https://www.faz.net/-gqe-9n3f1

Mayers Weltwirtschaft : Macron gegen Deutschland

  • Aktualisiert am

Thomas Mayer Bild: Thilo Rothacker

Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron missfällt die Stärke der deutschen Wirtschaft. Seine Ideen bedrohen unseren Wohlstand.

          3 Min.

          In den ersten zwei Jahren seiner Amtszeit warb der französische Staatspräsident Emmanuel Macron um die Unterstützung von Bundeskanzlerin Merkel für seine ehrgeizigen europapolitischen Ziele. Ihr Geist schien willig, doch das Fleisch war schwach, und Macrons Ouvertüren versanken im politischen Treibsand der großen Koalition. Seit kurzem geht der abgewiesene Bewerber auf Konfrontationskurs. „Deutschland ist zweifellos am Ende eines Wachstumsmodells, das sehr von den Ungleichgewichten der Eurozone profitiert hat“, sagte Macron Ende April. Und: „Deutschland hat ein Produktionsmodell, das darauf beruht, dass es in Europa Billigproduktionsländer gibt – was dem Gegenteil des sozialen Projekts entspricht, das ich für Europa vertrete.“ Die Botschaft ist klar: Die deutsche Wirtschaft floriert auf Kosten anderer Euroländer und muss ihr Geschäftsgebaren ändern.

          Die Beschwerde ist nicht neu. Als der französische Franc noch im Europäischen Währungssystem (EWS) an die D-Mark gekoppelt war, klagte der französische Finanzminister Edouard Balladur im Jahr 1987 über die seiner Ansicht nach zu restriktive Geldpolitik der Deutschen Bundesbank. Andere EWS-Länder würden vor die Wahl gestellt, dieser Politik zu folgen oder ihre Währungen abzuwerten. Sein italienischer Amtskollege Giuliano Amato schlug in die gleiche Kerbe und warf Deutschland vor, seinen Partnern ihr Wachstumspotential zu rauben. Man wollte die Bundesbank zu einer „symmetrischen Politik“ bewegen, bei der nicht nur Länder mit Schwachwährungen ihren Wechselkurs zur D-Mark durch höhere Zinsen verteidigen müssten, sondern die Bundesbank bei Bedarf auch mit Zinssenkungen die D-Mark schwächen würde.

          Zur Verblüffung der Beschwerdeführer – und zum Ärger des damaligen deutschen Finanzministers Gerhard Stoltenberg – schlug Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher im Jahr 1988 vor, geldpolitische Symmetrie durch die Gründung einer europäischen Zentralbank herzustellen, die eine einheitliche Währung herausgeben sollte. Mit der deutschen Wiedervereinigung als Geburtshelfer kam dann die EZB auf die Welt. Sie ging über die gewünschte Symmetrie in der Geldpolitik sogar hinaus und richtete ihr Augenmerk besonders auf die schwachen Euroländer.

          Zu Beginn der Währungsunion war Deutschland „der kranke Mann Europas“, der die Zinsen für die anderen nach unten drückte. Frankreich, über dem nun nicht mehr das Damoklesschwert der Währungsabwertung schwebte, gönnte sich höhere Löhne und machte mehr Schulden. Das verfügbare Einkommen und die heimische Nachfrage stiegen weit stärker als in Deutschland, und man hielt das daraus entstehende außenwirtschaftliche Defizit dank der Währungsunion für ungefährlich. Doch die Agenda 2010 von Bundeskanzler Gerhard Schröder brachte den „kranken Mann“ wieder auf die Füße.

          Deutschland überstand die Finanz- und Euro-Krisen weit besser als Frankreich und kam zu neuer Stärke. Seit dem dritten Quartal 2008 stiegen die Löhne, die Beschäftigung, das verfügbare Einkommen, die reale heimische Nachfrage und das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Deutschland stärker als in Frankreich. Obwohl sich auch die Lohnstückkosten stärker erhöhten, stiegen die deutschen Exporte weit mehr als die französischen. Die außenwirtschaftliche Leistungsbilanz Deutschlands erreichte Rekordüberschüsse, während sich Frankreichs früherer Leistungsbilanzüberschuss in ein chronisches Defizit verwandelte. Haushalte, Unternehmen, Banken und der Staat verschuldeten sich, so dass die Gesamtverschuldung Frankreichs von rund 700 Prozent auf knapp 900 Prozent des BIP stieg. In Deutschland fiel die Schuldenquote dagegen von 609 auf 571 Prozent. Auch gegenüber dem Ausland ist Frankreich um rund 75 Prozent des BIP höher verschuldet als Deutschland.

          Mit der Währungsunion wurde Frankreich zwar die lästige Bundesbank los, sieht sich aber heute durch die deutsche Neigung, Schulden im Zaum und die Wirtschaft wettbewerbsfähig zu halten, wieder in der Defensive. Und wie seine Vorgänger versucht Macron, aus dieser Defensive herauszukommen, indem er die deutsche Politik auf französische Linie bringt. Deutschland soll durch schuldenfinanzierte Staatsausgaben und kräftige Lohnerhöhungen die heimische Nachfrage stärken und die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft auf französisches Niveau absenken. Doch er verschweigt den Preis für die Übernahme des französischen Modells: Verlust an wirtschaftlicher Dynamik durch staatliche Lenkung, höhere Inflation, Währungsabwertung, hohe Arbeitslosigkeit und eine tief gespaltene Gesellschaft.

          Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute und Professor an der Universität Witten/Herdecke.

          Weitere Themen

          Eine Blamage für Macron

          Ablehnung von Sylvie Goulard : Eine Blamage für Macron

          Der französische Präsident hat Ursula von der Leyen für das Scheitern seiner Kandidatin für die EU-Kommission mitverantwortlich gemacht. Sylvie Goulard war bei einer zweiten Anhörung im zuständigen Fachausschuss des EU-Parlaments überraschend durchgefallen.

          Topmeldungen

          Laut einem Zeitungsbericht vertagt Volkswagen die Entscheidung über ein Werk in der Türkei.

          Bericht: : VW vertagt Entscheidung über Werk in der Türkei

          Ursprünglich hatte VW der Türkei einen Vertragsabschluss über das Werk für Oktober in Aussicht gestellt. Aufgrund der Invasion türkischer Truppen im Norden Syriens könnte der Deal möglicherweise platzen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.