideale Voraussetzungen um groß zu werden.“

          Die meisten Jungunternehmen werden aufgekauft

          Gleichzeitig warnt Marika Lulay, die Vorstandsvorsitzende von GFT davor, zu hohe Erwartungen in Jungunternehmen zu setzen: „Start-ups decken häufig nur einen kleinen Teil einer Technologie oder Prozesskette ab. Das ist eine coole erste Anwendung und die verspricht, dass man daraus mehr machen kann.“

          Doch das funktioniere nur, wenn diese Anwendung in größere Geschäftsmodelle eingebettet werde. „Die meisten Start-ups wissen, wie man Technologie baut, aber nicht, wie der Vertrieb funktioniert.“ Deshalb würden viele Start-ups, wenn sie nicht pleite gingen, irgendwann gekauft. „Das ist aber auch in Ordnung, denn dann gehen sie auf mit ihrer Technologie in neuen Unternehmen.“

          GFT selbst hat zu der Veranstaltung acht Start-ups aus dem eigenen Haus mitgebracht.  So ist etwa ein Team aus Polen angereist, das an einer App arbeitet, mit der Nutzer unter anderem Punkte für erwünschtes Fahrverhalten sammeln können – was etwa die Leasingrate von Fahrzeugen senken könnte.

          Ob daraus schließlich Geschäftsmodelle werden können, ist für das Festival erst einmal unerheblich. Wichtig ist, zu zeigen, was möglich ist. „Ich würde mich freuen, wenn es uns gelingt, dem Maschinen- und Anlagenbau einen Schub zu geben“, sagt Dietz. Damit sie sich stärker digitalisieren. „Im Vergleich zu deren hochkomplexen Maschinen ist das Digitale doch eigentlich ein Kinderspiel.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Atomkraft: Zu Unrecht undiskutabel?

          Energiewende unter der Ampel : Die Atom-Diskussion wagen

          Die Energiewende ist kein einfaches Unterfangen. Die Ampel möchte vermehrt auf erneuerbare Energien setzen, aus Gründen des Klimaschutzes. Eine andere Energiequelle fällt aus der Diskussion.

          Hohe Energiepreise : Merkel lehnt Markteingriffe ab

          Die EU-Chefs streiten auf ihrem Gipfel über die hohen Energiepreise. Drei Lager stehen sich dabei gegenüber – wobei Kanzlerin Merkel Markteingriffe ablehnt. Widerspruch bekommt sie vom polnischen und vom ungarischen Ministerpräsidenten.
          Wegen der Cum-Ex-Aktiendeals musste Olaf Scholz im April vor einem Untersuchungsausschuss in der Hamburger Bürgerschaft aussagen.

          „Cum-Cum“ : 140 Milliarden Euro Beute durch Steuertricksereien

          Die „Cum-Ex“-Deals sind inzwischen bekannt. Doch auch mithilfe anderer Modelle sollen Banken dem Fiskus Geld aus der Tasche gezogen haben – weit mehr als bisher gedacht. Möglicherweise dauert das auch immer noch an.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.