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Mayers Weltwirtschaft : Abschied von der Welt von gestern

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Aber sie hatte ihre guten Seiten. Sie brachte uns die Bändigung der atomaren Bedrohung, wirtschaftlichen Wohlstand für die größte Zahl der Menschen in der Geschichte, die Emanzipation der Frauen und das Ende der Diskriminierung zuvor benachteiligter gesellschaftlicher Minderheiten. Betrachten wir die Welt von heute, so scheint es uns, dann neigt man nun dazu, in wesentlichen Bereichen über die Ziele von gestern hinauszuschießen.

So stellen wir heute unsere Freiheit und den in der Welt von gestern errungenen Wohlstand aus Furcht vor einer durch den Klimawandel verursachten möglichen Apokalypse des Planeten Erde zur Disposition. Während uns die konkrete Apokalypse des Atomkriegs in unserer Überzeugung für eine Gesellschaft der Freiheit eher stärkte, ersetzen wir heute allgemeine und abstrakte Regeln durch spezifische und konkrete Gebote.

Angetrieben von jugendlichen Klimaaktivisten um Greta Thunberg gleiten wir im Namen des Klimanotstands von der Marktwirtschaft in die staatliche Planwirtschaft. Ralf Fücks, ein engagierter Umweltschützer, warnt: „Nur wenn wir zeigen, dass Klimaschutz und wirtschaftlicher Erfolg zwei Seiten einer Medaille sind, kann Europa zum Modell für andere werden.“

Wir brauchen Zuwanderung, weil die Bevölkerung in der Europäischen Union bis 2050 auf 500 Millionen zurückgehen wird. Dagegen wird sie im benachbarten Afrika und Nahen Osten auf 2,9 Milliarden wachsen. „Migration war schon immer Teil der Menschheitsgeschichte, und wir erkennen an, dass sie in unserer globalisierten Welt eine Quelle des Wohlstands, der Innovation und der nachhaltigen Entwicklung darstellt“, heißt es im globalen Migrationspakt der Vereinten Nationen. Aber haben wir noch die Kraft, aus der immensen Zahl an Einwanderungswilligen die Menschen auszuwählen, die uns den Wohlstand sichern, der uns zum Ziel der Migranten gemacht hat?

Statt um Kapitalakkumulation sorgen wir uns um die Umverteilung von Kapital und Einkommen. Die neue SPD-Spitze will die Vermögensteuer wieder einführen und die Steuern auf die höchsten zehn Prozent der Einkommen anheben. Schon vor dem Führungswechsel hat die SPD dafür gesorgt, dass die obere Einkommensgruppe von der Abschaffung des Solidaritätszuschlags ausgenommen wird. Doch wo nichts erwirtschaftet wird, gibt es auch nichts zu verteilen.

Mit Negativzinsen entmutigen wir die Sparer, bereichern die Vermögenden und „finanzialisieren“ die Wirtschaft. Finanzinvestitionen rechnen sich besser als Realinvestitionen, wenn die Zentralbanken durch Zinssenkungen und Anleihekäufe immer hilfreich die Finanzmärkte stützen, falls sie mal stolpern. Ökonomen begründen die Tiefzinsen mit einer „säkularen Stagnation“ der Wirtschaft und „Ersparnisschwemme“ statt mit der Politik der Zentralbanken. Fünftausend Jahre Zinsgeschichte und der gesunde Menschenverstand sprechen jedoch gegen einen „natürlichen“ Negativzins.

Minderheiten und von der Gesellschaft Benachteiligte, die vorher um Gleichberechtigung rangen, kämpfen nun um Vorteile und Vorrechte. „Frauenquoten“ ersetzen den Eignungswettbewerb, und „Genderismus“ verbiegt unsere Sprache. Unsere Gesellschaft zerfällt in parallele und in sich geschlossene Universen, auch ganz ohne von Immigranten errichtete Parallelgesellschaften. Weil lautstarke Minderheiten die Politik für sich vereinnahmen, fühlt sich die Mehrheit nicht mehr vertreten und zweifelt an der Demokratie.

Durch die Auflösung der von den Vereinigten Staaten gestalteten Weltordnung und das Überschießen von Zielen aus der Welt von gestern wird nur weniges besser und vieles schlechter. Aber alles hat seine Zeit. So auch diese Kolumne. Vom neuen Jahr an wird sie ein Stück aus der Welt von gestern sein.

Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

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