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Wie geht es der Weltwirtschaft, Herr Mayer? : Es droht die nächste Rezession

  • Aktualisiert am

Thomas Mayer Bild: Thilo Rothacker

Donald Trump steuert auf einen tiefen Konflikt mit Amerikas Notenbank zu. Eine schlechte Nachricht für Amerika – und für den Rest der Welt.

          3 Min.

          Die Europäische Zentralbank (EZB) hat beschlossen, ihr Programm der Wertpapierkäufe zumindest bis Ende nächsten Jahres zu verlängern. Damit bleibt sie der Niedrigzinspolitik treu, die sie während der Finanzkrise im Herbst 2008 begonnen und in der Eurokrise im Herbst 2011 verschärft hat. Da die Eurozone im Treibsand politischer Instabilität und Reformunfähigkeit immer tiefer versinkt, ist ein Wechsel der EZB-Politik nicht absehbar. Solange Mario Draghi daran festhält, alles zu tun, was zum Erhalt des Euros notwendig ist („whatever it takes“), muss die EZB an der versteckten monetären Finanzierung insolventer Staaten und Banken festhalten.

          In den Vereinigten Staaten ist dagegen mit Donald Trump ein „Game-Changer“ zum Präsidenten gewählt worden, der schon vor seinem Amtsantritt die unter Barak Obama verharzten Verhältnisse aufzubrechen beginnt. Während viele Europäer des sozialdemokratischen Mainstream dies mit Grausen betrachten, scheinen immer mehr einst skeptische amerikanische Bürger Gefallen an der Chance auf „schöpferische Zerstörung“ zu finden, die Trump bietet. Seine wirtschaftspolitischen Vorstellungen erinnern an Ronald Reagan: Niedrigere Steuern für Unternehmen und Bürger, weniger Regulierung, mehr Investitionen in die öffentliche Infrastruktur, keine Angst vor höheren Staatsschulden. Die Wirtschaft läuft, so dass Amerikas Zentralbank Fed die lockerere Fiskalpolitik wohl mit höheren Zinsen beantworten wird.

          Machen wir mal eine Rechnung dazu auf: Die erste Gelegenheit zur Zinserhöhung dürfte die Fed in der nächsten Sitzung in der kommenden Woche nutzen. Die Marktteilnehmer rechnen fest damit, dass der Leitzins dann um 0,25 Prozentpunkte auf einen mittleren Wert von 0,63 Prozent steigen wird. Der Markt erwartet, dass die Fed den Leitzins im Verlauf 2017 um zwei weitere Schritte von je 0,25 Prozentpunkte auf rund 1,1 Prozent anheben wird. Bei einem ordentlichen Fiskalimpuls könnten es durchaus vier Schritte werden. Folglich könnte der Leitzins Ende 2017 1,6 Prozent betragen.

          Gegenwärtig beträgt die Differenz zwischen dem Leitzins und der Rendite auf zehnjährige Staatsanleihen rund 1,8Prozentpunkte. Aufgrund der steigenden Staatsverschuldung könnte sie sich ausweiten, sagen wir um 0,5 Prozentpunkte auf 2,3 Prozent bis Ende 2017. Bei einem Leitzins von 1,6 Prozent läge dann die Rendite auf zehnjährige Staatsanleihen Ende nächsten Jahres bei 3,9 Prozent. Auch bei gleichbleibender Renditedifferenz zwischen zehnjährigen Staatsanleihen und dreißigjährigen Hypotheken würde der Hypothekenzins auf 5,7 Prozent steigen, der höchste Stand seit November 2008. Die Bremswirkungen der höheren Zinsen auf die Wirtschaft wären beachtlich. Möglicherweise würde die Wirtschaft in die Rezession fallen.

          Vermutlich würde es nicht so weit kommen, wenn Geld- und Fiskalpolitik wie unter Obama an einem Strang ziehen würden. Beide Seiten würden sich kaum bewegen und die Wirtschaft könnte wie in den letzten Jahren im Schneckentempo weiter wachsen. Bei Trump ist aber der Konflikt wahrscheinlicher. Tritt die Fiskalpolitik kräftig aufs Gaspedal, muss die Geldpolitik aufs Bremspedal drücken, wenn sie ihr Mandat zur Wahrung der Preisstabilität ernst nehmen will. Und damit ist zu rechnen, denn Fed-Chefin Janet Yellen wird die Zentralbank wohl kaum einer ihr feindlich gesinnten Regierung ausliefern wollen. Diese Art Konflikt ist der Stoff, aus dem Rezessionen gemacht sind.

          Wäre Trump nicht gezwungen, klein beizugeben, wenn die Fed dem Konflikt nicht ausweicht? Keineswegs. Mit einem Alter von 90 Monaten ist der gegenwärtige Aufschwung ungefähr so alt wie die zweitälteste Erholung der Nachkriegszeit. Trump kann nicht damit rechnen, dass der Aufschwung bis zum Ende seiner Amtszeit anhält. Wenn aber eine Rezession während der kommenden vier Jahre sehr wahrscheinlich ist, dann ist es für den frisch gebackenen Präsidenten am besten, wenn sie so früh wie möglich kommt. Denn dann kann er seine erste Amtsperiode im Glanz einer neuen Wirtschaftserholung beenden. Statt dem Konflikt mit der Fed auszuweichen, könnte Trump ihn folglich sogar suchen. Denn zwingt er die Fed zu Zinserhöhungen, schafft er sich einen Sündenbock, den er für die Rezession verantwortlich machen kann. Dann kann er die ungeliebte Janet Yellen mit großer Geste entlassen, wenn ihre Amtszeit im Februar 2018 endet.

          Der amerikanische Konflikt zwischen Geld- und Fiskalpolitik sowie die immer tiefere Misere im Euroland sprechen somit für eine steigende transatlantische Zinsdifferenz, einen starken Dollar und einen schwachen Euro – zumindest bis zur nächsten Rezession.

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