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Kaputte Smartphones : Der Retter der Reparatur

Ein Huawei-Handy auf dem OP-Tisch von iFixit Bild: iFixit

Das Unternehmen iFixit kämpft für das Recht, gekaufte Geräte eigenständig reparieren zu können. Das ist bei fast allen aktuellen Smartphones schwierig. Aber es sind Kopfhörer von Apple, die iFixits Gründer besonders harsch kritisiert.

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          Es kommt nicht oft vor, dass Kyle Wiens ein Produkt als „ganz und gar böse“ bezeichnet, aber bei den Airpods muss er eine Ausnahme machen. Der Gründer von iFixit, einem kalifornischen Unternehmen, das  sich eigentlich eher als Bewegung versteht, sagt: „Wenn ihr wahre Freunde seid, haltet die Menschen um euch herum davon ab, Airpods zu kaufen.“

          Wiens' große Abneigung gegenüber Apples kabellosen Kopfhörern hat zwei simple Gründe: Die Komponenten der Airpods sind nicht recycelbar und – was in iFixits Fall noch viel wichtiger ist – sie lassen sich nicht reparieren. Überhaupt nicht. Das Unternehmen hat es sich zur Aufgabe gemacht, möglichst viele Geräte, die frisch auf den Markt kommen, auseinanderzunehmen und sie nach ihrer Reparierbarkeit zu bewerten. Die Airpods waren das erste Gerät in iFixits sechzehnjähriger Geschichte, das null von zehn Punkten bekommen hat. Wiens beschreibt, wie sich seine Kollegen und er die Hände aufschnitten, beim Versuch die Ladestation der Airpods zu öffnen, wie ihnen das Blut die Finger herunter rann und das strahlende Weiß der Kopfhörer beschmutzte. Wiens ist ein bildgewaltiger Erzähler.

          Schrauben, für die niemand einen Schraubenzieher hat

          Der Amerikaner hat sich an die Spitze einer weltweiten Reparatur-Bewegung gesetzt. Sie kämpft für das Recht, die eigenen Geräte selbst warten und in Ordnung bringen zu können. Das klingt nach einer Selbstverständlichkeit, ist es aber schon seit einigen Jahren nicht mehr. Viele Tech-Unternehmen versuchen, ihren Kunden eine eigene Reparatur unabhängig von den firmeneigenen Werkstätten so schwer wie möglich zu machen. Sie verkaufen zum Beispiel keine Ersatzteile oder nur zu sehr großen Stückzahlen, sie stellen keine Anleitungen zur Verfügung – das macht iFixit – oder nutzen spezielle Schrauben, für die niemand einen Schraubenzieher hat, außer das Unternehmen selbst.

          Der Workshop von iFixit während der Me Convention

          Auch an dieser Stelle ist Apple ein prominenter Vertreter: Ist der Akku der Airpods nach etwa 500 Ladezyklen erschöpft, muss man die Kopfhörer wegschmeißen. Der Konzern gab außerdem 2016 zu, ein Softwareupdate auf die iPhones gespielt zu haben, dass die Handys sperrte, wenn sie außerhalb der Apple-Werkstätten repariert worden waren.

          Bei iFixit schneidet Apples größter Konkurrent, Samsung, allerdings nicht mehr besser ab. Alle aktuellen Modelle des koreanischen Herstellers sind von Wiens und seinen Kollegen mit drei oder vier von zehn Punkten auf dem Reparierbarkeitsindex bewertet worden. Das iPhone X hat immerhin sechs von zehn Punkten bekommen. Die Teilnehmer im Workshop, den Wiens auf der Me Convention leitet, haben deswegen ein altes Samsung-Modell zum Üben bekommen. Das S4 aus dem Jahr 2013 war „ein sehr gutes Handy“, sagt Wiens, „fast so gut wie das Fairphone“.

          „Wir gewinnen an Bedeutung“

          IFixit ist ein Fan der niederländischen, fair produzierten Smartphones. Sie erreichen zehn von zehn Punkten auf dem Reparierbarkeitsindex, wurden aber schon von vielen Nutzern für ihre zahlreichen Betriebsfehler kritisiert. Das bleibt bei Wiens und seinen Kollegen unerwähnt.

          Genau wie beim Fairphone lässt sich beim Samsung S4 der Akku noch austauschen, alle Schrauben sind von einem Hersteller und für herkömmliches Werkzeug gemacht. Als die erste Workshop-Teilnehmerin es geschafft hat, das komplette Handy auseinander zu bauen, stößt sie einen Triumphschrei aus. „Wir wollen zeigen, dass Schrauben keine Hürde sein müssen“, sagt Wiens deutsche Kollegin Dorothea Kessler.

          IFixits Reichweite ist seit seiner Gründung 2003 rasant gewachsen. Das Unternehmen verdient sein Geld mit dem Verkauf von Ersatzteilen, aber im Vordergrund stehen die Reparaturanleitungen, die iFixit offen ins Internet stellt. Die iFixit-Website hat nach eigenen Angaben zehn Millionen Nutzer im Monat, 250.000 davon in Deutschland. In der Europazentrale in Stuttgart beschäftigt das Unternehmen 50 Mitarbeiter – schon halb so viele wie am Hauptsitz in Kalifornien.

          Wiens sagt: „Wir gewinnen an Bedeutung“, und meint damit auch den Rest der Reparatur-Bewegung. Samsung erteilt mittlerweile mehr unabhängigen Händlern eine Wartungslizenz, Apple blockiert seine Geräte nicht mehr, wenn die Batterien auf eigene Faust ausgetauscht werden. Es sind kleine Schritte, aber immerhin.

          Kessler sagt, der Bewegung habe der aktuelle Nachhaltigkeitstrend sehr geholfen. Viele Leute wollen nicht mehr so viel wegschmeißen. Außerdem werden die Abstände zwischen wirklichen Innovationen im Smartphone-Geschäft größer. Das führt dazu, dass Handys nicht mehr so schnell ausgetauscht werden, wenn ein neues Gerät auf den Markt kommt. „Die Lebenszyklen der iPhones haben sich mittlerweile fast verdoppelt“, sagt Kessler zufrieden.

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