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Mayers Weltwirtschaft : Inflation außer Kontrolle

  • Aktualisiert am

Thomas Mayer Bild: Thilo Rothacker

Jahrzehntelang kämpften die Notenbanken gegen zu hohe Inflation. Doch nun gibt es ein neues Problem: Die Inflation ist zu niedrig.

          3 Min.

          Seit Jahren bemühen sich die Zentralbanken, die Inflation auf ihre Zielmarke von um die zwei Prozent zu bringen. Nur der amerikanischen Notenbank Fed ist dies mit großer Anstrengung gelungen: In den vergangenen vier Jahren betrug die Kerninflation (ohne Preise für Energie und Nahrungsmittel) im Schnitt 2,0 Prozent. Für die Europäische Zentralbank lag der entsprechende Durchschnitt bei 1,0 Prozent, für die Bank von Japan sogar bei mageren 0,2 Prozent. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die Fed und andere Zentralbanken nun ihre Strategie der Inflationssteuerung überprüfen wollen.

          Diese Strategie kam in den neunziger Jahren auf, als es noch galt, die Inflation in Schach zu halten. Da die Wirtschaft einen natürlichen Hang zu Preiserhöhungen zu haben schien, konnten die Zentralbanken durch geschickte Handhabung der geldpolitischen Zügel den Inflationsauftrieb so begrenzen, dass die tatsächlichen Preissteigerungsraten sich in der Nähe des Ziels einpendelten. Mit der Jahrtausendwende ließ der natürliche Hang zu Preiserhöhungen jedoch nach. Dabei spielten technischer Fortschritt und vertiefte Handelsintegration, aber auch die aufgrund der erfolgreichen Politik der Zentralbanken gesunkenen Inflationserwartungen eine Rolle. Nun zeigte sich, dass die Zentralbanken zwar Inflation bekämpfen, aber nicht kontrolliert erhöhen können.

          Inflation soll durch Ausrichtung der Inflationserwartungen auf den Zielwert und Steuerung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage kontrolliert werden. Liegt die Inflation über dem Ziel, kann die Zentralbank über Zinserhöhungen das Kreditangebot verknappen und dadurch die Nachfrage bremsen. Das hat in den vergangenen drei Jahrzehnten geklappt. Liegt die Inflation unter dem Zielwert, kann die Zentralbank die Banken durch Zinssenkungen zwar anregen, mehr Kredite zu vergeben. Aber sie kann sie nicht dazu zwingen.

          Seit der großen Finanzkrise von 2007/2008 sind insbesondere europäische Banken stark geschwächt und bringen auch bei extremen Niedrigzinsen nicht die Kraft zu einer Kreditvergabe auf, die die Nachfrage so stärken würde, dass die Inflation anzieht. Je länger die Inflation unter dem Zielwert bleibt, desto größer wird die Gefahr, dass auch die Inflationserwartungen unter diesen Wert rutschen.

          Die Strategie der Inflationssteuerung über die Beeinflussung der Kreditvergabe durch die Zinspolitik wirkt also asymmetrisch. Damit lässt sich die Inflation verringern, aber nicht kontrolliert erhöhen. Das soll nicht heißen, dass die Zentralbanken überhaupt keine Möglichkeiten hätten, die Inflation zu heben. Sie können unter Umgehung der Banken Geld direkt in die Wirtschaft pumpen, indem sie dem Staat Kredite zur Steigerung seiner Ausgaben geben. Dabei besteht jedoch die Gefahr, dass der Staat der Zentralbank das Zepter der Geldschöpfung aus der Hand nimmt und sie zur Kreditvergabe nach seinen Bedürfnissen zwingt. Ein Blick in die Vergangenheit oder in die heutige Türkei zeigt, dass die Bürger dann das Vertrauen in die Kaufkraft des Geldes verlieren. Fliehen sie aus dem Geld, steigt die Inflation zwar, aber die Gefahr ist groß, dass der Anstieg außer Kontrolle gerät.

          Aus dieser Zwickmühle werden sich die Zentralbanken mit kosmetischen Korrekturen am Konzept der Inflationssteuerung kaum befreien können. Beteuerungen, nach der Phase der Niedriginflation nun eine Phase höherer Inflation über dem Ziel zu tolerieren, bis der Zielwert im Durchschnitt wieder erreicht ist, werden kaum helfen. Dazu müssten die Zentralbanken ihr Konzept ändern. Sie könnten an die Strategie anknüpfen, die sie vor der Inflationssteuerung nutzten: die Steuerung der Geldmenge. Diese misslang, weil die Banken privates Bankengeld über Kreditvergabe als Ersatz für Zentralbankgeld schöpfen konnten. Sie begannen, Geld nach ihrem Gusto zu definieren und die Geldmenge nach ihrem Belieben auszuweiten. Wie heute über die Inflation verloren die Zentralbanken damals die Kontrolle über die Geldmenge und änderten ihre Strategie.

          Jedoch könnten sie heute die Kontrolle über die Geldmenge leichter wiedergewinnen als die über die Inflation. Dazu müssten sie nur ausschließlich die von ihnen ausgegebenen Banknoten und die vollständig mit Zentralbankgeld gedeckten Bankeinlagen als Geld gelten lassen. Alle anderen Bankschuldverschreibungen wären dann keine Geldsurrogate mehr und würden mit einem flexiblen Kurs gegenüber Geld gehandelt. Vermutlich werden sich die Zentralbanken ohne größere Störungen nicht zu einem Wechsel ihrer kaputten geldpolitischen Strategie durchringen können. Doch könnte ihnen eine neue Finanzkrise oder der Siegeszug des Kryptogeldes Beine machen.

          Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

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