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Me Convention in Stockholm : 8+12 =40

Von Autos keine Spur: Daimler-Chef Dieter Zetsche im Juli in Hongkong Bild: Daimler

Rückschläge Künstlicher Intelligenz weglächeln und die Gedanken um Technik und Gesellschaft kreisen lassen: Das ist eine Szene junger Menschen, die den Aufbruch sucht – wie auf der Me Convention in Stockholm.

          3 Min.

          Sophia und Dieter haben das gleiche Ziel, aber nicht viel gemeinsam. Sophia vertraut auf Künstliche Intelligenz, Dieter muss sich mit seiner natürlichen begnügen. Sophia verspricht eine ganz neue Welt voller phantastischer Möglichkeiten, Dieter beschränkt sich auf das Machbare in der näheren Zukunft. Beide stehen sie an diesem Sommertag im Hongkonger Kongresszentrum auf der Bühne einer Veranstaltung, die aussieht wie die Hauptversammlung der Bretterbudenbauer von Böblingen, tatsächlich die vermeintlich coolste technikorientierte Gründer- und Gedankenaustauschmesse Asiens ist und sich Rise nennt. Beide wollen sie eine Schar junger Menschen erreichen, für die der Aufbruch ins Ungewisse Ansporn ist. Bei Sophias Auftritt ist der Saal voll, während Dieters Show bleiben Stühle leer. Sophia himmelt die versammelte Start-up-Jugend an, Dieter hört sie interessiert zu.

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Verkehrte Welt? Dieter, das ist Dieter Zetsche und der Vorstandsvorsitzende von Daimler, stellt in fehlerfreiem Englisch funktionierende Innovationen der Automobilindustrie vor. Sophia, die als Star der KI-Szene geltende Roboterpuppe, kann gar nichts. Jedenfalls nicht an diesem Tag. „Sophia, was ergibt 8 plus 12?“, fragt ihr Herr und Ertüftler. „40“, antwortet Sophia. Sie müsse ihr in die Cloud ausgelagertes Gehirn anrufen, erfährt der Zuschauer, im zweiten Versuch steht die Leitung offenbar, die Roboterdame nennt das korrekte Ergebnis.

          Frei gestellte Fragen soll sie beantworten können, doch die Wolke scheint sich wieder aus dem Staub gemacht zu haben, Sophia fällt keine einzige passende Antwort ein. Nach links schauen auf Befehl klappt im dritten Anlauf, und als die elektrifizierte Dame ein Liedchen singt, fällt das Mikrofon aus. Die Vorführung ist eine Pleite auf ganzer Bühne, aber die Entwicklung steht ja noch am Anfang, die Anhänger glühen unverdrossen. Ihr Erschaffer sagt, Sophia lerne jeden Tag hinzu und verknüpfe immer mehr Gedanken. „Roboter können die Welt verbessern“, spricht Sophia zum Abschied und erntet Applaus. Die nüchterner Betrachtung zugeneigten Zuschauer denken sich: Wenn das Künstliche Intelligenz ist, dann sollte sie besser nicht in Autos oder Flugzeugen die Macht übernehmen.

          Was soll das bringen?

          Auf dem Flur läuft derweil ein junger Mann auf und ab, dem ein Roboter rollend folgt wie ein Hund. Das Teil erkennt das in der Hosentasche versteckte Smartphone und klebt sich an seine Strahlen. Was das bringen soll? Der in China lebende israelische Erfinder sagt, das sei eine Art Alexa auf Rädern, man könne mit dem Roboter also reden und ihn bitten, allerlei Befehle auszuführen. 1500 Dollar kostet das gute Stück, vielleicht könnte man nach dem Sinn fragen, vielleicht gibt es einen Markt dafür, vielleicht ist es einfach nur lässig.

          Besser, Hunger und Neugier zerschellen nicht am drögen Pragmatismus, denn auf der Bühne nebenan berichtet eine dynamische Asiatin mittleren Alters, sie habe Hunderten Start-ups Gelder von Investoren vermittelt und sie habe das lahme Europa von ihrer Innovationskarte gestrichen. Auch der im Silicon Valley tüftelnde Gründer sei nicht mehr bereit, um Mitternacht ein Meeting abzuhalten, E-Mails beantworteten die Amerikaner manchmal erst nach Stunden, so werde das nichts mit dem Fortschritt. Asien sei oder werde die neue Lokomotive, gesegnet mit Menschen, die heiß auf Erfolg seien und bereit, rund um die Uhr zu arbeiten.

          Warum ein Vorstandsvorsitzender von Daimler in einem solchen Umfeld auftritt? Nicht nur Botschaften aussenden, auch an ungewöhnlicher Stelle zuhören wolle er, sagt Zetsche. Vor allem, das sagt er so nicht, wohl einer Generation, die nicht zuerst an den Kauf eines Autos mit 18 Jahren denkt und als Wunscharbeitgeber weder BMW noch Daimler oder Audi ganz oben auf der Liste stehen hat. Die gibt es hier zuhauf, aber nicht nur hier. Deswegen wartet schon die nächste Veranstaltung ähnlicher Art.

          Nach dem beachtlichen Erfolg der zur Internationalen Automobil-Ausstellung IAA in Frankfurt im vergangenen September ausgetragenen „Me Convention“ zieht Mercedes-Benz in Kooperation mit dem amerikanischen Ausrichter der SXSW South by Southwest die zweite Me Convention in Europa auf. Dieses Jahr in dezenterem Maßstab, am 5. und 6. September in Stockholm. Mehr als einhundert, wie es heißt, innovative Speaker aus mehr als zwanzig Nationen sollen in festivalähnlicher Atmosphäre auftreten, die Mischung ist illuster: zum Beispiel Stephanie Lampkin, Gründerin von Blendoor, einer Bewerbersoftware, die durch Anonymisierung unbewusste Voreingenommenheit abmildern soll; Adriene Mishler, Yoga-Lehrerin mit Youtube-Kanal und 3,5 Millionen Abonnenten; Tom London, Magier und Hacker, der mit 15 den Computer seiner Schule knackte, tagsüber am Rechner sitzt und abends auf der Bühne zaubert. Konzerte, Partys und ein kuratiertes Filmprogramm klingen in die Nacht hinein.

          Im Startup-Track preisen Städte an, warum gerade sie idealer Boden für die Gründerszene seien, aus Deutschland ist Hamburg vor Ort. Nachgespürt werden soll diversen Fragen, etwa welche Werte in modernen Gesellschaften gelten und wie Technologie die Menschen beeinflusst. Oder ob Freiheit und Vertrauen am Arbeitsplatz die Produktivität besser steigern als klassische Führungsstile. Es sollen Visionen für die zeitgenössische Kultur entworfen werden und Konzepte, die unter dem Stichwort „New Bionomics“ Mensch und Umwelt harmonischer in Einklang bringen.

          Sophia ist, soweit bekannt, diesmal nicht mit von der Partie, vielleicht büffelt sie daheim Mathe. Mercedes-Benz lässt es sich derweil nicht nehmen, in einer Atmosphäre, die das Auto aus dem Zentrum rückt, seinen Vorschlag für eine Mobilität der Zukunft ganz real vorzufahren. An diesem Dienstagabend der Convention findet vor geladenem Publikum die Weltpremiere des ersten Elektroautos der eigens geschaffenen Submarke EQ statt.

          Die Me Convention 2018 findet vom 4. bis 6. September in Stockholm statt. Hier geht es zum aktuellen Programm, das auch in einer App verfügbar ist.

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