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Mayers Weltwirtschaft : Lieber Libra als Euro

  • -Aktualisiert am

Mit der Ankündigung einer digitalen Währung hat Facebook die Finanzszene in Aufruhr versetzt. Bild: Reuters

Facebooks neue Digitalwährung wird von den Notenbanken heftig kritisiert. Warum bloß? Libra wirft schließlich Zinsen ab.

          Wenn viel Feind viel Ehr bedeutet, dann kann man mit Fug und Recht sagen, dass die von Facebook initiierte Kryptowährung Libra schon kurz nach ihrer Vorstellung den Ritterschlag erhalten hat. Zentralbanker, Regulierer und Kommentatoren haben davor gewarnt, dass Libra die Geldwäsche, kriminelle Aktivitäten und den Missbrauch privater Daten erleichtern, die Nutzer finanziellen Risiken aussetzen, Risiken für das gesamte Finanzsystem schaffen und die Wirksamkeit der Geldpolitik untergraben könnte. Viele dieser Warnungen scheinen jedoch übertrieben und einige beruhen auf mangelndem Verständnis.

          Natürlich wird beim Erwerb eines „Libra Wallets“ die Identität des Käufers festgestellt werden müssen, wie bei der Eröffnung eines Bankkontos auch. Das müssen die Mitglieder der Libra-Association übernehmen, die auch für die Prüfung der Transaktionen in der Blockchain zuständig sind. Nutzer können zwar ihre Konten unter Pseudonymen führen, aber die Administratoren des Systems müssen wissen, wer dahintersteckt. Nutzer könnten auch versuchen, ihre IP-Adressen für illegale Aktivitäten zu verschleiern, aber sie müssten damit rechnen, dass ihnen findige Cyber-Polizisten dennoch auf die Schliche kommen. Die Anfälligkeit von Libra für Missbrauch durch Geldwäscher oder Kriminelle dürfte daher eher geringer sein als die von Bargeld.

          Zinskosten von Yen und Euro kompensieren

          Libra soll durch Anlagen in liquide Titel mit kurzer Laufzeit und von hoher Bonität gedeckt werden. Es wurde befürchtet, dass dieser Fonds so groß werde, dass er das globale Finanzsystem bedrohen könnte. Nimmt man an, dass eine Milliarde Menschen ein „Libra Wallet“ im Wert von durchschnittlich 6500 Dollar halten würden, dann hätte der Reservefonds einen Wert von 6,5 Billionen Dollar. Das hört sich zunächst viel an, wäre aber nicht mehr als das Anlagevolumen von Blackrock, der größten Fondsgesellschaft der Welt. Mit seinen liquiden Anlagen höchster Bonität dürfte der Reservefonds ein weit geringeres Risiko für die Finanzstabilität darstellen als ein durchschnittlicher Investmentfonds gleicher Größe.

          Thomas Mayer

          Aus der Bundesbank war zu hören, dass Kryptogeld eine Gefahr für die Banken darstellen würde, da Einleger im Falle einer Krise aus dem Bankengeld in Kryptogeld fliehen könnten. Für Libra kann dieser Einwand aber nicht gelten, da es selbst mit Bankengeld gedeckt ist. Der Reservefonds besteht ja aus Währungen, die über Kreditvergabe der Banken geschaffen wurden. Wer in einer Bankenkrise in Libra fliehen würde, käme vom Regen in die Traufe. Auf digitales Zentralbankgeld gemünzt kann dieser Einwand ebenfalls nicht gelten, da es keinen Grund gibt, den Umtausch von Bankengeld in digitales Zentralbankgeld zu Parität zu garantieren. Vielmehr würde Bankengeld zu einem variablen Kurs gegenüber digitalem Zentralbankgeld gehandelt wie andere Bankschuldverschreibungen schon heute.

          Die CDU/CSU-Fraktion im deutschen Bundestag ist den Nörglern nicht gefolgt und hat versucht, eine positive Antwort auf den Stapellauf von Libra zu geben. Chapeau! Sie möchte der privaten Kryptowährung einen digitalen Euro als Wettbewerber entgegensetzen. Damit hätten Nutzer aus dem Euroraum kein Wechselkursrisiko wie bei Libra, und Europa würde bei der Entwicklung von Kryptowährungen nicht abgehängt. Die Fraktion will den Euro nach der gleichen Methode digitalisieren wie Libra. Leider hat sie dabei aber ein wichtiges Detail übersehen. Libra kann dem Nutzer kostenlose Transaktionen bieten, weil der Reservestock Zinseinkommen zur Kostendeckung abwerfen soll.

          Aufgrund der Anforderungen hinsichtlich Stabilität und Liquidität dürften vor allem Anlagen in Währungen der G7-Länder in Frage kommen. Darunter werfen der Dollar, der kanadische Dollar und das britische Pfund auf Anlagen mit Monatsfrist positive Zinsen von rund zwei bis 0,75 Prozent ab. Anlagen in Yen und Euro kosten dagegen 0,2 beziehungsweise 0,6 Prozent. Die Libra Vereinigung kann den zinstragenden Währungen ein größeres Gewicht einräumen und dadurch die Zinskosten von Yen und Euro kompensieren. Ein auf den als Kreditgeld verfassten Euro aufgepfropfter digitaler Euro bräuchte einen Reservestock, der Zinsen kostet statt bringt. Das bedeutet letztlich hohe Kosten, die dem Nutzer in Rechnung gestellt werden müssten. Die Wechselkursschwankungen des Euro gegenüber einem Korb von G7-Währungen sind nicht so hoch, dass ein Nutzer diesen digitalen Euro einer mit G7-Währungen gedeckten Libra vorziehen würde. Letztlich werden die Bedenkenträger Kryptowährungen nicht verhindern können. Statt zu nörgeln, sollten sie den Wettbewerb als Entdeckungsverfahren im Geldwesen laufen lassen.

          Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

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