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Mayers Weltwirtschaft : Abschied von der Welt von gestern

  • Aktualisiert am

Thomas Mayer Bild: Thilo Rothacker

Früher strebten wir nach Wohlstand. Heute sind uns andere Dinge wichtiger.

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          Alles hatte seine Norm, sein bestimmtes Maß und Gewicht. Wer ein Vermögen besaß, konnte genau errechnen, wie viel Zinsen es alljährlich zubrachte, der Beamte, der Offizier wiederum fand im Kalender verlässlich das Jahr, in dem er avancieren werde und in dem er in Pension gehen würde. Jede Familie hatte ihr bestimmtes Budget, sie wusste, wie viel sie zu verbrauchen hatte für Wohnen und Essen, für Sommerreise und Repräsentation, außerdem war unweigerlich ein kleiner Betrag sorgsam für Unvorhergesehenes, für Krankheit und Arzt bereitgestellt. Wer ein Haus besaß, betrachtete es als sichere Heimstatt für Kinder und Enkel, Hof und Geschäft vererbte sich von Geschlecht zu Geschlecht; während ein Säugling noch in der Wiege lag, legte man in der Sparbüchse oder der Sparkasse bereits einen ersten Obolus für den Lebensweg zurecht.“ So beschreibt Stefan Zweig seine „Welt von Gestern“. Das autobiographisch geprägte Buch verfasste der aus Wien stammende Schriftsteller in den drei Jahren vor seinem Tod 1942 und erschien postum.

          Die Welt, die wir heute als die von gestern empfinden, entstand aus den Trümmern, die jene Welt hinterließ, in der Stefan Zweig seine Erinnerungen aufzeichnete. Sie wurde gebaut von Menschen, die den Terror des Nationalsozialismus und Stalinismus erfahren hatten. Viele waren mit dem doppelten Trauma der erlebten Greuel und des Kampfes für die falsche Seite aus dem Krieg zurückgekehrt. Wenige hatten gegen das verbrecherische Regime Widerstand geleistet und das mit dem Leben bezahlt, zu viele hatten Kriegsverbrechen begangen, aber die meisten hatten sich der schlimmen Zeit notgedrungen angepasst und standen danach vor dem materiellen und ideellen Nichts. Hätte man sie wegen unterlassenen Widerstands verurteilt, hätte man den überwiegenden Teil der Deutschen einsperren müssen. An die Stelle der „Kollektivschuld“ setzte man daher die „Kollektivscham“.

          Betrachten wir heute unsere Welt von gestern, dann ging es dort vor allem um „Wohlstand für Alle“. Da wenig vorhanden war, musste Wohlstand zuerst erwirtschaftet werden, bevor an seine Umverteilung auch nur zu denken war. Geprägt von den Erzählungen der Alten über die Hyperinflation und die eigene Erfahrung mit der Währungsreform, wollte man Geldwertstabilität. Man sparte, um Kapital zu bilden, und verstand den Zins als Beteiligung des Sparers an den Früchten des wachsenden Kapitalstocks.

          Das Scheitern der nationalsozialistischen und das Siechtum der sozialistischen Utopien prägten das gesellschaftliche Bewusstsein. Politiker und (gewöhnlich) Männer des öffentlichen Lebens trafen in „Diskussionsrunden“ im öffentlich-rechtlichen (schwarzweißen) Fernsehen aufeinander. Man rauchte, trank an Sonntagmorgen Wein und stritt sich hart, zunächst untereinander und dann mit den nach dem Krieg aufgewachsenen, aufmüpfigen Jungen. Doch diskutierte man mit- und nicht nebeneinander, und am Ende versammelten sich große Mehrheiten der Wähler hinter Politikern wie Konrad Adenauer, Ludwig Erhard, Willy Brandt, Helmut Schmidt und Helmut Kohl. Diese kämpften für steigenden Wohlstand und gegen die konkrete Apokalypse des Atomkriegs – und hatten Erfolg.

          Stefan Zweig wusste, dass seine „Welt von Gestern“ nicht ideal war. Und doch war sie weit besser als die Welt, in der er sein Meisterwerk schrieb. Auch wir wissen, dass unsere Welt von gestern alles andere als ideal war. Sie war weniger übersichtlich als die von Zweig und hatte eklatante Mängel, die immer sichtbarer wurden, je mehr wir uns an sie gewöhnten.

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